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Frauenfußball : Freiwild im Sperrbezirk

Aus belächelten Außenseiterinnen ist ein Markenartikel des deutschen Fußballs geworden Bild: Claus Setzer

Vom Kirmesspektakel zum Fernseh-Ereignis für Millionen im Hauptprogramm von ARD und ZDF: Vor 40 Jahren hat der Deutsche Fußball-Bund sein Frauenfußball-Verbot aufgehoben. Der lange Kampf um die Anerkennung trug skurrile Züge.

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          Der Rahmen stimmt, als die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft am Donnerstag zum Länderspiel gegen Australien einläuft. Welt- und Europameister gegen Asienmeister – zwar sind nur 7229 Zuschauer ins Stadion des VfL Wolfsburg gekommen, eine mittlerweile bescheidene Zahl für Auftritte der DFB-Elf. Dafür geht das ZDF im attraktiven Vorabendprogramm auf Sendung und verschiebt sogar erstmals für ein Testspiel der Fußballfrauen seine Nachrichtensendung „heute“ in eine Halbzeitpause, um den 2:1-Sieg des Teams von Bundestrainerin Silvia Neid einem Millionenpublikum zu präsentieren. Die Leistungen der deutschen Fußballfrauen werden spätestens seit den regelmäßigen Titelgewinnen im vergangenen Jahrzehnt mit den Höhepunkten der Weltmeistertitel von 2003 und 2007 respektiert. Hinzu kommt eine bemerkenswerte Vorfreude auf die erste Frauenfußball-Weltmeisterschaft auf deutschem Boden im kommenden Juni und Juli mit bislang über 350.000 Kartenbestellungen für die 32 Begegnungen.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Rund 40 Wochen vor dem WM-Auftakt hätte der Deutsche Fußball-Bund einen Bogen spannen können zur weniger rühmlichen Vergangenheit, die heute vor genau 40 Jahren ihr formales Ende fand. Eigentlich hätte der DFB Italien als Gegner einladen müssen für ein anständiges Jubiläum. Denn so hieß am 30. Oktober 1970 der Gegner an jenem Tag, als der DFB auf seinem Bundestag in Travemünde sein Frauenfußballverbot aus dem Jahr 1955 aufhob.

          „Das wäre sicherlich eine versöhnliche Geste gewesen und hätte noch einmal vor Augen geführt, dass Frauenfußball in Deutschland bei all dem aktuellen Hype um Weltmeistertitel und die Weltmeisterschaft 2011 eine komplizierte Vergangenheit hat“, sagt Maria Breuer. Die Endfünzigerin stand vor 40 Jahren im Tor beim 1:1 vor rund 3000 Zuschauern im Köln-Müngersdorfer Stadion, das wie rund hundert Länderspiele zuvor nicht in der Verbandsstattistik auftaucht.

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          Das waren die 70er: Szene aus dem Duell der Erzrivalinnen TuS Wörrstadt und SC 07 Bad Neuenahr :

          Fußball als letzte Domäne der Männer

          Es handelte sich nämlich stets um inoffizielle Spiele, die der DFB nur allzu gerne unterbunden hätte. Die rein männliche Funktionärsriege hatte nämlich seit den fünfziger Jahren einen Abwehrkampf gegen den Einbruch der Frau in eine der letzten männlichen Domänen geführt. Während sich beispielsweise der Handball nach dem Krieg für die Frauen öffnete, war der Fußballplatz noch Sperrgebiet.

          „Ich denke, dass das sehr viel damit zu tun hatte, dass die deutschen Männer wie geprügelte Hunde aus dem verlorenen Krieg zurückgekehrt sind. Sie wollten deshalb nach dem Wirtschaftsaufschwung am liebsten die vermeintlich heile Welt, wie sie sie vor dem Krieg kannten, zumindest in ihrem näheren Umfeld wieder aufbauen“, sagt Hannelore Ratzeburg, seit den siebziger Jahren die Vorkämpferin im deutschen Frauenfußball und seit 2007 erste Frau im DFB-Präsidium. „Dort passte der Frauenfußball nicht hinein, vielleicht sogar besonders nicht nach dem Sieg der Männer bei der Weltmeisterschaft von 1954. Wenigstens der Fußball sollte den Männern als letzte Domäne bleiben.“

          „Wir empfehlen Schwimmen oder Turnen“

          Am 30. Juli 1955 wird dieser Wunsch in einem Satzungstext manifestiert: Der DFB verbietet auf seinem Verbandstag seinen Mitgliedsvereinen, Frauenfußball zu fördern. Wenn Klubs auf vereinseigenen Anlagen Spiele mit weiblicher Beteiligung zulassen, so drohen heftige Strafen bis hin zum Ausschluss der Männermannschaften aus dem Spielbetrieb. Prominente Fußballer wie Weltmeister Max Morlock erweisen dem DFB in dieser Zeit den Gefallen, ihre eigenen Vorbehalte offensiv über die Presse mitzuteilen. „Wir empfehlen Schwimmen, Leichtathletik, Turnen oder Skilaufen. Das sind eher frauliche Betätigungen“, verrät er dem „Kicker“ die offenkundig übereinstimmende Meinung des Ehepaars Morlock.

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