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Finale der Fußball-WM 2019 : Frauenpower an der Seitenlinie

Trainerin Sarina Wiegman steht mit den Niederlanden schon wieder in einem Finale. Bild: Reuters

15 von 24 Teams der Fußball-WM der Frauen haben männliche Trainer. Die Finalgegner werden von Cheftrainerinnen geführt. Beide müssen Kritik ertragen – und haben jeweils einen starken Mann an ihrer Seite.

          Trainingseinheiten des amerikanischen Fußball-Nationalteams der Frauen sind seit jeher auch eine große Show. Eine Vielzahl von Betreuern wuselt übers Feld, wenn es irgendwo einen Parcours aus Stangen oder Toren umzubauen gilt. An jeder Ecke des Feldes coacht ein anderer Experte eine Kleingruppe. Aufgabenverteilung nennt man das. Und am unauffälligsten ist dabei oft Jill Ellis. Die Cheftrainerin steht oft am Spielfeldrand und beobachtet das Treiben. Sie bewahrt den Überblick. Auch in den Tagen vor dem WM-Finale gegen die Niederlande, das am Sonntag (17.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Frauenfußball-WM, in der ARD und bei DAZN) vor ausverkauftem Haus im Stadion von Olympique Lyon ausgetragen wird.

          Frauenfussball-WM 2019

          Diese Zurückhaltung hat eine Zeitlang dazu geführt, dass die 52 Jahre alte, in der Hafenstadt Folkestone am Ärmelkanal aufgewachsene Engländerin unterschätzt wurde. Selbst nachdem die Amerikanerinnen 2015 erstmals nach 16 Jahren zähen Wartens den Weltmeistertitel zurückerobert hatten, auf den sie als Frauenfußball-Großmacht mit fast zehn Millionen aktiven Spielerinnen Anspruch erheben. Es gab Vermutungen, dass ihr schwedischer Assistent Tony Gustavsson das wahre Hirn im amerikanischen Betreuerstab sei. In diese Kerbe schlug auch die von Ellis ausgebootete frühere Torhüterin Hope Solo, als sie zu WM-Beginn ihre ehemalige Trainerin als führungsschwach und das Team als vom Assistenten geführt bezeichnete.

          Doch Ellis, mit 15 Jahren nach Amerika ausgewandert, wo ihr Vater eine Fußballschule eröffnete, lässt sich davon nicht beirren. Sie bleibt bei ihrem kollegialen Führungsstil. Und so sieht man während des Spiels mindestens genauso oft Gustavsson an der Seitenlinie wie Ellis selbst. Der Schwede scheint dabei eher der Mann für die Korrekturen an der defensiven Grundordnung zu sein, Ellis wirkt eher individuell auf die Spielerinnen ein. Die Nationaltrainerin bezeichnete die Arbeitsweise einmal als geprägt von beiderseitigem Vertrauen. So muss es wohl sein, wenn ein Duo aus einem im schwedischen Vereinsfußball als Cheftrainer erfolgreichen Mann und einer im internationalen Fußball zu einer Erfolgstrainerin gewordenen Frau seit nunmehr sechs Jahren funktionieren soll. „Tony bringt einen anderen Blickwinkel rein, das ist gut. Aber Jill Ellis ist unsere Cheftrainerin“, sagt Offensivspielerin Rose Lavelle, eine Lieblingsschülerin von Ellis.

          Ähnliches gilt auch fürs niederländische Trainerteam: Sarina Wiegman vertraut ihrem Landsmann Foppe de Haan. Das Duo führte die Niederlande vor zwei Jahren zum Europameistertitel beim Turnier im eigenen Land. Der Erfolg war eine Sensation, aber auch Resultat einer bemerkenswert unaufgeregten Trainerin, die einst 104 Mal für die niederländische Auswahl gespielt und eine prägende Studienzeit an einem amerikanischen College verbracht hatte. Wiegman entschied sich damals vor dem EM-Turnier für eine Stammelf, an der sie mit minimalsten Veränderungen bis heute festhält. Sie wirkt deshalb ein wenig phantasielos und fast langweilig, weil das konstante Beharren auf dem Immergleichen nicht wirklich spannend zu vermitteln ist.

          Die Engländerin Jill Ellis ist Cheftrainerin der Vereinigten Staaten.

          Dafür stimmen die Ergebnisse, zumindest seit den überstandenen Play-offs zur WM-Qualifikation. Im November hatten sich die Niederlande gegen die damals noch von der heutigen Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg betreute Schweiz durchgesetzt. Seither läuft es wieder so gut wie bei der EM vor zwei Jahren. Und dennoch stand Wiegman in ihrer Heimat in der Kritik. Die Auftritte seien zu ergebnisorientiert gewesen, der Fußball nicht schön genug.

          Im Halbfinale gegen Schweden setzte sich ihr Team tatsächlich wegen der größeren Beharrlichkeit 1:0 nach Verlängerung durch. Wiegman gibt ihrem Team einen Kurs der Effizienz vor, was auch im Finale der einzige Weg zur großen Überraschung zu sein scheint. Ihre amerikanische Kollegin Ellis ist freilich nicht weniger pragmatisch, wenn sie bei dieser WM meist auf die spielerisch begabte Carli Lloyd verzichtet und stattdessen mehr als noch vor vier Jahren auf Athletik setzt. Die amerikanische Abwehr ist deshalb noch schwerer zu überwinden als zuvor.

          Und so gibt es nun das zweite WM-Finale nach 2003, als Deutschland mit Tina Theune gegen die von Marika Domanski-Lyfors trainierten Schwedinnen gewann, in dem beide Teams von einer Cheftrainerin betreut werden. Wiegman wertet das als ein gutes Zeichen auch über den Sport hinaus. „Es ist gut, wenn sich Frauen in allen Bereichen entwickeln. Es müssen mehr eine Chance in höheren Positionen bekommen, das gilt für alle gesellschaftlichen Bereiche. Wir brauchen Chancen, um unsere Qualitäten zu zeigen“, sagte sie nach dem Finaleinzug.

          Die amerikanische Verteidigerin Kelley O’Hara möchte es ebenfalls als wichtiges Statement verstanden wissen, dass im Finale zwei Frauen auf den Bänken sitzen, nachdem zu Turnierbeginn noch 15 Männer mit neun Frauen um den Titel gestritten hatten. „Schon im Viertelfinale waren es mehr Trainerinnen als Trainer, im Endspiel werden nun beide Teams von einer Frau gecoacht. So sollte das meines Erachtens sein, weil es immer mehr gute Trainerinnen mit Erfahrung und Erfolgen gibt“, sagt sie. Am Sonntag wird nun eine der beiden Damen um einen Erfolg reicher sein.

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