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Frauenfußball-WM : Japans totale Rotation

Zentrum des japanischen Spiels: Altmeisterin Homare Sawa Bild: AFP

Vor dem Achtelfinale gegen die Niederlande ist das Team aus Japan die große Unbekannte bei der Frauenfußball-WM in Kanada. In der Vorrunde setzte der Titelverteidiger alle 23 Spielerinnen ein – und schlägt zum ersten Mal ungewöhnlich laute Töne an.

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          Ihren spektakulärsten Auftritt hatte Homare Sawa im Januar 2012. Damals zog sich die Japanerin einen traditionellen Kimono über, als sie zur großen Fußball-Gala der Fifa nach Zürich eingeladen war. Homare Sawa wurde dort zur Weltfußballerin gekürt, und vor allem dank ihrer landestypischen Kleidung sorgte sie für schöne Bilder an der Seite des bei den Männern einmal mehr gewählten Lionel Messi.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Blitzlichtgewitter ließ die heute 36 Jahre alte Spielmacherin damals geduldig über sich ergehen, obwohl ihr Naturell eigentlich dem eines scheuen Rehs gleicht und sie lieber unauffällig ihr Werk verrichtet. So geht Sawa nun auch in diesen Tagen wieder vor, in denen sie sich mit ihrem japanischen Nationalteam bei der Frauenfußball-Weltmeisterschaft in Kanada an der Titelverteidigung versucht.

          Bestandteil des Versteckspiels

          Statt des Kimonos trägt die Spielmacherin wieder das Nationaltrikot, nachdem sie zwischen den Turnieren einige Zeit lang den endgültigen Rückzug aus dem Spitzenfußball erwogen haben soll. Nun ist sie aber wieder dabei und der zentrale Bestandteil des Versteckspiels, mit dem ihr Trainer Norio Sasaki die Konkurrenz verwirrt.

          Die „Nadeshiko“, wie das japanische Team in Anlehnung an die für weibliche Anmut und Eleganz stehende Nelke genannt wird, hat alle drei Vorrundenpartien gewonnen und dabei alle zwanzig Feldspielerinnen und drei Torhüterinnen mindestens einmal eingesetzt. „Wer spielt, entscheidet das Training am Vortag“, sagte der Trainer nach dem Sieg gegen Kamerun verschmitzt. „Wer dort den besten Eindruck macht, kommt aufs Feld.“

          Mit der totalen Rotation hat Sasaki der Konkurrenz viele Denkaufgaben mit auf den Weg in die K.o-Phase gegeben, in der Japan in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch im letzten Achtelfinale auf die Niederlande trifft (4.00 Uhr MESZ / Live im WM-Ticker bei FAZ.NET). Keiner weiß nach drei Siegen gegen die Schweiz, Kamerun und Ecuador mit jeweils nur einem Tor Vorsprung wirklich, zu welchen Leistungen der Titelverteidiger in der Lage ist.

          Und damit ist Japan wieder genau an dem Punkt angekommen, an dem sich das Team 2011 während der Weltmeisterschaft in Deutschland schon einmal befand. Auch damals war Japan die große Unbekannte bis zu einem Samstagabend, an dem das Team die Begeisterung um das Turnier in Deutschland entscheidend bremste.

          Wer stürmt für Japan? So wirklich weiß das niemand
          Wer stürmt für Japan? So wirklich weiß das niemand : Bild: AFP

          Eher unauffällig hatten sich die Asiatinnen durch die Vorrunde gespielt, um dann in Wolfsburg im Viertelfinale auf das deutsche Gastgeberteam zu treffen. Dort spielten sie ihren Kombinationsfußball mit Sawa als Schaltzentrale genauso unauffällig weiter, aber eben auch in der Defensive höchst aufmerksam und bei den Offensivbemühungen bemerkenswert geduldig. Und so nutzte Karina Maruyama nach 108 Minuten die erste Gelegenheit zum japanischen Führungstreffer. Der Gastgeber war ausgeschaltet, und Japan siegte sich munter bis zum überraschenden Titelgewinn durchs Turnier.

          Vor dem Turnier in Kanada hat Trainer Norio Sasaki nun behauptet, dass sein Team noch besser sei als vor vier Jahren. Mit diesem Selbstbewusstsein ausgestattet, nutzte er die Vorrunde zum lockeren Aufgalopp und einem Pokerspiel vor der entscheidenden Phase des Turniers. Dem Coach ging es offensichtlich vornehmlich darum, die Kräfte seiner Spielerinnen geschickt einzuteilen. Das Schonprogramm scheint indes nötig: Der japanische Kader ist nämlich in die Jahre gekommen, das Durchschnittsalter beträgt rund 28 Jahre.

          Ungewöhnlich laute Töne

          Trainer Sasaki vertraut gleich 17 Spielerinnen aus dem Team von 2011. Entsprechend eingespielt ist der Weltmeister. Und er hat dieselbe Anführerin wie vor vier Jahren, die zu Jahresbeginn sogar ungewöhnlich laute Töne angeschlagen hat. „Ich werde alles dafür tun, um den Weltpokal ein weiteres Mal in die Luft stemmen zu dürfen“, hatte Sawa damals am Rande der Weltfußball-Gala gesagt, wo sie die Trophäe der Weltfußballerin an die bei der WM verletzt fehlende deutsche Spielmacherin Nadine Keßler überreichte. Dabei trug die Japanerin ein normales Kleid. Es würde nicht überraschen, wenn sie im Fall einer Titelverteidigung im kommenden Januar abermals einen Kimono überstreifen sollte.

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