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Frauenfußball-WM : Jubel auf dem Hotelflur

Emotionale Spielerinnen: Nigerias Fußballfrauen, hier beim Protest gegen eine Videobeweisentscheidung Bild: AP

Nigeria erreicht nach drei Tagen des Bangens am Fernsehgerät das Achtelfinale der Fußball-WM der Frauen. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg erwartet einen robusten Gegner.

          Die Nigerianerinnen knieten auf dem Boden des Hotelflurs, sie fielen einander um den Hals, sie schrien und heulten vor Freude, sie riefen immer wieder „Thank you“. Soeben hatten sie die Sicherheit, dass sie im Achtelfinale der Frauenfußball-Weltmeisterschaft mitspielen dürfen. Am Samstag (17:30 Uhr/ im F.A.Z.-Liveticker zur Frauenfußball-WM, im ZDF und bei DAZN) trifft Nigeria nun in Grenoble auf Deutschland.

          Solche Bilder ekstatischer Freude abseits des Spielfelds liefert ein Turniermodus, der einen absurden Vergleich zwischen Drittplatzierten aus unterschiedlichen Gruppen heranziehen muss, um bei sechs Vorrundengruppen 16 Achtelfinalteilnehmer hervorzubringen. Nigeria musste deshalb nach der eigenen 0:1-Niederlage gegen Frankreich, bei dem der französische Siegtreffer durch Wendie Renard erst durch eine der absurden Strafstoßwiederholungen nach Videoassistenten-Intervention zustande kam, drei Tage lang warten.

          Sie verfolgten die verbleibenden Spiele der Gruppen C bis E in der bangen Hoffnung, dass zwei Gruppendritte eine schlechtere Bilanz aufweisen als sie selbst bei drei Punkten und 2:4 Toren. Am Donnerstagnachmittag wurde die nigerianische Hoffnung noch zerstört durch Kameruns Siegtreffer in der fünften Minute der Nachspielzeit. Eine Kamera hätte in diesem Moment vermutlich Bilder des Jammers aufgezeichnet. Kamerun war nun um ein Tor besser als der afrikanische Rivale.

          Und so kam es zum Showdown am Fernsehgerät: Das Spiel zwischen Chile und Thailand war sicherlich nicht die Begegnung, auf die die Fans zum Vorrundenabschluss hingefiebert hatten. Es war schlicht das Duell der beiden bis zum Anpfiff erfolglosesten Teams des Turniers. Chile hatte null Punkte und 0:5 Tore vorzuweisen, Thailand bei immerhin einem Torerfolg null Punkte und 1:18 Tore. Die Asiatinnen hatten sich ihren Eintrag in die Geschichtsbücher durch die höchste Niederlage der bisher acht Weltmeisterschaften gesichert: 0:13 gegen die Vereinigten Staaten.

          Aber das Turniersystem mit 24 Teams eröffnet eben auch den vier besten Gruppendritten eine Chance aufs Weiterkommen. So hatten theoretisch beide Teams noch eine Chance aufs Weiterkommen: Thailand hätte dafür mit 15 Toren Vorsprung gewinnen müssen, für Chile aber war das Achtelfinale eine durchaus realistische Perspektive: Ein Sieg mit drei Toren Vorsprung musste her. Ein Eigentor der thailändischen Schlussfrau Waraporn Boonsing und ein Treffer der Chilenin Maria José Urutia öffneten das Tor zur K.o.-Phase denn auch sehr weit, sodass Chile in der Schlussphase nur noch einen Treffer benötigte für ein Aufeinandertreffen mit England. Deutschland hätte in diesem Fall gegen Brasilien spielen müssen. Doch Francisca Lara schoss ihren Elfmeter drei Minuten vor Schluss an die Latte, nicht mal die in die Kritik geratenen Videoassistenten gaben ihr eine zweite Chance.

          So kommt es aufgrund der komplizierten Arithmetik bezüglich des dritten Platzes nun zum Duell zwischen Deutschland und Nigeria, das am Ende um einen Treffer besser war in der Tordifferenz als Chile. Entsprechend freuten sich die Nigerianerinnen in ihrem Quartier in Rennes darauf, am Freitag den Flug nach Grenoble statt in die Heimat antreten zu dürfen.

          Für Deutschland ist Nigeria, das sich als Aushängeschild des afrikanischen Frauenfußballs wie Deutschland für alle acht bisherigen Weltmeisterschaften qualifiziert hat, kein unbekannter Gegner: Siebenmal bereits standen sich die Teams gegenüber, Deutschland hat alle Begegnungen bei bislang 22:2 Toren gewonnen. Viermal begegneten sich beide Teams in Turnierspielen bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen. Drei dieser Partien gewann Deutschland nur mit jeweils einem Tor Vorsprung. Das bislang letzte Duell bei der WM 2011 in Deutschland ist in Erinnerung geblieben, weil Rekordnationalspielerin Birgit Prinz beim 1:0-Sieg in der 55. Minute ihres 214. Länderspiel entnervt ausgewechselt wurde. Prinz spielte danach nie wieder fürs Nationalteam.

          Star des Teams: Asisat Oshoala (rechts)

          „Wir wissen, dass Nigeria ein starkes Team hat, das haben sie im Turnier bewiesen. Sie hatten einen schwierigen Start ins Turnier mit einer 0:3-Niederlage gegen Norwegen. Aber vor allem im letzten Spiel gegen Frankreich haben sie gezeigt, wozu sie in der Lage sind“, sagte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg in einem spät am Abend vom Deutschen Fußball-Bund verbreiteten Video-Statement. „Afrikanische Teams sind immer schwer zu bespielen. Sie haben  eine gute Mentalität, viel Tempo und körperliche Präsenz in der Mannschaft. Aber wir wollen den nächsten Schritt machen und gewinnen.“

          Der Star des nigerianischen Teams ist Asisat Oshoala, die seit wenigen Monaten beim FC Barcelona unter Vertrag steht. Die Torjägerin erzielte auch gegen Südkorea das letztlich fürs Weiterkommen so wichtige 2:0. Die mehrfache afrikanische Fußballerin des Jahres ist wegen ihrer körperlichen Robustheit gefürchtet und dürfte eine Herausforderung werden fürs deutsche Innenverteidigerinnen-Duo Marina Hegering und Sara Doorsoun.

          Die Nigerianerinnen sind zweikampfstark und haben einige sehr schnelle Spielerinnen im Team. 15 Spielerinnen im Kader spielen derzeit im Ausland, gut die Hälfte davon in der schwedischen Liga, was kein Zufall sein dürfte: Trainer der „Super Falcons“, die elf der bisher 13 Afrikameisterschaften für sich entscheiden haben, ist der Schwede Thomas Dennerby, der in seinen sieben Jahren als schwedischer Nationaltrainer unter anderem mit Platz drei bei der WM in Deutschland gute Ergebnisse vorzuweisen hatte.

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