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Frauenfußball-WM : Chauvi schön!

„Kick it like Bajramaj”: In einer Broschüre der Heinrich-Böll-Stiftung wurden die deutschen Fußballspielerinnen zu „Aktivistinnen” einer „emanzipatorischen Bewegung” verklärt Bild: Julia Zimmermann

Die Frauen-WM ist alles Mögliche, aber sicher kein feministisches Projekt. Die Diskrepanz zwischen der medialen Aufmerksamkeit und der Relevanz des Geschehens ist nirgends so erfahrbar wie hier.

          3 Min.

          Etwas ist anders in diesem Fußballsommer, und vielleicht ist die Irritation darüber vor allem deshalb so groß, weil viele Dinge überraschend gleich sind: die Regeln, die Phrasen, die Größe der Buchstaben auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung. Die Formen sind vertraut, aber die Inhalte, sie scheinen nicht hineinzupassen. Marta statt Messi, Prinz statt Poldi – es ist, als hätte irgendwer versehentlich die Namen ausgetauscht, welche der Diskussion um so ein maximal belangloses Großereignis sonst ihre Kraft und Bedeutung verleihen. Ohne die Prominenz der Akteure aber, ohne den Stellenwert, den sie sich im Bewusstsein der Fans erarbeitet haben, wirkt die Beschwörung all der Rituale des Medienfußballs so unangemessen, als würde sich jemand auf dem Bolzplatz vor Freude über ein Tor das Trikot vom Leib reißen.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Effekte dieser Verschiebung sind nicht uninteressant: Für alle nämlich, für die die Berichterstattung von Fußballweltmeisterschaften bisher eine gewisse Selbstverständlichkeit war; für jene Zuschauer, für die die Immanenz dieser Erfahrung schon lange kein Problem mehr war, weil ihr Außerhalb eher kleiner zu werden schien; für die Millionen von Fans jenes Fußballs also, den man angesichts der Kraft des Faktischen dann eben doch den normalen nennen müsste, wird plötzlich sichtbar, wie diese Welt auf jene wirken muss, die sich ihr Desinteresse an ihr dann doch noch tapfer erhalten konnten. Ohne Verbindung zu einem vertrauten Referenzsystem kann man die Leere der Berichterstattung kaum glauben, die Stumpfheit der Spielerinterviews, die Schwammigkeit der sogenannten Analysen oder die Wichtigkeit, die den Ergebnissen beigemessen wird.

          Die Ignoranz ist kein Chauvinismus

          Das ist eine sehr exklusive Perspektive: Die Diskrepanz zwischen der enormen medialen Aufmerksamkeit und der eher überschaubaren Relevanz des Geschehens ist für Fußballfans nirgends so erfahrbar wie bei dieser Fußballweltmeisterschaft der Frauen. Die Fragen, mit welchen sonst andere ihre Inkompetenz offenbaren, können sie nun einmal selber stellen: Wann ist das nächste Spiel? Wer ist denn Favorit? Und wie lange dauert dieser ganze Zirkus eigentlich noch? Eine derartige Außenseiterposition ist allenfalls noch in anderen Ländern zu haben, wenn man ratlos vor den Großsportarten steht, vor geheimnisvollen Baseball-Statistiken etwa oder den kryptischen Abläufen beim Cricket.

          Marta statt Messi: Der Fußball ist nur eine Randnotiz

          Mit Chauvinismus hat diese Ignoranz schon deshalb nichts zu tun, weil bei den Spielen ja trotz allem in erster Linie Männer zuschauen, jedenfalls vor dem Fernseher. 8,2 Millionen waren es im Eröffnungsspiel, gegenüber 6,39 Millionen Frauen. Chauvinistisch ist höchstens das Interesse: Überproportional viele Männer jenseits der 65 schalteten ein, woraus man natürlich ablesen kann, was man will, wohl aber kaum feministisches Engagement. Umso erstaunlicher ist die Vorstellung, den Zirkus um das deutsche Team zum Mittel gegen den allgemeinen Chauvinismus zu erklären, wie das zum Beispiel die Fachmagazine „Emma“, „Missy Magazine“ und „L.Mag – Das Magazin für Lesben“ versuchen, alle mit Titelgeschichten zur WM.

          Am weitesten treibt dieses Spiel ein Text in dem vor der WM ausgiebig publizierten Heftchen „Kick it like Bajramaj“, einer Broschüre der Heinrich-Böll-Stiftung, in dem „die weite Verbreitung und das immense Wachstum des Frauenfußballs“ als „Beweis für den Triumph des sogenannten liberalen oder Gleichheitsfeminismus“ interpretiert werden und die Fußballspielerinnen zu „Aktivistinnen“ einer „emanzipatorischen Bewegung“ verklärt werden.

          Wo ist der Taktiktisch?

          Woher die Hoffnung auf das emanzipatorische Potential des Rummels kommt, ist nicht ganz klar, schließlich geht es ja ausdrücklich nicht darum, die Ebenbürtigkeit der Frauen in einer Männerdomäne zu beweisen. All die Vergleiche, die keine sein wollen, führen am Ende doch nur dazu, die sporthistorische Rückständigkeit als Differenz auszugeben, was leider auch wieder nur zu pseudo-feministischen Klischees führt, zu den Thesen von weiblicher Solidarität, besserer räumlicher Wahrnehmung und kreativerem Spiel. Frauen sind keine Männer: Das ist die bahnbrechende Erkenntnis, die die sogenannte Frauen-WM vermittelt, wahlweise als Kompliment oder als Häme.

          Vom angeblichen Triumph aber haben weder die deutschen Boulevardjournalisten noch die Kommentatoren von ARD und ZDF viel mitbekommen. Für die ist und bleibt die Frauen-Weltmeisterschaft vor allem ein Fest der Misogynie. Mit dem Sinnspruch „Fußball-WM der Frauen ist, wenn man trotzdem Spaß hat“ eröffnete ARD-Moderator Michael Antwerpes die WM, sein Kollege Tom Bartels redete „sehr gerne“ im Deutschlandfunk über Frauen und Fußball, das seien ja seine beiden Lieblingsthemen, und im ZDF beurteilt Peyman Amin, Juror von „Germany's Next Topmodel“, die Modelqualitäten der Spielerinnen.

          Und kaum ein männlicher Kollege kommt daran vorbei, seinen Respekt für die erstaunlichen Leistungen der Fußballerinnen zu bekunden, von ganz, ganz oben. Ob es am Ende chauvinistischer ist, dass die Spielerinnen für ihre Weiblichkeit gelobt werden oder dafür, fast so gut zu sein wie die Männer, kann man sich aussuchen. Für die wirklich wichtigen Fragen dagegen scheint sich kaum jemand zu interessieren. Oder wo ist der Taktiktisch?

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