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Viertelfinalgegner Japan : Viel Luft nach oben

„Japanische Spielerinnen sind häufiger am Boden”, sagt ihr Trainer: Kelly Smith (l.) nützt das bei Mizuho Sakaguchi aus Bild:

Japan muss sich steigern, um eine Chance zu haben. Der deutsche Viertelfinalgegner hat jedoch ein Größenproblem: Die Spielerinnen von Trainer Norio Sasaki sind zu klein, um physisch mithalten zu können.

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          Entschuldigung, wir sind Japaner. Eine sanftere, höflichere Form öffentlicher Kritik und Selbstkritik ist kaum denkbar als die, mit der Norio Sasaki mit seiner Mannschaft ins Gericht ging. Die Worte des Trainers waren deutlich, und doch klangen sie nicht wie eine Attacke, sondern wie eine Mischung aus väterlicher Nachsicht und philosophischer Einsicht – wie die Bitte an den Rest der Welt um Verständnis dafür, im Spiel so gewesen zu sein, wie Japaner nun einmal sind.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          „Manchmal zu zurückhaltend, zu vorsichtig“ sei sein Team gewesen, fand Sasaki nach dem 0:2 gegen England, das Japan den Gruppensieg kostete und damit die Chance, im Viertelfinale den Turnierfavoriten Deutschland zu vermeiden. Sasaki vermisste an seinem kombinationsstarken Kollektiv jenen Schuss Entschlossenheit, im entscheidenden Moment auch einmal egoistisch zu sein. Eine fernöstliche Form von Zurückhaltung, die den wuchtigen englischen Stürmerinnen Ellen White und Rachel Yankey bei ihren Treffern völlig fremd war. „Sie hätten es öfter versuchen sollen zu schießen“, fand Sasaki über seine zu sozialen Angreiferinnen. „Oft gab es noch einen letzten Pass, und der war dann unnötig.“

          „Das technisch beste Team“

          Der Olympiavierte, im Spiel um die Bronzemedaille bei den Spielen in Peking 2008 Deutschland nur knapp unterlegen, präsentierte sich im letzten Vorrundenspiel nicht als ein Gegner, der den Deutschen bei dieser Weltmeisterschaft vor dem Viertelfinale am Samstag in Wolfsburg große Sorgen bereiten muss. Die englische Trainerin Hope Powell lieferte der Kollegin Silvia Neid, falls die es nicht sowieso schon wusste, einen praktischen Bauplan für eine Spielweise, mit der man den Kombinationen der Japanerinnen den Schwung nehmen kann. „Japan ist das technisch beste Team der WM“, fand die englische Trainerin – und setzte erfolgreich auf das Gegenmittel, „ihnen keinen Raum zu geben, neunzig Minuten zu rennen und sie mit Kontern zu erwischen“. Manchmal, fand Hope Powell, „muss man eben dreckig gewinnen“.

          Japans Trainer Norio Sasaki fordert von seinem Team, dass sie „bis zum Ende kämpfen müssen”

          Weil die Engländerinnen es dank ihrer Laufstärke schafften, den Japanerinnen nah auf die Pelle zu rücken, wurde der physische Nachteil der Asiatinnen immer wieder deutlich. Deren größte Spielerin ist mit 1,71 Metern die künftige Frankfurterin Saki Kumagai. Sie bildet mit der nur 1,62 Meter messenden Azusa Iwashimizu ein Innenverteidiger-Duo, das den kopfballstarken Deutschen viel Luft nach oben geben dürfte. Auch Torhüterin Ayumi Kaihori wird das kaum verhindern können. Deren überschaubare Länge von 1,70 Metern nutzten die Engländerinnen bei beiden Toren zu unerreichbaren Lupfern.

          Mit Schuhgröße 34 den Ball ins Tor

          Trainer Sasaki, der trotz schon feststehender Viertelfinalqualifikation im Spiel gegen England seine beste Elf einsetzte, macht die physische Unterlegenheit und mangelnde Wucht im Zweikampf Kopfzerbrechen. „Körperkontakt ist immer ein Problem, dem man sich stellen muss“, sagte der Trainer. „Japanische Spielerinnen sind häufiger am Boden, weil sie körperlich unterlegen sind. Wir versuchen das auszugleichen mit unserer Mannschaftsleistung.“ Dazu schafften es die Engländerinnen, kaum Eckbälle und Freistöße in Tornähe zuzulassen. Nur wem das gegen Japan gelingt, geht einer möglichen Bestrafung durch die beste Standard-Spezialistin der WM aus dem Weg: Aya Miyama, die mit Schuhgröße 34 den Ball scharf und präzise Richtung Tor zwirbelt. Aus einer dieser seltenen Gelegenheiten ergab sich auch die beste Chance, die aber die Potsdamer Stürmerin Yuki Nagasato kurz nach der Pause knapp vergab. „Wir haben nicht die Leistung gezeigt, zu der wir in der Lage wären“, sagte Sasaki. „Aber wir haben unsere Hoffnung nicht verloren. Wir wollen immer noch ins Finale dieser WM. Wir sind in der Lage, auch gegen Deutschland zu bestehen.“

          Zu unterschätzen ist das spielstarke Team in keinem Fall, es verlangt dem Gegner volle Einsatzbereitschaft ab. „Wir sind wie um unser Leben gerannt“, sagte die englische Mittelfeldspielerin Jill Scott, „und das mussten wir gegen ein so starkes Team wie Japan auch“. Erst recht, wenn die Japanerinnen gegen Deutschland das beherzigen sollten, was Trainer Sasaki in der Pause von ihnen, zum Glück vergeblich, gefordert hatte: Dass sie „bis zum Ende kämpfen müssen“, ja „bis zum Tode“. Und das ist, Entschuldigung, bestimmt nur so eine japanische Redensart.

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