https://www.faz.net/-gtl-9op7o

Niederlande im WM-Finale : Ein großer Glücksfall für Oranje

Jackie Groenen erzielte das goldene Tor im WM-Halbfinale. Bild: AFP

Die Niederlande spielen im Finale gegen die Vereinigten Staaten um den Titel bei der Fußball-WM der Frauen. Der Lauf von Oranje hat viel mit Jackie Groenen und einem glücklichen Zufall zu tun.

          3 Min.

          Monika Staab erinnert sich noch an ein kleines Mädchen, das vor anderthalb Jahrzehnten stets in den Schulferien zu den Mädchenfußballschulen des FFC Frankfurt eigens aus Belgien angereist war. Der Vater hatte das Sommercamp entdeckt, das die ehemalige Trainerin des damals besten europäischen Frauenfußballklubs FFC Frankfurt in den Schulferien angeboten hatte, und wollte seinen Töchtern die Möglichkeit zur Entwicklung ihres Fußballtalents eröffnen. Und so spielten Jackie Groenen und ihre Schwester Merel immer wieder auf den Plätzen am Frankfurter Brentanobad. „Ich habe Jackie schon damals gesagt, dass sie eine Große werden kann, dass für sie alles möglich ist“, sagt Staab, die seit mehr als einem Jahrzehnt in der Fußball-Entwicklungshilfe tätig ist und derzeit im Auftrag der Bundesregierung in Gambia arbeitet. „Der Vater träumte immer davon, dass sie mal für den FFC spielen und deutsche Nationalspielerin werden könne.“

          Frauenfussball-WM 2019

          Der erste Wunsch ging in Erfüllung. Jackie Groenen spielte in den vergangenen vier Jahren für den FFC in der Bundesliga, ehe sie nun nach der Weltmeisterschaft zu Manchester United wechseln wird. Der andere Traum konnte mangels geeigneter Staatsbürgerschaft nicht in Erfüllung gehen. Zum Glück für die Niederlande. Denn die mittlerweile 24 Jahre alte Groenen schoss die „Oranje Leeuwinnen“ am Mittwochabend ins Finale der Weltmeisterschaft in Frankreich. Beim 1:0-Sieg des Europameisters nach Verlängerung gegen Schweden erzielte sie in der 99. Minute den entscheidenden Treffer. „Mir wurde immer wieder gesagt, dass ich auch mal schießen soll. In dem Moment war es die perfekte Schussposition für mich“, schilderte Groenen ihren Treffer aus 18 Metern halbrechter Position, erst ihr drittes Tor in mehr als 50 Länderspielen.

          Und so kann die Nummer 14 des Nationalteams nach jenem Titel greifen, der der größten Nummer 14 der niederländischen Fußballgeschichte verwehrt geblieben ist. Der 2016 verstorbene Johan Cruyff musste sich 1974 nach der 1:2-Niederlage gegen das deutsche Gastgeberteam mit dem zweiten Platz begnügen wie auch die Generationen nach ihm in zwei weiteren WM-Endspielen. Groenen, die die Rückennummer aus Verehrung für Cruyff trägt, und ihr Team könnten den Bann nun an diesem Sonntag (17.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Frauenfußball-WM, in der ARD und bei DAZN) im Endspiel brechen, sollte ihnen die Überraschung gegen die großen Favoritinnen aus den Vereinigten Staaten gelingen.

          Die Niederländerinnen können dabei immerhin auf ihre erstaunliche Bilanz von nun 12 Turnierspielsiegen in Serie bauen. 2017 fing alles an, als die Gastgeberinnen bei ihrer Heim-Europameisterschaft plötzlich aus dem sportlichen Nichts heraus mit dem Gewinnen anfingen. „Das kann man gar nicht erklären. Wir haben einfach einen Flow“, sagte Jackie Groenen schon nach dem Achtelfinale, als sie den glücklichen 2:1-Sieg gegen Japan zu erklären hatte.

          Der Lauf hat dabei auch viel mit Groenen und einem glücklichen Zufall zu tun. Zum einen hätte der Weg des Bewegungstalents vor einigen Jahren auch zum Judo führen können, wo sie als EM-Dritte bei den Juniorinnen bereits zum Perspektivkader für Olympia gezählt hatte. Zum anderen war die Mittelfeldspielerin bis kurz vor der Heim-EM gar nicht mehr direkt im Blick des niederländischen Verbandes, wie sie sagt. Einige Jahre zuvor hatte Groenen nämlich einmal nach einer Nichtberücksichtigung im Jugendnationalteam einen Wechsel zum Fußballverband Belgiens angestrebt, wo sie bei ihren Eltern aufgewachsen war.

          Groenen verwarf den Plan dann zwar wieder, erst ein Spielbesuch des früheren niederländischen Nationaltrainers Roger Reijners beim FFC Frankfurt brachte sie wieder zurück in den Fokus der Niederländer. Reijners hatte sich eigentlich eine Niederländerin im Trikot des Gegners aus Jena angeschaut, nach dem Spiel aber begegnete er Groenen an der Imbissbude des Stadions und war nach Worten Groenens überrascht, dass sie dort mit jemandem Niederländisch sprach.

          Und plötzlich eröffneten sich neue Perspektiven. Groenen wurde Nationalspielerin und wurde ein Jahr später unter der Reijners-Nachfolgerin Sarina Wiegman zu einer der Stützen des Teams, das überraschend die Europameisterschaft gewann und im Gastgeberland eine nicht zu erwartende Begeisterung für den Fußball der Frauen ausgelöst hat. Die Fans feierten zu Zehntausenden ihre Heldinnen, auf den Straßen tanzten und hüpften die Menschen zum niederländischen Gassenhauer „Jij Krijgt Die Lach Niet Van Mijn Gezicht“ („Du kriegst das Lachen nicht aus meinem Gesicht“).

          Und bei der WM ging es einfach so weiter. Gerade im Norden Frankreichs waren die Tribünen nahezu vollständig in Oranje eingefärbt durch die vom Verband organisierten Massenreisen. „Onse Jacht“ („Unsere Jagd“) lautet das WM-Motto, und es passt besonders gut zu Groenen, die als zentrale Figur im Mittelfeld Gegnerinnen mit ihrem auch beim Judo erlernten Zweikampfgeschick den Ball abjagt und das Umschaltspiel einleitet. „Jetzt fehlt nur noch ein Spiel“, sagt Groenen. „Die Amerikanerinnen sind natürlich extrem stark. Aber in einem Spiel ist immer alles möglich.“ Das weiß Groenen seit früher Kindheit. Einen Teil davon hat sie auf Frankfurter Fußballplätzen gelernt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.