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Frauenfußball-WM 2019 : Große Erwartungen bei Frankreichs Heimspiel

Mannschaftsbild mit Staatspräsident Emmanuel Macron: die französischen fußballfrauen Bild: dpa

Das Männerturnier 1998 war ein Erweckungserlebnis des französischen Fußballs. Nun soll es bei der WM der Frauen ähnlich laufen. Dabei wird der selbsternannte Mitfavorit mit Erwartungen überfrachtet.

          Frankreich steht zusammen. Das sollte eine Foto symbolisieren, das der französische Verband (FFF) vor Beginn der Frauenfußball-Weltmeisterschaft an diesem Freitag mit dem Eröffnungsspiel Frankreich gegen Südkorea (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Frauenfußball-WM, im ZDFund bei DAZN) anfertigen ließ. Insgesamt 73 Menschen stehen dort vereint. Über der Gruppe thronen der Präsident des FFF, Noëlle Graët, und seine drei Nationaltrainer: Didier Deschamps umarmt den U-21-Coach Sylvain Ripoll, Le Graët hat Corinne Diacre, die Trainerin des Frauenteams, in den Arm genommen. Rundherum stehen und sitzen alle Nationalspielerinnen und Nationalspieler Frankreichs, Weltmeister Paul Pogba stützt sich lässig mit dem Ellbogen auf den Schultern der weiblichen Anführerin Amandine Henry und Stürmerin Viviane Asseyi ab, Nachwuchs-Nationalspieler Ibrahima Sissoko umarmt Verteidigerin Julie Debever. „Das ist ein starkes Symbol“, sagt Deschamps.

          Frauenfussball-WM 2019

          Ein solches Bild gab es im deutschen Fußball noch nie, wo Männer und Frauen so sehr nebeneinanderher vermarktet werden, dass sich Torhüterin Almuth Schult schon voller Verwunderung gefreut hat, als ihr männliches Pendant Manuel Neuer sie bei einem zufälligen Treffen überhaupt erkannt hat. Dieses Familienfoto des französischen Fußballs ist freilich dem Umstand geschuldet, dass sich alle drei Nationalteams zufällig zur gleichen Zeit in der nationalen Akademie in Clairefontaine auf Spiele vorbereitet haben. Dennoch ist die Aufnahme ein Signal: Es herrscht die Hoffnung auf einen Aufschwung durch die erste Frauen-WM auf französischem Boden, wo der Sport nur in Lyon dank des Engagements des milliardenschweren Klubbesitzers Jean-Michel Aulas wirklich eine bemerkenswerte Rolle spielt.

          Olympique Lyon gewann zuletzt dreimal die Champions League und versammelte um die einzige deutsche Weltklassespielerin Dszenifer Marozsan und Weltfußballerin Ada Hegerberg eine Weltauswahl im Kader. Aus naheliegenden Gründen endet die WM daher mit den Halbfinals und dem Endspiel im Stadion von Olympique. „Die Spiele sind seit Monaten ausverkauft“, sagt Aulas: „Die WM wird einen unwiderstehlichen Schub auslösen. Wenn Frankreich gewinnt, investieren weitere Klubs in den Frauenfußball.“

          So werden Erinnerungen wach an das Männerturnier von 1998, das durch den ersten Titelgewinn von „Les Bleus“ durch Zinedine Zidane, Didier Deschamps, Thierry Henry und Co. so etwas wie das Erweckungserlebnis des französischen Fußballs überhaupt wurde. Zahlreiche französische Zeitungen greifen auch deshalb in ihren Überschriften auf den vieldeutigen Titel des berühmten WM-Dokumentarfilms über die 1998er-Weltmeister zurück: „Les yeux dans les Bleues“ (“Alle Augen auf die Blauen“) war dieser Tage häufig zu lesen. „Natürlich haben auch wir die Chance, Weltmeister zu werden und etwas zu tun für den Fußball“, sagt Trainerin Corinne Diacre, die in den vergangenen Wochen allerdings angespannt wirkte.

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          Zum Thema Gleichberechtigung wollte sie sich bewusst nicht äußern. Diacre ist aus ihrer Vergangenheit Leid gewohnt: Sie trainierte mehr als drei Jahre den Männer-Zweitligaklub Clermont Foot; einen sportlich höherklassigen Trainerposten hat weltweit noch keine Frau innegehabt. Diacre zeigte sich freilich genervt, dass sie selbst in Zeiten, als ihr Team sogar ans Tor zur Erstklassigkeit angeklopft hat und sie von „France Football“ zur besten Zweitligatrainerin gekürt wurde, immer noch auf die vermeintlich so ungewöhnliche Situation angesprochen wurde. Das mag, ohne dass die Trainerin es bestätigte, dazu beigetragen haben, dass sie 2017 dem Ruf des Verbandspräsidenten Le Graët folgte und den Männerfußball erst einmal wieder hinter sich ließ.

          In der neuen Aufgabe warten freilich abermals stereotype Fragen. Die WM wird überfrachtet mit Erwartungen, dass die Spielerinnen nicht nur um Tore, sondern auch um Gleichberechtigung zu kämpfen hätten. Der Slogan des Ausrüsters unterstreicht das: „Ne change pas ton rêve. Change le monde.“ (Ändere nicht deinen Traum. Verändere die Welt.) Dafür wird nichts anderes als der Titel erwartet, mit dem Frankreich nach dem WM-Sieg der Männer im Vorjahr in Russland zudem zur ersten Fußballnation würde, die beide Fifa-Trohäen zur gleichen Zeit im Besitz hätte. Spielführerin Amandine Henry unterstrich die Ambitionen mit der Aussage, dass sie davon träume, wie Hugo Lloris vor einem Jahr in Moskau am 7. Juli in Lyon den Pokal in den Abendhimmel recken zu dürfen.

          Die Situation erinnert an die des deutschen Teams bei der Heim-Weltmeisterschaft 2011. Der dritte Weltmeistertitel in Serie nach den Erfolgen 2003 in den Vereinigten Staaten und 2007 in China wurde damals fast schon als eine Selbstverständlichkeit angesehen und Notwendigkeit im Kampf um Anerkennung. Gerade die dreimalige Weltfußballerin Birgit Prinz, die erfolgreichste Spielerin in der deutschen Fußballgeschichte, fiel während des Turniers in ein so tiefes Loch, dass sie beim Ausscheiden gegen Japan nicht einmal als Ersatzspielerin zum Einsatz kam.

          Sie fühlte sich während des Turniers „wie Freiwild“, das auf Schritt und Tritt von Kameras verfolgt und von der Öffentlichkeit beobachtet wurde. Deshalb war ein Ratschlag an die Französinnen umso verständlicher, den die acht Jahre nach dem Karriereende bei der WM als Psychologin ins deutsche Team zurückgekehrte Prinz erteilte. Sie empfahl den Gastgeberinnen in einem in der französischen Fußball-Fachzeitschrift „France Football“ abgedruckten Statement, dass sie „einen Kokon schaffen müssen, um sich nicht ablenken zu lassen und um sich nicht beeinflussen zu lassen von der Medienlandschaft“. Ob das gelingt, ist fraglich.

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