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Frauenfußball : Die Supermacht wankt

Stolpern in Richtung Deutschland: Carli Lloyd und ihr amerikanisches Team sind für die WM qualifiziert Bild: AFP

Am Montag werden die Vorrundengruppen der Frauenfußball-WM in Frankfurt ausgelost. Amerika hat sich am Samstag als letztes Team einen Platz im Lostopf gesichert. Trotz der glorreichen Vergangenheit ist fraglich, ob die Letzten am Ende die Ersten sein können.

          Pia Sundhage war sichtlich erleichtert, als das Spiel in der Eiseskälte von Bridgeview im Bundesstaat Illinois vorbei war. Die Trainerin der amerikanischen Frauenfußball-Nationalmannschaft hüpfte ausgelassen vor ihrer Bank auf und ab. 1:0 hatten die von der schwedischen Trainerin betreuten Amerikanerinnen durch ein Tor von Amy Rodriguez (40. Minute) das Relegations-Rückspiel um den letzten WM-Startplatz gegen Italien gewonnen. Das Hinspiel vor einer Woche endete mit dem gleichen Resultat für den Weltranglistenersten. „Wir alle sind jetzt sehr froh, dass wir in Deutschland dabei sind“, sagte die ehemalige Weltklassespielerin.

          Zwei Siege mit der geringstmöglichen Anzahl an Toren – so kennt man die Amerikanerinnen nicht. Sie stehen seit mehr als einem Jahrzehnt nahezu ununterbrochen an Position eins der Weltrangliste. Bedeutsamer noch als diese – sportlich eher fragwürdige – Wertung ist die Titelsammlung: Zweimal haben die amerikanischen Frauen bereits die Weltmeisterschaft gewonnen und drei der bislang vier olympischen Turniere, zuletzt auch jenes 2008 in Peking. Die Amerikanerinnen sind – vor der deutschen Auswahl – die erfolgreichste Mannschaft im internationalen Frauenfußball. Eigentlich würde ihnen also die Favoritenrolle bei der WM zustehen.

          Doch die vergangenen Wochen weckten Zweifel: Beim Concacaf-Cup der nord- und mittelamerikanischen Nationalmannschaften, der auch als WM-Qualifikationsturnier diente, verloren die Amerikanerinnen völlig unerwartet 1:2 in Mexiko. Es war erst die zweite Niederlage in mehr als 50 Spielen der Ära Sundhage. „Wir kamen nicht zurecht mit der Situation, gegen einen Gastgeber mit einer fanatischen Zuschauermasse im Rücken zu spielen“, sagte die Trainerin: „Diese Niederlage hat uns einen Knacks gegeben.“ Die Amerikanerinnen mussten danach einen Umweg nehmen in Richtung WM. Der Sieg im Spiel um Platz drei des Concacaf-Cups gegen Costa Rica war Voraussetzung für die Relegationsspiele gegen Italien. „Es wurde ein wenig holprig“, sagt Pia Sundhage. „Aber jetzt müssen wir positiv denken: Wir haben eine ganz schwere Prüfung bestanden. Vielleicht gibt uns diese Erfahrung nun noch zusätzliche Stärke für die WM.“

          Prüfung bestanden: Trainerin Pia Sundhage nach dem Spiel

          Fehlende Spielkultur

          Es gibt aber auch Skeptiker, die ein Ende der Spitzenstellung des amerikanischen Frauenfußballs erwarten. Die Vorherrschaft basierte bislang auf der durch Gleichstellungsgesetze gesicherten guten Förderung des Frauensports in den Colleges. Dadurch kann der amerikanische Frauenfußball auf eine große Zahl an sportlich gut ausgebildeten Talenten zurückgreifen. Neben den Colleges gibt es allerdings bis heute nur eine finanziell kriselnde Profiliga mit zehn Teams und ohne Unterbau. Kürzlich ging nun gar der neue Meister – der FC Gold Pride – in die Insolvenz.

          Schlimmer noch wiegt für Tony DiCicco, den erfolgreichsten Nationaltrainer der Frauenfußballgeschichte, der grundsätzliche Mangel an Spielkultur. „Wir Amerikaner haben keinen eigenen Spielstil und sehen kaum gute europäische Männerspiele im Fernsehen“, sagt DiCicco. „Deshalb lernen auch unsere Spielerinnen kein kultiviertes Spiel.“ Stattdessen siegten sie bislang meist dank überlegener Athletik.

          Hilflose Amerikanerinnen

          Auch Pia Sundhage weiß um die Mängel ihres Teams. Sie hat es sich beim Dienstantritt zur Aufgabe gemacht, eine amerikanische Spielkultur zu entwickeln, die auch 2011 gegen athletisch mittlerweile ebenbürtige, aber taktisch und technisch bessere Teams wie Deutschland oder Brasilien die Chance auf den Titel eröffnen soll. Wenn man die Hilflosigkeit der Amerikanerinnen gegen taktisch disziplinierte Italienerinnen zum Maßstab nimmt, hatte die ehemalige Weltklassespielerin Pia Sundhage noch nicht allzu viel Erfolg mit ihrer Mission.

          Aber dem in letzter Minute ins Starterfeld gerückten Olympiasieger bleibt ja noch eine biblische Hoffnung: Die Letzten könnten am Ende des WM-Turniers schließlich doch noch die Ersten sein.

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