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Pionierin Monika Staab : Gleichberechtigung durch Fußball

Voller Energie: Monika Staab, die einst den FFC Frankfurt zu Siegen führte, leitet beim Training junge Spielerinnen an. Bild: Generation Amazing

Die deutsche Trainerin Monika Staab engagiert sich für den weiblichen Nachwuchs. Auch bei der Frauen-WM leistet sie Entwicklungshilfe. Und sie glaubt trotz der Umstände an die positive Wirkung ihrer Arbeit.

          Saba Lakho führt den Ball nicht mit der allerbesten Technik, aber sie hat sichtlich Freude am Umgang mit dem Fußball. Strahlend und bisweilen kichernd läuft sie über den Kunstrasen eines Sportkomplexes am Ufer der Saône in Lyon. Als Monika Staab ein weißes Plastikhütchen als vereinbartes Zeichen hebt, setzt sich die junge Frau aus Pakistan auf den Ball. Übungsaufgabe erfüllt. Die Trainerin nickt zufrieden, dann nimmt sie sich einen Jungen vor, der den Ball vor dem Hinsetzen mit der Hand gestoppt hat. „Fußball heißt Fußball und wird nicht mit der Hand gespielt“, sagt Staab. Sie gibt dem Jungen einen Klaps auf die Schulter und hüpft mit ihm gemeinsam fünfmal hoch, was die „Strafe“ für einen Fehler im Trainingsspiel ist, an dem rund drei Dutzend Jugendliche teilnehmen.

          Frauenfussball-WM 2019

          Die 60 Jahre alte Monika Staab lebt auf dem Platz das Selbstbewusstsein vor, das man für die Führung eines Fußballteams haben muss. Viele Jahre hat sie das als eine der erfolgreichsten Trainerinnen im Fußball der Frauen praktiziert, den FFC Frankfurt hat sie um die Jahrtausendwende zu vier Meistertiteln, fünf Pokalsiegen und einem Europapokal-Triumph geführt. Seit mehr als einem Jahrzehnt hat sich die gebürtige Hessin nun der Fußball-Entwicklungshilfe verschrieben. In mehr als 80 Ländern hat sie im Auftrag des Internationalen Fußballverbands (Fifa) und der deutschen Bundesregierung gearbeitet, sie war unter anderem Nationaltrainerin in Bahrein und Qatar, derzeit leitet sie ein Projekt in Gambia.

          Ihr Ziel ist es, über den Fußball die Gleichberechtigung von Mädchen und Frauen voranzubringen. Sie weiß, wovon sie spricht, wenn sie über Entwicklungsarbeit mit dem Ball redet. „Die Situation der Mädchen in sehr vielen Ländern ist bezüglich des Fußballs so, wie es bei mir vor 50 Jahren war, als ich kaum jünger war“, sagt Staab. Sie war eine der Pionierinnen des deutschen Fußballs der Frauen, Anfang der Neunziger erwarb sie als zweite Frau überhaupt die DFB-Fußballlehrerlizenz. „Als ich elf Jahre alt war, durfte ich nicht so einfach Fußball spielen. Wir mussten uns das erkämpfen. Heute müssen diese Mädchen sich erkämpfen, dass Fußball für sie normal wird. Und dabei helfe ich ihnen mit meinen Erfahrungen.“

          In Lyon, wo am Sonntag das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen zwischen den Vereinigten Staaten und den Niederlanden ausgetragen wird, haben nun gut 500 Jugendliche vor allem aus Afrika, der arabischen Welt und aus Asien in einem Turnier mit 48 bunt zusammengewürfelten und gemischten Teams in der Praxis vorgelebt, wie Gleichberechtigung im Fußball funktioniert. Sie haben sich nach einem Konzept der in Berlin ansässigen Initiative Street Football World, zu deren Botschaftern auch die bei der WM durch spielerische Leistungen wie ihre Kritik an Präsident Donald Trump aufgefallene Amerikanerin Megan Rapinoe zählt, selbst Regeln gegeben – gerade auch für den Doppelpass zwischen Jungen und Mädchen.

          Sie bestreiten die Spiele zudem grundsätzlich ohne Schiedsrichter. „Sie sollen lernen, miteinander Konflikte zu lösen“, sagt Vladimir Borković, der als Sportpsychologe den Weg zu dem Projekt gefunden hat. Street Football World führt in aller Welt Fußball-Festivals wie das in Lyon durch, oft finanziert von den Organisatoren der Fußball-WM 2022 in Qatar. Diese mussten im Bewerbungsverfahren der Fifa unter anderem ein soziales und nachhaltiges Projekt der sogenannten Corporate Social Responsibility (CSR) vorweisen. In Qatar ist daraus das Projekt Generation Amazing entstanden, das auch nach Abschluss des Bewerbungsverfahrens weitergeführt wurde.

          Die Qataris wollten besonders in jenen Ländern durch Fußball Entwicklungshilfe leisten, aus denen viele Arbeiter auf den WM-Baustellen im Land stammten, sagt ein Sprecher von Generation Amazing, der für die qatarischen Organisatoren arbeitet. So seien etwa 28 Fußballplätze im Mittleren Osten finanziert worden. Die Situation der Arbeiter auf den Baustellen für die WM hat in den vergangenen Jahren immer wieder internationale Organisationen wie Amnesty International auf den Plan gerufen, die menschenunwürdige Zustände und schlechte Bezahlung moniert haben. Zudem wurden mehrmals Todesfälle beklagt, die auf die schlimmen Arbeits- und Wohnbedingungen der Arbeitskräfte zurückgeführt wurden.

          Natürlich weiß auch Monika Staab, dass Initiativen wie das Festival in Lyon wie ein Feigenblatt wirken können. Aber sie glaubt trotz ihrer großen Erfahrung mit Unbotmäßigkeiten wie Korruption oder Misswirtschaft in den Ländern, in denen sie tätig war, an die positive Wirkung ihrer Arbeit. „Wenn sie mich ins Land lassen, dann müssen sie akzeptieren, wie ich bin und wie ich auf dem Platz auftrete. Damit bewirke ich etwas.“

          In Lyon begeistert Staab gerade ein junges Mädchen wie Saba Lakho mit ihrer Art. „Sie ist sehr motivierend und inspirierend“, sagt Lakho, die als Botschafterin von Generation Amazing eingeladen wurde. „Sie ist so voller Energie.“ Diese Energie will Saba Lakho nach den Tagen in Lyon, wo die Jugendlichen am Sonntag (17.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Frauenfußball-WM, in der ARD und bei DAZN) gemeinsam das WM-Finale anschauen, mit in ihre Heimat nehmen. Dort will sie sich weiter dafür einsetzen, dass mehr Mädchen Fußball spielen können. Es müssen ja gar nicht unbedingt Tore fallen – sondern nur die Barrieren in den Köpfen der Menschen.

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