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Welttrainer Ralf Kellermann : „Keine Deutsche hat den Sprung in die Weltklasse geschafft“

Es hat sich voll gelohnt, hier gewesen zu sein. Alleine die Kontakte, die ich pflegen und knüpfen konnte, sind Gold wert. Ich bin fast immer als Letzter aus dem VIP-Raum gegangen (…) weil ich viele informative Gespräche geführt habe! Auch außerhalb der Spiele werden diese Gespräche fortgeführt. Ich habe sehr viele spannende, enge Spiele gesehen. Ich habe nicht einmal richtig entspannt im Stadion gesessen.

Nur bei Deutschland gegen Schweden und Amerika gegen Kolumbien hatte ich das Gefühl, dass nichts passieren kann. Alle anderen Spiele waren eng. Bei mir bleibt hängen, dass es insgesamt viel enger geworden ist, sich aber trotzdem die Topnationen wieder durch- gesetzt haben. England im Halbfinale ist die große Überraschung, Schweden die große Enttäuschung. Frankreich hat gegen Deutschland ein Riesenspiel gemacht. Dann kamen die deutschen Tugenden zum Tragen.

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Gab es eine Traineraktion, die Sie beeindruckt hat?

Eine echte Trainerleistung könnte der Japaner Sasaki geschafft haben. Die Japaner könnten monatelang geblufft haben: Sie haben z.B. am Test-Turnier, dem Algarve-Cup, zwar teilgenommen, aber in Portugal knallhart trainiert, somit waren die Ergebnisse zweitrangig und die Mannschaft schwer einzuschätzen.

Gab es taktische Neuerungen?

Ich hatte erwartet, dass es vielleicht Versuche mit der Dreierkette gibt. Die gab es aber nicht. Die Erkenntnisse für mich  sind: Es gibt Teams, die sich gegen aggressives Pressing spielerisch befreien können. Und es besteht die Notwendigkeit, dass man gegen dichte Abwehrverbünde spielerische Lösungen finden muss.

Teilen Sie die Ansicht vieler Zuschauer, dass der Frauenfußball sich in einem Stadium wie der Männerfußball in den 80ern befindet? Damals waren die Abwehrreihen zu stark und die Angriffsreihen fanden keine Lösungen mehr.

Diese WM hat gezeigt, dass die Mannschaften, die im Achtelfinale waren, alle verteidigen können. Es gab keine Undiszipliniertheiten und keine großen Räume. Es sind gefühlt extrem wenig Tore gefallen und in den meisten Spielen gab es auch wenige Torchancen. Es ist nun mal am leichtesten, die Defensive zu trainieren. Ich bin auch hier, um zu verfolgen, welche Lösungen die Nationen haben, um gegen diese massiven Abwehrriegel zu Torchancen zu kommen, das ist sehr interessant zu sehen.

Bei den Männern ist die Champions League der taktische Trendsetter. Bei den Frauen ist es die WM. Wie weit ist der Abstand zum Vereinsfußball?

Ich sehe das etwas anders: Olympique Lyon in Topform mit neun französischen Nationalspielerinnen in der Startelf gegen Deutschland und dazu noch der Schwedin Lotta Schelin in Topform könnte auch Weltmeister werden. Genau wie Barcelona bei den Männern. Viel wichtiger, um Trends zu beobachten ist die Leistungsdichte. Und da ist der große Unterschied zwischen Vereinsfußball und Nationalmannschaftsfußball (…). Die Leistungsdichte bei einer Frauen-WM zumindest unter den besten 16 Teams ist deutlich dichter, als in der Champions League der Frauen.

Es gab auffallend wenige Kopfballtore. Gibt es zu wenige Spielerinnen, die das beherrschen?

Das muss man anders betrachten. Es gab wenige Kopfballtore, weil es wenige Flanken gab. Und das lag daran, dass die Mannschaften gut verteidigen.

Haben Sie eigentlich irgendwo eine WM-Stimmung erlebt?

In Vancouver ist man gelandet und wusste, dass hier Fußball stattfindet. Vancouver war echt eine Reise wert. Montreal, wo die beiden besten Spiele angesetzt wurden, war hingegen eine ziemliche Enttäuschung. Da ging die WM unter.

Wenn eine WM so viel Spaß macht: Kann sich der Welttrainer denn mal vorstellen, bei einer WM zu arbeiten?

Die WM hat wirklich viel Spaß gemacht. Und natürlich ist es so, dass ich im Vereinsfußball schon sehr viel erreicht habe. Und auch wenn es auf die nächsten Jahre hin noch Riesenspaß machen wird mit einer tollen Perspektive, so ist es auch normal, dass die Aufmerksamkeit bei den Nationalteams deutlich höher ist. Sicher bin ich nicht abgeneigt, irgendwann einmal bei einer guten Gelegenheit auch mal eine Nationalmannschaft zu betreuen. Das ist jetzt kein vorrangiges Ziel, weil wir in Wolfsburg hervorragende Bedingungen haben. Aber mittelfristig ist das was.

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