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Skandinavien : Die Mutterländer des Frauenfußballs

Der schwedische Jubel hat lange Tradition Bild: dapd

In Skandinavien ist Frauenfußball seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit. Noch gehören die Mannschaften aus dem Norden Europas zu den Besten der Welt. Am Sonntag (18.15 Uhr) muss sich Norwegen gegen Brasilien beweisen.

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          Es begann alles mit Feminina Kopenhagen. So hieß die Mannschaft, die 1970 für Dänemark den ersten, höchst inoffiziellen Weltmeistertitel im Frauenfußball bei einem Einladungsturnier in Italien errang. Der Wettbewerb wurde von einem Getränkehersteller finanziert, Frauenfußball war damals mancherorts eine exotische Sensation mit einem Touch Glamour und einem gewissen Vermarktungspotential. Das war auch ein Jahr später so, als die Däninnen ihren Titel verteidigten. Dieses Mal schauten im Finale mehr als 80.000 Menschen im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt zu. Erst die Nachbarn aus Schweden und Norwegen brachen dann die dänische Vorherrschaft. „Die Anfangszeit des Frauenfußballs war ganz einfach skandinavisch geprägt“, sagt Susan Alansson, eine Spielerin der ersten Stunde im schwedischen Frauenfußball und heute Vizepräsidentin des schwedischen Fußballverbandes. „Deshalb sind wir so was wie die Mutterländer des Frauenfußballs.“ Während Dänemark in den vergangenen Jahren ein wenig den Anschluss an die Weltspitze verloren hat, zählen Schweden und Norwegen noch immer zumindest zu den besten Teams der Welt.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bei der Weltmeisterschaft haben sie ihre Auftaktspiele gegen Kolumbien und Äquatorialguinea jeweils gewonnen. Schweden besiegte zudem Nordkorea mit 1:0, Norwegen spielt am Sonntag (18.15 Uhr) im zweiten Spiel gegen Brasilien. „Wir zählen uns natürlich noch zu den besten Teams der Welt“, sagt die Schwedin Sara Thunebro, die in der Bundesliga für den deutschen Pokalsieger 1. FFC Frankfurt spielt. „Wir wissen, dass wir sicher die größte Tradition im Frauenfußball haben, und wir sind stolz darauf.“ Sie berichtet davon, wie gleichberechtigt Mädchen im schwedischen Fußball sind, welche selbst in Deutschland noch immer nicht erreichte Normalität die weibliche Balljagd in ihrer Heimat genießt. „Bei uns ist es einfach seit Jahrzehnten nichts Besonderes mehr, wenn Mädchen Fußball spielen.“

          Der Motor des Sports

          Dieser hohe Grad an Emanzipation geht auf die 60er und 70er Jahre zurück. Schweden und auch Norwegen waren in Sachen Gleichstellung von Mann und Frau dem restlichen Europa um Längen voraus. „Wir hatten in Norwegen schon in den 80er Jahren eine Premierministerin“, sagt Karen Espelund. „So etwas half natürlich auch im Fußball.“ Entsprechend war Skandinavien der Motor des Sports. In Schweden entstand schon früh eine landesweite Liga.

          Norwegens Spielführerin Ingvild Stensland fordert wieder Erfolge ihrer Mannschaft
          Norwegens Spielführerin Ingvild Stensland fordert wieder Erfolge ihrer Mannschaft : Bild: dapd

          Die drei skandinavischen Nationen stritten zudem beim Nordic Cup um den sportlich bis zur ersten Europameisterschaft im Jahr 1984 wertvollsten Titel für Nationalmannschaften. „Es gab in Schweden auch schon vor 1970 Fußballspiele und niemals den Versuch wie in Deutschland, uns das Spielen zu verbieten“, sagt Susan Alansson. „Natürlich dachten die meisten Männer: Lasst sie einmal spielen, sie werden bald wieder aufhören damit. Aber wir haben weitergemacht.“ Sogar so erfolgreich, dass Schweden 1984 die erste EM gewann.

          „Das war für die Anerkennung unseres Sports natürlich wichtig“, sagt die derzeitige amerikanische Nationaltrainerin Pia Sundhage, die damals im Endspiel den entscheidenden Elfmeter verwandelte. „Auch deshalb war es möglich, dass unsere Liga von Sponsoren unterstützt wurde und zur stärksten der Welt wurde.“ Die Damallsvenskan, wie die landesweite Spielklasse heißt, wurde 1988 gegründet und setzte Maßstäbe im Frauenfußball. Fortan konnten einige Fußballspielerinnen von ihrem Sport leben. Die Zuschauerzahlen konkurrierten bis zu einer schweren Krise vor drei Jahren sogar mit jenen im Männerfußball.

          Hohe Erwartungen in Norwegen

          Während die Skandinavierinnen im sportlichen Wettbewerb seit einem Jahrzehnt eindeutig Deutschland die europäische Vorreiterrolle überlassen müssen, haben sie immerhin noch auf der sportpolitischen Ebene die Nase vorn. Karen Espelund, kurzzeitig gar Generalsekretärin des norwegischen Fußballverbandes, ist mittlerweile kooptiertes Mitglied der Uefa-Exekutive. „Für noch mehr Anerkennung müssen wir in die Gremien“, sagt die Norwegerin. „Wenn wir den Fußball, gleich ob bei Männern oder Frauen, mitgestalten, dann werden irgendwann auch mal die unsinnigen Vergleiche zwischen Männer- und Frauenfußball aufhören.“ Ingvild Stensland sieht das derzeit noch etwas weniger politisch.

          Die norwegische Kapitänin will noch mit Leistungen auf dem Rasen überzeugen. „Ich denke, dass wir langsam mal wieder etwas gewinnen müssen, damit die Mädchen uns in Norwegen nacheifern wollen“, sagt die elegante Spielmacherin. So ähnlich sieht das auch Sara Thunebro. Sie will mit Schweden endlich wieder an alte Erfolge anknüpfen und eine Steilvorlage für die mit hohen Erwartungen verbundene Europameisterschaft 2013 in ihrem Heimatland liefern.

          Die Norwegerinnen können unterdessen gelassen ins Sonntagsspiel gegen den großen Favoriten Brasilien gehen. Immerhin hat das kleine skandinavische Land genau das im Briefkopf, was den Brasilianerinnen fehlt. Die müssen sich noch die fünf Sterne der Männer ausleihen, um auf ihrem Nationaltrikot über dem Wappen die Insignien einer erfolgreichen Fußballnation einsticken zu dürfen. Die Norwegerinnen haben schon einen Weltmeistertitel und einen Olympiasieg vorzuweisen. „Das ist freilich mittlerweile schon mehr als ein Jahrzehnt her“, sagt Eli Landsem. Sie staunte in dieser Woche über die deutsche Begeisterung für das Turnier und sagte nach dem Spiel gegen Äquatorialguinea neidisch, „dass bei uns vielleicht 500 Leute ein Spiel zwischen zwei ausländischen Teams verfolgt hätten. Hier in Augsburg waren es 13.000. Ich habe das Gefühl, dass Deutschland uns mittlerweile den Titel des Mutterlands abgejagt hat.“

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