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Deutsche Fußballfrauen : Das Team der Namenlosen will sich bekannt machen

Wollen sich bekannt machen (v.l.): Sara Däbritz, Alexandra Popp und Giulia Gwinn Bild: Reuters

Noch immer ist die Generation der Weltmeisterinnen von 2003 um Birgit Prinz und Nia Künzer bekannter als die aktuellen deutschen Fußballfrauen – das soll sich während der WM ändern.

          Das Fernsehen ist stets auf der Suche nach bekannten Gesichtern, wenn es dem Fernsehpublikum die deutschen Fußballfrauen näherbringen will. Deshalb war die Interimstrainerzeit von Horst Hrubesch ein Segen: Den früheren Torjäger kannte das Publikum. In den Tagen des Vorbereitungstrainingslagers des deutschen Teams für die am kommenden Samstag mit dem Vorrundenspiel gegen China (15 Uhr/ARD und im F.A.Z.-Liveticker zur Frauenfußball-WM) beginnende Weltmeisterschaft in Frankreich war die Suche schwerer.

          Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg muss nach bislang erst vier Länderspielen im Amt noch aufgebaut werden als Gesicht des Nationalteams. Da ist es eigentlich ein erfreulicher Zufall, dass die bekannteste deutsche Spielerin in der Geschichte des Frauenfußballs acht Jahre nach ihrem Karriereende in den Kreis der Nationalmannschaft zurückgekehrt ist: Birgit Prinz, Rekordnationalspielerin mit 214 Einsätzen, Rekordtorschützin mit 128 Toren, dreimalige Weltfußballerin. Die mittlerweile 41 Jahre alte Prinz, im Alltag vor allem für die TSG Hoffenheim in deren Nachwuchsleistungszentrum im Einsatz, soll als Psychologin bei der WM-Mission mitwirken.

          Birgit Prinz selbst will freilich nicht über ihre Tätigkeit sprechen. Als sie dieser Tage beim Gang auf den Trainingsplatz in Grassau am Chiemsee, wo sie im Torhüterinnen-Training mit ihrer Abschlussstärke aushalf, gefilmt wurde, versuchte sie, dem Kameraobjektiv auszuweichen. Sie will, nachdem sie schon einst als Spielerin verhalten auf Medienanfragen reagiert hatte, jetzt erst recht nicht als Gesicht des Frauenfußballs dienen. Und so zeigt sich vor der WM ein erstaunliches Phänomen: Die Nation kennt ihr Nationalteam heutzutage weit weniger als noch einst zu Zeiten von Prinz.

          Deutsches Frauenfußball-Nationalteam: Bereit zu Gipfelsturm

          Während auch Namen weiterer ehemaliger Nationalspielerinnen wie Steffi Jones, Nadine Angerer oder Nia Künzer oder der früheren Bundestrainerin Silvia Neid noch heute geläufig sind, besteht das Team mittlerweile aus nahezu Namenlosen. Selbst die einzige deutsche Weltklassespielerin Dzsenifer Marozsan taucht in Deutschland kaum als öffentliche Figur auf. Und Spielführerin Alexandra Popp genießt lediglich deshalb eine gewisse Bekanntheit, weil sie als ausgebildete Tierpflegerin immer wieder für gute Fotomotive sorgt.

          „Es ist richtig, dass die frühere Generation an Nationalspielerinnen bekannter war“, sagt Ko-Kapitänin Svenja Huth, die in jungen Jahren beim FFC Frankfurt noch mit zahlreichen Heldinnen zusammengespielt hat. „Damals drängten weniger Spielerinnen ins Team, und die Mädels waren über viele Jahre für die Erfolge verantwortlich.“ Prinz, Jones, Künzer und Co. wurden aber auch von Siegfried Dietrich, dem damals unumstrittenen Impresario im deutschen Frauenfußball, bestens vermarktet. „Man muss Mut haben und aktiv sein, um die Spielerinnen vermarkten zu können“, sagt Dietrich, der mittlerweile aufgrund der Machtverschiebung im deutschen Frauenfußball hin zu Frauenfußballabteilungen des VfL Wolfsburg und von Bayern München keine einzige deutsche Nationalspielerin mehr im Kader hat.

          „Wir brauchen keine Eier, wir haben Pferdeschwänze“

          Den Mut und das Geschick Dietrichs aber bringt derzeit niemand anderes auf, während in Amerika, Skandinavien, England oder im WM-Gastgeberland Frankreich die Topspielerinnen zu Werbefiguren avancieren. In Deutschland ist der Kampf um Anerkennung derweil so weit fortgeschritten, dass Frauenfußball als zu normal und gar langweilig wahrgenommen wird. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat jedenfalls in seinem Marketing keine Antworten gefunden, um seine Frauen trotz des Booms rund um die Heim-WM 2011 nachhaltig attraktiv zu verkaufen.

          Nationaltorhüterin Almuth Schult beklagte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor einem Monat Ideenlosigkeit, Desinteresse und gar Ressentiments im Verband. „Wie sollen wir denn draußen Vorurteile und Vorbehalte gegenüber dem Frauenfußball abbauen, wenn wir im eigenen Verband noch damit zu kämpfen haben?“, fragte Schult. „Wir Spielerinnen würden die Entwicklung gerne positiv beeinflussen.“

          Ein Anfang scheint nicht nur durch Schults mutigen, vom Mannschaftsrat vorab abgesegneten Vorstoß gemacht: In einem Werbespot des langjährigen Nationalmannschaftssponsors Commerzbank kokettieren die Nationalspielerinnen mit ihrem Nimbus. „Wir spielen für eine Nation, die unsere Namen nicht kennt“, heißt es dort. Es fällt auch der freche Satz, der zum Motto für die WM geworden ist. „Wir brauchen keine Eier, wir haben Pferdeschwänze.“ Und während der WM wollen sie sich nun einen Namen machen.

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