https://www.faz.net/-gtl-9o1u4

Nationaltorhüterin Schult : Die Perfektionistin

  • -Aktualisiert am

Greift mutig zu: Almuth Schult (links) im WM-Spiel gegen Spanien Bild: Reuters

Sicherer Rückhalt bei der Weltmeisterschaft: Almuth Schult ist für das deutsche Team ein Glücksfall. Dass die Torhüterin immer das letzte Wort haben will, wird deshalb akzeptiert.

          4 Min.

          Um Almuth Schult dieser Tage ins Zweifeln zu bringen, brauchte es schon eine Torjägerin von ganz besonderem Format mit einem reichen Erfahrungsschatz und 41 Lebensjahren. In einer Trainingseinheit in Lille vor wenigen Tagen stand eine solche Stürmerin auf dem Platz. Birgit Prinz, deutsche Rekordspielerin und -torschützin außer Diensten und mittlerweile als Team-Psychologin bei der WM-Mission in Frankreich im Einsatz, überwand die deutsche Nationaltorhüterin dreimal in Serie mit dem gleichen Trick. Einer Körpertäuschung der dreimaligen Weltfußballerin folgte der lockere Lupfer mit dem Außenrist über Schults ausgestrecktes linkes Bein hinweg ins kurze Eck.

          Frauenfussball-WM 2019
          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Sie hat in der Übung immer wieder die winzige Lücke auf der ballfernen Seite gefunden“, sagt Schult. Nach dem dritten Gegentreffer ging Schult ins Fußball-Fachgespräch mit der Frau, mit der die Nationalspielerinnen eigentlich über mentale Fragen diskutieren sollen. Prinz und Schult kamen gemeinsam mit Torfrauentrainer Michael Fuchs zum Schluss, dass Schult noch einen Meter weiter vorrücken müsse. Und fortan war das Tor wieder vernagelt wie in den bisherigen WM-Spielen, in denen Deutschland gegen China und Südafrika jeweils 1:0 gewonnen hat.

          „Birgit hat einfach diesen ganz besonderen Torjägerinstinkt, wofür ich sie schon bewundert habe, als ich noch mit ihr zusammenspielen durfte. Für uns im Torhüterinnentraining ist das unheimlich wertvoll, dass sie da mithilft“, sagt Schult. Es passt zu ihrem Perfektionismus, dass sie bei der WM die abschlussstärkste Frau in der deutschen Fußballgeschichte als Sparringspartnerin dabeihat. Die 28 Jahre alte Torhüterin vom VfL Wolfsburg will jeden Tag besser werden. Alles andere wäre für sie ein Rückschritt. Für das deutsche Team ist sie deshalb ein Glücksfall. Sie war der Ruhepol gegen China und Spanien, die dem deutschen Team vorzeitig die Qualifikation fürs Achtelfinale und vor dem abschließenden Vorrundenduell mit Südafrika in Montpellier am Montag (18 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Frauenfußball-WM und in der ARD) eine gute Ausgangsposition für den Gruppensieg bescherte. „Almuth ist präsent, sie strahlt Ruhe aus und überträgt das aufs Team“, sagte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg nach dem Spiel gegen Spanien: „Sie ist eine großartige Hilfe und gibt viel Input, was das Team taktisch braucht.“

          Bilderstrecke
          DFB-Team bei der WM 2019 : 23 Frauen für Deutschland

          Der starke Eindruck bei der WM überrascht, wenn man die Vorgeschichte kennt: Im Frühjahr hatte Schult nach einer Masernerkrankung damit zu kämpfen, überhaupt wieder voll belastbar ein Training absolvieren zu können. Dadurch geschwächt, leistete sie sich nach ihrer Rückkehr ins Tor mehrere haarsträubende Fehler im Halbfinale der Champions League gegen Lyon und im Testspiel des Nationalteams gegen Japan. Die Nachwirkungen spürte sie noch bis zum Vorbereitungsstart mit starker Müdigkeit. Zum Ende der Bundesliga-Saison, die sie mit dem VfL Wolfsburg zum dritten Mal in Serie als Double-Gewinnerin abschloss, verletzte sich Schult dann auch noch an der Schulter, so dass die WM-Mission auch jederzeit eine Gratwanderung mit der steten Gefahr eines Ausfalls der Torhüterin bleibt. „Die medizinische Abteilung hat tolle Arbeit geleistet. Mich belastet das überhaupt nicht“, sagt Schult aber.

          So ist sie zur bislang Besten im deutschen Team geworden, lässt mit ihren guten Leistungen bemerkenswerten Worten große Taten folgen. In einem F.A.Z.-Interview hatte sie Kritik am Deutschen Fußball-Bund geübt und fehlende Kreativität sowie gar Desinteresse und Ressentiments angemahnt. Dadurch ist eine starke Frau, deren Wort zuvor schon im Mannschaftsrat Gewicht hatte, zur vernehmbaren Stimme des Kaders in der Öffentlichkeit geworden.

          Die Torfrau hatte sich damit umso mehr unter Druck gesetzt. Nach vier Jahren als unumstrittene Nummer eins und Rückhalt beim Olympiasieg von 2016 scheint Schult indes nun gewillt, in die großen Fußstapfen ihrer Vorgängerin Nadine Angerer zu treten. Angerer, mit der Schult befreundet ist, war einst im Tor zur Frontfrau des deutschen Teams geworden. Diese Rolle entspricht auch Schults Charakter. Viele Wegbegleiterinnen und frühere Trainer sagen, dass sie immer das letzte Wort haben wolle oder gar müsse. „Es stimmt schon, dass ich immer meinen Senf dazugeben muss“, sagt sie. Bei Voss-Tecklenburgs Vorgängerin Steffi Jones, die vor der EM 2017 jeder Spielerin einen Spitznamen aus der Welt der Zeichentrickfilme gab zur Förderung des Teamgeistes, war Schult der „Schlaubi Schlumpf“, der Besserwisser unter den beliebten blau-weißen Zeichentrickgestalten. Frühere Trainer sagen, dass sie damit gelegentlich nerve, da sie aber immer an der Sache orientiert sei und vor allem ihre Leistung bringe, akzeptiere man diese Eigenart aber ebenso wie die etwas eigenwilligere Vorbereitung.

          Schult braucht ein paar Freiheiten. So durfte sie beispielsweise zwei Tage vor dem Champions-League-Spiel gegen Lyon noch spätabends in Berlin in einer Jury beim Fußball-Filmfestival „11 Millimeter“ sitzen und musste erst zum Abschlusstraining wieder in Wolfsburg sein. „Ich kann mich nicht fünf Stunden oder gar einen Tag vor einem Spiel in einen Tunnel begeben. Es muss für mich auch möglich sein, noch relativ kurz vor einem Spiel an was anderes denken zu dürfen. Wenn es aber drauf ankommt, dann bin ich fokussiert“, sagt sie mit dem Selbstbewusstsein von mittlerweile 61 Länderspielen. Schult könnte deshalb bei ihrer dritten WM im Nationalteam und ihrer ersten als Nummer eins in einem Team der weitgehend Namenlosen und Unerfahrenen so wie einige Jahre lang Angerer jene werden, an der sich andere im Team aufrichten können.

          In Frankreich strahlt sie jedenfalls Selbstvertrauen aus, wenn sie den bisherigen Turnierverlauf interpretiert. „Ich bin sehr froh über den Turnierstart. Wir wissen nach schweren Spielen in der Vorrunde, wo wir stehen. Wir haben gezeigt, dass wir bezüglich Wille, Leidenschaft und Physis bereit sind“, sagt sie. Tatsächlich hat das deutsche Team gegen Spanien beispielsweise bei einem Wert von kumuliert 112 Kilometern einen Wert erlaufen, der an durchschnittliche Männerwerte heranreicht und den es im Frauenfußball bei allerdings sehr spärlicher Datenbasis so noch nicht gegeben  haben soll. „So etwas kann man im Turnierverlauf nicht mehr verbessern. An den Dingen, die uns im Spielerischen fehlen, kann man noch arbeiten.“ Am Montag hat Deutschland gegen Südafrika die große Chance, dank der bereits sicheren Achtelfinalqualifikation vom Druck etwas befreit unter Wettbewerbsbedingungen an der Feinabstimmung zu arbeiten. Auf den sicheren Rückhalt dürfen sie dabei bauen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Fertigungsstrecke von Geely in der chinesischen 6-Millionen-Einwohner-Metropole Ningbo.

          Autos aus Fernost : Chinas Einheitsfront gegen VW und Tesla

          Wie von Peking gewünscht, knüpft Milliardär Li Shufu ein Netzwerk mit chinesischen Technologiegiganten, um das Auto der Zukunft zu bauen. Auch Daimler darf helfen beim Projekt Welteroberung.
          Demonstranten auf dem Puschkin-Platz in Moskau am Samstag

          Demonstrationen für Nawalnyj : „Putin ist ein Dieb!“

          Zehntausende Menschen protestieren am Samstag gegen den russischen Staatspräsidenten und für die Freilassung Alexej Nawalnyjs. Die Staatsmacht geht hart gegen die friedlichen Demonstranten vor.
          Die Maske als Modeaccessoire

          Maßnahmen gegen Corona : Das Problem mit dem Lockdown

          In Museen, Friseursalons oder Fußballstadien steckt sich kaum jemand mit Corona an. Trotzdem bleibt alles zu. Was haben die Ministerpräsidenten gegen gezielte Maßnahmen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.