https://www.faz.net/-gtl-zg41

Frauenfußball-WM : Die Stunde der herausgeputzten Patriotinnen

Die Frauen-WM 2011 soll, ähnlich der Männer-WM 2006, vor allem ein Party-Event werden, inszeniert vom DFB und von Gleichgesinnten. Während sich das Publikum vor fünf Jahren von der sportlichen Leistung und der Dramaturgie des Turnierverlaufs mitreißen ließ und ein Sommermärchen wahr wurde, gibt der DFB der Öffentlichkeit diesmal schon vorab eine Interpretationshilfe an die Hand, wie die Frauen-WM zu sehen ist: nämlich als „20Elf von seiner schönsten Seite“. Diese Deutung lässt all jene frohlocken, die sich bei der WM einen Kick versprechen, dessen Attraktivität nicht in erster Linie sportlich sein muss. Schauspielerin Maria Furtwängler, die zu den offiziellen WM-Promotern gehört, stößt genau in dieses Horn, wenn sie sagt: „Ich finde diese Bajramaj schon sehr süß - auch sehr attraktiv.“ Diese Bajramaj, Vorname Fatmire, genannt Lira, wirbt für ihren Sportartikelausstatter mit dem Slogan: „Wer scharf aussieht, schießt auch schärfer.“

Birgit Prinz als Barbie

Das allseits verbreitete Frauenbild sieht so aus: Junioren-Nationalspielerinnen lassen sich als halbnackte Badenixen in einem Männermagazin ablichten. Die „Miss WM 2011“ wird bei einem Schönheitswettbewerb gewählt, bei dem junge Frauen in High Heels und Bikini über den Laufsteg stöckeln. Birgit Prinz ist als Barbie zu haben, modellhaft spindeldürr bis hart an der Grenze zur Unterernährung. Und im Berliner Kaufhaus KaDeWe steht ein pinkfarbener Tischkicker, bei dem Barbie-Püppchen in knappen Minikleidchen und mit wallendem Kunsthaar an der Stange aufgereiht sind. Die deutschen „Mädels“, wie sich die DFB-Frauen bezeichnen und bezeichnen lassen, finden das Bohei okay, einige mischen, ob geschminkt oder nicht, auch mehr oder wenig kräftig mit bei dieser WM-Kampagne, die bestenfalls doppelbödig zu nennen ist. Im Gegensatz zu den verbissenen Mannsbildern sei Frauenfußball, so die Botschaft, schön fair: ein körperloses Spiel in sehr körperbetontem Outfit.

Selbst WM-Utensilien, die sich einen emanzipatorischen Anschein geben, propagieren den weiblichen Körperkult. Zwar gibt es erstmals bei einer Frauen-WM alle Spielerinnen als millionenfache Abziehbildchen zum Sammeln; doch ist in dem Album weniger statistisches Material veröffentlicht, als Panini gesammelt hat: Gewichtsangaben zu den Sportlerinnen sind tabu. „Das wäre nicht so charmant“, sagt eine Unternehmenssprecherin. Ob sie weiß, dass in anderen Disziplinen, ob in Kampfsportarten oder im Tennis, aus dem Gewicht keine Geheimsache gemacht wird?

Frauenfußball, Fettabsaugen und Facelifting

Weniger ums mutmaßliche Idealgewicht als vielmehr um vermeintliche Traummaße geht es bei dem „Tipp Kick'n Book“, das bei Weissbooks erschienen ist. Der Frankfurter Verlag preist sein Produkt zwar als „Abschied von der männlichen Vorherrschaft“, weil im Buch drei Fußball-Weltmeisterinnen über ihren Werdegang erzählen und die beiliegende Tischfußballspielfigur weibliche Formen hat. Doch zu den sogenannten Freunden und Förderern des Buchprojekts gehört auch eine „Beautyklinik“ vom Bodensee, die sich auf Fettabsaugen, Facelifting und Brustvergrößerung spezialisiert hat. Es muss offenbar tatkräftig nachgeholfen werden, um die schönsten Seiten des Fußballs zur Geltung zu bringen - bei der WM im Allgemeinen wie bei ihren Auswüchsen im Besonderen.

Wenn alles so läuft, wie von offiziellen und quasioffiziellen Stimmungsmachern geplant, halten die deutschen Spielerinnen am Ende den Pokal in die Höhe, das schnieke bis sexy hergerichtete Partyvolk wird ihnen zujubeln, und alle werden sich darin einig sein, dass diese Frauen-WM echt geil rübergekommen sei.

Weitere Themen

Topmeldungen

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders feiert mit seiner Frau Jane und Anhängern im texanischen San Antonio seinen Vorwahlsieg im Bundesstaat Nevada.

Vorwahlen der Demokraten : Sanders siegt, die Basis streitet

Der linke Senator Bernie Sanders gewinnt im Bundesstaat Nevada und führt das Feld der Demokraten im Vorwahl-Marathon nun deutlich an. Doch die Freude ist getrübt: Nicht nur Berichte über russische Wahlkampfunterstützung sorgen bei den Demokraten für Unruhe.
Angekaufter Goldschmuck auf dem Tresen einer Münzhandlung

Teures Edelmetall : Der unheimliche Aufstieg des Goldes

Die Gold-Rally scheint kein Ende zu finden. Was sagt das aus über eine Welt, in der Anleger zuhauf ihr Geld in ein zinsloses Edelmetall investieren wollen?
Menschenleere Straße in der norditalienischen Stadt Codogno

Wegen Coronavirus : Italien riegelt Städte im Norden ab

Kein europäisches Land hat mehr Infektionen mit dem Coronavirus registriert als Italien. Nun greift die Regierung zu drastischen Maßnahmen: Zehntausende Menschen werden praktisch eingesperrt, alle Veranstaltungen abgesagt. Auch drei Erstligaspiele fallen aus.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.