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Welttrainer Ralf Kellermann : „Keine Deutsche hat den Sprung in die Weltklasse geschafft“

Hängende Köpfe: Anja Mittag, Nadine Angerer und Simone Laudehr (v.l.) nach der Niederlage gegen die Amerikanerinnen Bild: dpa

Mit Ralf Kellermann ist der VfL Wolfsburg eines der besten europäischen Teams geworden. Nun hat der Welttrainer des Jahres die Frauenfußball-WM intensiv vor Ort beobachtet. Im FAZ.NET-Interview spricht er über das Aus der Deutschen – und eigene Nationaltrainer-Ambitionen.

          Was sagt der Welttrainer des Jahres im Frauenfußball zur Weltmeisterschaft?

          Zunächst muss ich da sagen, dass mich nur meine Frau im Scherz Welttrainer nennen darf, wenn Sie mich bittet, den Müll zur Mülltonne zu bringen (lacht). Als aufmerksamer Beobachter betrachte ich die WM zweigeteilt. Die Organisation in den Stadien, das Ticketing, die Betreuung, da gibt es ein volles Lob. In jeder Stadt in der wir waren. hat alles perfekt geklappt.

          Und was bleibt negativ in Erinnerung?

          Ich finde es unmöglich, dass hier zwei oder noch mehr Teams in einem Hotel untergebracht waren. Es gibt in Ländern wie Kanada genug Hotelkapazitäten. Es kann nicht sein, dass man im Hotel ständig seinen Gegenspielerinnen begegnet. Das ist nicht mehr zeitgemäß, da es um zu viel geht. Das Kunstrasenthema war auch ein Störfaktor. Die Bewässerung des Kunstrasens war teilweise eine Farce und wie zuhause beim Blumengießen, die Bedingungen waren unterschiedlich, das war nicht WM-würdig, genauso wenig wie die Topspiele der Deutschen gegen Frankreich und die Vereinigten Staaten in einer Halle in Montreal, das hat bei einer WM nichts zu suchen.

          Spiegelt das Halbfinal-Aus des deutschen Teams den Leistungsstand wider?

          Eins vorneweg: Der Sieg der Amerikanerinnen war ohne jede Frage verdient. Auch wenn das Zusammenkommen mit dem verschossenen Elfmeter, der nicht gegebenen roten Karte und der zweifelhafte Elfmeterentscheidung sehr bitter war. Generell bewegen sich die besten vier bis fünf Teams der Welt aber von ihrem Potential her auf Augenhöhe. Die Spiele zwischen diesen Teams werden am Spieltag entschieden, von der Tagesform. Und da hat Deutschland in den Spielen im Viertelfinale gegen Frankreich und im Halbfinale gegen die Vereinigten Staaten nicht das komplette Potential abgerufen. Die Spielerinnen, wohlgemerkt meine vom VfL genauso wie die anderen, haben nicht zu ihrer Bestleistung gefunden.

          Äußerst erfolgreich: Ralf Kellermann hat mit dem VfL Wolfsburg schon fast alles gewonnen

          Woran liegt das?

          Das muss man analysieren. In einem Turnier passiert das manchmal.

          Fehlen den Deutschen im Vergleich zu den Vereinigten Staaten und Frankreich die individuell herausragenden Einzelspielerinnen?

          Es ist so, dass bei dieser WM keine deutsche Spielerin den Sprung in die Weltklasse geschafft hat, zu der alleine Nadine Angerer unter den Torhüterinnen gehört. Wir haben keine Typen, die herausstechen in dem Umfeld. Vielleicht müssen wir uns Gedanken machen, wie wir mehr Persönlichkeit entwickeln.

          Muss Deutschland die WM als Warnschuss in spielerischer Hinsicht verstehen, wenn man Frankreichs Spielkultur anschaut?

          Der Unterschied zu Frankreich ist nicht so deutlich, wie es nach der ersten Halbzeit des Spiels zu befürchten ist, aber Fakt ist, dass sich in Frankreich eine Menge entwickelt hat, dass wir uns in den nächsten Monaten und Jahren in diese Richtung weiterentwickeln müssen. Der Fußball hat sich weiterentwickelt und Frankreich spielt derzeit den modernsten und schönsten Fußball.

          Wie wir uns im Verein technisch weiterentwickeln müssen, so muss sich auch die Nationalelf technisch so weiterentwickeln, dass man sich auf engem Raum fußballerisch befreien kann. Frankreich und Japan haben im Spielaufbau Vorteile. Ich denke, dass dieser Stil Vorteile hat und in den nächsten Jahren auch zu Titeln führen wird. Aber man muss auch ganz deutlich sagen, dass die DFB-Frauen ihr WM-Ziel mit der Qualifikation für die Olympischen Spiele und dem Erreichen des Halbfinals voll erreicht haben.

          Inwiefern hat der Kunstrasen das Spiel negativ beeinflusst?

          Die Spielerinnen haben sich sicherlich weitgehend daran gewöhnt im Verlauf der Vorbereitung und kamen deshalb zurecht. Aber es kann ja eigentlich nicht Sinn einer Vorbereitung sein, dass man sich auf einen neuen Untergrund einstellen muss. Gewisse Spielertypen haben dennoch Nachteile: Spielerinnen mit Stärken im Tempodribbling  waren klar benachteiligt durch den Kunstrasen, weil der stumpfe Rasen und der dadurch im Rollverhalten veränderte Ball dabei schwerer zu kontrollieren ist. Eine Lena Goeßling war dadurch einer Stärke beraubt.

          Sie und ihre Assistentin Britta Carlson haben insgesamt 14 Spiele live vor Ort angeschaut. Was nehmen Sie mit nach Deutschland?

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