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Frauenfußball-WM : Die Stunde der herausgeputzten Patriotinnen

Üppiges Dekolleté über Deutschlandflagge: Eine Frau im Fußball-Dirndl Bild: REUTERS

Von Kopf bis Zehennagel auf Party eingestellt, ob im Fan-Dirndl oder im figurbetonten Damen-Trikot - so sieht die Traumfrau der Vermarkter aus. Das zur WM verbreitete Frauenbild lautet: scharf aussehen, scharf schießen.

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          Die modebewusste deutsche Dame von heute sollte weder Schwarz tragen (nichts für sonnige Sommertage) noch Rot (war vor zwei Jahren trendy) und auch nicht Gold (macht blass). Was die Traumfrau deutscher Marketingphantasien dieser Tage trägt, ist Schwarz UND Rot UND Gold. In Deutschland ist ja schließlich Fußball-Weltmeisterschaft, und weil die deutschen Spielerinnen alle mögliche Unterstützung gebrauchen können auf dem Weg zum dritten WM-Titel, schlägt seit Sonntag die Stunde der Patriotinnen. Wobei der äußere Schein selbstverständlich so wichtig ist wie das innige Fan-Sein. Also möge sich die deutsche Frau fortan drei Wochen lang in Nationalfarben gewanden, zum Wohle des Frauenfußballs und der Stimmung im Lande, aber auch zum Gewinne all jener Geschäftstüchtigen, welche die Gunst der Stunde nutzen und allerlei modischen Schnickschnack an die Frau bringen wollen.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vor fünf Jahren, als die Klinsi-Männer hierzulande jede und jeden kirre machten, gab es eine sommermärchenhafte Kollektion aus der Abteilung Unisex: Die weißen Fantrikots, aus dem Hause DFB, dem Supermarkt oder vom Bierbrauer, waren so geschneidert, dass sie locker über Brust oder Bierbauch fielen. Dazu eine Girlande um den Hals, Käppis auf dem Kopf, Fahne um die Schulter, und die sichtbaren Körperstellen mit abwaschbaren Nationalfarben bemalt - so sahen Männlein wie Weiblein in der Sommersause 2006 aus.

          Public Viewing wird zum Catwalk

          In den kommenden Wochen nun wird der Mann zum Mitläufer, zu einem, der wieder seine ollen Shirts überstreifen kann (sofern der Bauchumfang stabil geblieben ist) und das Auto-Fähnchen nach dem Wind hängen kann. Die Frau dagegen soll vom Kopf bis zum Zehennagel auf Fußball-WM eingestellt sein. Public Viewing wird zum Catwalk. Gemäß dem Motto einer Supermarktkette: „Deutschland feiert Fußball“, lautet der Dresscode: sehr deutsch und sehr feminin. Aber was anziehen?

          Puppen für die Mädchen: Eine Fußball-Barbie im Damen-Dress des DFB

          Das Angebot reicht von A (wie adrett) bis Z (wie zünftig). Jungen und schlanken Frauen empfiehlt die Textilindustrie ein körperbetontes „asymmetrisches Shirt mit One-Shoulder-Ausschnitt und aus Glitzersteinen aufgesetzter Deutschland-Flagge“. Andere Damen, vor allem aus dem Bajuwarischen, können ihre Körper in zwei Fußball-Dirndl aus der Kollektion „Football loves Couture by Angermaier“ pressen. An Frauenohren baumeln die „Fußball-Kreolen“ in Nationalfarben, an Frauenfingern steckt ein schwarz-rot-güldener Ring, der allerdings aussieht wie aus dem Kaugummiautomaten gezogen, das feminine Handgelenk ziert ein „Lederarmband mit schwarz-rot-goldenen Strasssteinchen“. Finger- und Fußnägel werden künstlich verlängert oder verziert durch die „WM Nail-Sticker“ (jetzt auch mit nordkoreanischer und äquatorialguineischer Landesflagge zum Aufkleben!). Der „Flaggen-Schlüsselanhänger“ und das „Gürteltäschchen ,Tooor' im Lebkuchenherz-Look“ runden das Erscheinungsbild der herausgeputzten Patriotin ab. (Untendrunter, das sei auch verraten, trägt die ideale Fanfrau übrigens den „Baumwoll-Slip in Deutschland-Farben“ für 15 Euro.)

          „20Elf von seiner schönsten Seite“

          Nachdem das Äußere nun bis zum Äußersten ausgereizt wurde, bleibt nur noch die Frage: Was soll der ganze Firlefanz?

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