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England bei Frauenfußball-WM : Psychologische Kriegsführung

Achtung Spione? Englische Spielerinnen bei der Teambesprechung mit Trainer Neville (Mitte) Bild: AFP

Britische Zurückhaltung? Trainer Phil Neville versucht, vor dem Halbfinale seiner Engländerinnen bei der Frauenfußball-WM gegen die Vereinigten Staaten einen Psychokrieg anzuzetteln.

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          Am Montagmorgen herrschte noch einmal Aufregung beim Training des englischen Fußball-Nationalteams der Frauen. Rund um das Sportgelände Terrain d’Honneur in Limonest, einige Kilometer außerhalb von Lyon, huschte jemand in den Büschen herum. Ein amerikanischer Spion, der letzte Eindrücke sammeln wollte vor dem mit Spannung erwarteten Halbfinale der Fußball-WM der Frauen zwischen England und den Vereinigten Staaten (21 Uhr/ F.A.Z.-Liveticker zur Frauenfußball-WM und im ZDF)? Ein paar Betreuer stellten den Mann, er stellte sich als Einheimischer heraus, der nur seine persönliche Neugier stillen wollte. Geheimnisse werden also erst am Dienstagabend auf dem Feld gelüftet.

          Die kleine Anekdote vom Trainingsplatz passte zum Tohuwabohu, das der englische Nationaltrainer Phil Neville in den vergangenen Tagen ausgelöst hat: Der frühere Profi von Manchester United und 69-malige englische Nationalspieler begibt sich vor dem Duell mit den Titelverteidigerinnen auf das Feld der psychologischen Kriegsführung. Schon beim 3:0-Viertelfinalsieg gegen Norwegen jubelte er besonders exzessiv den Scouts der potentiellen Halbfinalgegner aus den Vereinigten Staaten und Frankreich entgegen, die direkt hinter seiner Bank saßen.

          In Lyon machte der 42 Jahre alte frühere Verteidiger dann aus einer Mücke einen Elefanten im Bestreben, Unruhe in die Vorbereitung der Gegnerinnen zu bringen. Die amerikanische Delegation hatte eine Vorhut ins Teamhotel der Engländerinnen geschickt, weil sie im Falle eines Halbfinalsiegs innerhalb von Lyon von ihrem bisherigen Quartier in jenes Hotel umziehen müssten. Das ist Usus bei den professionell arbeitenden Amerikanerinnen, genauso haben sie auch das Hotel in Nizza inspiziert, wo sie bei einem möglichen Spiel um Platz drei logieren würden. Der Champions-League-Sieger von 1999 nutzte das dennoch für einen Verweis auf die vermeintliche Selbstherrlichkeit der Gegnerinnen, sah einen angeblichen Verstoß gegen moralische Standards. „Sie denken, dass sie schon im Finale seien“, sagte er, den glaubhaften amerikanischen Erläuterungen zum Trotz.

          Tatsächlich aber steht den Titelverteidigerinnen die nächste große Herausforderung bevor nach dem mit 2:1 gewonnenen Duell mit Gastgeber Frankreich im Viertelfinale. England ist die aufstrebende Nation im Fußball der Frauen, die Super League wächst und wächst dank des Engagements der Klubs von Chelsea über Liverpool bis Manchester, die Spielerinnen sind voll des Selbstvertrauens und ihre Beste, Lucy Bronze, fühlt sich zudem als Spielerin von Olympique Lyon zu Hause in der Stadt, in der die Finalwoche der WM ausgetragen wird. „Ich bekomme viel Unterstützung von Mitarbeitern von Olympique. Sie bitten mich, dass wir Revanche üben für Frankreich“, sagt sie.

          Setzt auf Posen des starken Manns: Englands Trainer Neville

          Für dieses Unterfangen greift Neville zu jedem psychologischen Mittel, das ihm einfällt. Zuletzt war England immer wieder gescheitert, 2015 bei der WM und 2017 bei der EM jeweils im Halbfinale. Er redet seine Spielerinnen stark, kürt Bronze beispielsweise schon jetzt zur besten der Welt, obgleich sie selbst lieber bescheiden auf die bei dieser WM durch Verletzungspech so unglückliche deutsche Vereinskollegin Dzsenifer Marozsan verweist, deren „Ausnahmefähigkeiten ich jeden Tag im Training beobachten kann“.

          Auch während des Spiels setzt Neville auf Posen des starken Manns. Damit ähnelt er seinem Vorgänger Mark Sampson, der vor gut anderthalb Jahren nach Diskriminierungs- und Missbrauchsvorwürfen den Weg freimachen musste für Neville, der zuvor lediglich als Assistenztrainer seines Bruders Gary, ebenfalls Teil der großen United-Generation um David Beckham, gearbeitet hat. Sampson pflegte sein Team ebenfalls bedingungslos, bisweilen aggressiv stark zu reden, bei der EM 2017 platzte ihm vor Kraft gar einmal das eng geschnittene Hemd, als er seine Muskeln am Spielfeldrand spielen ließ. Bei Neville würde das zumindest nicht auffallen. Er trägt wie Gareth Southgate, früher Nationalmannschaftskollege und derzeit Trainer der englischen Männer, eine Weste über dem Hemd.

          Die beste Spielerin der Welt? Lucy Bronze steht eher auf Understatement

          Neville, als Spieler eine unprätentiöse, zu jeder Aushilfstätigkeit bereite Allzweckwaffe und deshalb neben den deutlich spektakuläreren Stars wie Beckham, Giggs oder Scholes gemeinsam mit seinem Bruder Gary einer der Lieblinge von Trainerlegende Alex Ferguson, überstand durch seine überzeugende Arbeit selbst die anfängliche Kritik: Die englischen Medien hatten ihm fehlende Erfahrung im Frauenfußball vorgeworfen und zudem alte, vermeintlich frauenfeindliche Tweets hervorgekramt.

          Er distanzierte sich von dämlichen Formulierungen und verhält sich nun deutlich klüger: So brachte Neville nun aufrichtige Bewunderung für Megan Rapinoe zum Ausdruck. Er, der sich selbst politische Kommentare erspart aufgrund von Desinteresse, lobte Rapinoe für deren politischen Einsatz. Zudem erzählte er eine wunderschöne Anekdote von seiner ersten Begegnung mit dem Star des amerikanischen Gegners. Beim „She Believes Cup“, einem Vier-Nationen-Turnier in den Vereinigten Staaten, war Rapinoe im März 2018 einem Ball an der Seitenauslinie in Höhe der Coaching-Zone hinterhergegrätscht. Neville nahm den Ball bereits in die Hand, als Rapinoe mit den Stollen ihrer Schuhe sein Handgelenk erwischte. Dabei ging Nevilles teure Smartwatch zu Bruch. „Sie hat bis jetzt noch nicht das Geld erstattet“, scherzte Neville. „Was ich daran am meisten mochte, war, dass sie sich nicht einmal entschuldigt hat. Sie machte einfach weiter. Sie ist eine Gewinnerin.“ Nur am Dienstagabend will Neville mit seinem Team verhindern, dass sie als ebensolche vom Feld geht.

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