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Almuth Schult : Ein sehr spezieller Charakter im deutschen Tor

Bild: dpa

Torhüterin Almuth Schult gilt im Fußball-Nationalteam als „Almuth allwissend“. Sie spricht nicht nur unbequeme Dinge aus, sie hat auch gern das letzte Wort. Nun kommt es für sie zu einem besonderen Duell.

          Almuth Schult hat schon als Ko-Kommentatorin ausgeholfen. Wenn die Torhüterin des deutschen Fußball-Nationalteams mal wegen einer Verletzung verhindert war, dann sprang sie bisweilen bei DFB-TV bei den Übertragungen von Spielen des eigenen Klubs als Expertin ein und sprach munter über die Leistungen ihrer Mitspielerinnen. Schult, die einen Einstieg in den Sportjournalismus für eine Option nach der Karriere hält, nahm dabei, anders als üblich unter Teamkolleginnen, nicht unbedingt ein Blatt vor den Mund. Als sie einmal die Schlussminuten eines Bundesliga-Spiels ihres VfL Wolfsburg im Alleingang kommentieren musste, weil der eigentliche DFB-Reporter sich schon für den Einsatz am Spielfeldrand vorbereiten musste, sprach Schult sogar das Schlussfazit, und das fiel gar nicht gut aus fürs eigene Team.

          Frauenfussball-WM 2019

          Die Frauenfußballszene schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Schult aber ficht so etwas nicht an. „Ich weiß, dass ich auch mal anecke, aber ich stehe zu meiner Meinung“, sagt die selbstbewusste 29 Jahre alte Schlussfrau. Entsprechend übte sie bei der laufenden WM frühzeitig scharfe Kritik am Videobeweis und der umstrittenen Beurteilung des Torhüterinnenverhaltens bei Elfmetern. Sie bezeichnete es als „Unsinn“. Auch im täglichen Umgang mit ihren Teamkolleginnen gibt sich die Torfrau nicht anders. „Almuth muss grundsätzlich immer das letzte Wort haben“, sagt Lina Magull. Und Carolin Simon gibt zu, dass es manchmal auch anstrengend sein könne mit der Torhüterin mit den „sehr speziellen Charaktereigenschaften“.

          Es passt ins Bild, dass „Almuth allwissend“, wie sie im Team genannt wird, die einzige Spielerin ohne Instagram-Account ist und dafür von ihren Mitspielerinnen mit dem Hashtag #AlmuthohneInsta aufgezogen wird. Es passt auch, dass sie jenes einzige Einzelzimmer bezogen hat, das bei 23 Spielerinnen neben elf Doppelzimmern übrig geblieben ist. „Ich finde das gut so. Wenn ich Leute um mich haben will, kann ich immer in unsere Teambereiche“, sagt sie. Gewissermaßen tritt Schult somit die Nachfolge von Nadine Angerer an. Auch die charismatische frühere Nationaltorhüterin ging gern eigene Wege und war trotzdem die Mutter der Kompanie.

          Professionelle Einstellung und Arbeitsmoral

          Nun ist Almuth Schult, die bereits ein Studium an der Kölner Sporthochschule abgeschlossen hat neben der Fußballlaufbahn, alles andere als eine Ausgestoßene. Sie ist respektiert im Team für ihre professionelle Einstellung und Arbeitsmoral, mit der sie sich im vergangenen halben Jahr von Rückschlägen wie einer Masernerkrankung im Februar samt eines schweren Verlaufs mit diversen Entzündungen im ganzen Körper und einer Schulterverletzung in der Schlussphase der Bundesliga-Saison zurückgekämpft hat. Und bei der WM hat sie ihr Ansehen weiter verbessert, weil sie ein starker Rückhalt für ihr Team war in den beiden ersten, problematischen Vorrundenspielen gegen China und Spanien. Entsprechend hat sie vor dem Spiel gegen Nigeria im üblichen Kreis zur Einstimmung die letzten Motivationsworte gesprochen.

          Im Verein beweist sie zudem, dass man es auch auf einem Zimmer mit ihr aushalten kann. Dort war nämlich Nilla Fischer, die nach der Weltmeisterschaft zu ihrem Heimatklub Linköping zurückkehrt, sechs Jahre lang ihre Zimmergenossin. Es sei eine enge Freundschaft entstanden zwischen zwei Spielerinnen, die ihren Sport mit voller Hingabe ausüben, sagt Fischer. Schult sei dabei die Chefin auf dem Zimmer gewesen, die ihr Geldstrafen für unpünktliches Erscheinen zu Mannschaftsbesprechungen erspart habe. Am Samstagabend (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Frauenfußball-WM, in der ARD und bei DAZN) wird Schult die 34 Jahre alte Innenverteidigerin nun wiedersehen, wenn das deutsche Team im Viertelfinale auf Schweden trifft.

          „Das ist natürlich komisch, gegen sie zu spielen. Aber andererseits freue ich mich sehr, dass wir uns noch mal auf dem Feld begegnen“, sagt Schult. Vor einigen Wochen waren die Fußballfreundinnen noch gemeinsam auf dem Bauernhof von Schults Eltern und haben dabei gemeinsam Kühe gemolken. Am Samstag könnte es nun gut sein, dass Schult einen Kopfball von Fischer parieren und deren Traum von einem Titelgewinn ein weiteres Mal zerstören muss. Schon 2016 hatte Schult mit dazu beigetragen, dass Deutschland das olympische Finale gegen Schweden und Nilla Fischer gewonnen hat. Auch im April hatte Deutschland Schweden beim 2:1-Testspielsieg die Grenzen aufgezeigt.

          Am Samstag entscheidet sich nun als Nebeneffekt der Qualifikation für das WM-Halbfinale, welches der beiden Teams auf eine weitere Olympiateilnahme im kommenden Jahr in Japan hoffen darf. Die europäischen Teams pflegen seit jeher die WM-Plazierungen als einziges Entscheidungskriterium für die Vergabe der drei Plätze für den Kontinentalverband heranzuziehen. Da sieben europäische Teams unter den letzten acht stehen, würde ein Viertelfinal-Aus definitiv die Olympia-Hoffnungen beenden.

          Schult lässt dabei keinen Zweifel daran, dass das deutsche Team den Sprung in die nächste Runde schaffen wird. „Wir stehen gut im Turnier, haben einen starken Siegeswillen. Das kann beileibe nicht jede Mannschaft bei der WM von sich behaupten“, sagte sie. Schult selbst nähert sich derweil dem Rekord ihrer Vorgängerin Angerer. Die hatte 2007 eine gesamte Weltmeisterschaft ohne Gegentor überstanden. Schult hält Vergleichbares heute für unmöglich. Wenn es aber dennoch gelingen sollte, wäre Deutschland Weltmeister. Auch dank einer starken Schlussfrau.

          Voss-Tecklenburg lässt Startelf-Einsatz von Marozsan weiter offen

          Martina Voss-Tecklenburg macht weiter ein Geheimnis daraus, ob die deutsche Spielmacherin Dzsenifer Marozsan im WM-Viertelfinale gegen Schweden in der Startelf steht. „Ich weiß es“, sagte die Bundestrainerin mit einem schelmischen Grinsen auf der Pressekonferenz vor der Partie am Samstag in Rennes. Aber sie verriet es nicht.

          Sicher ist, dass die 27 Jahre alte Fußball-Nationalspielerin, die sich vor drei Wochen zum WM-Auftakt gegen China einen Zeh gebrochen hatte, im Kader steht. Ein Risiko bei einem Einsatz bestünde nicht, betonte Voss-Tecklenburg am Freitag: „Der Zeh ist gebrochen und er bleibt gebrochen. Dzseni hat den Willen zu spielen. Das zeichnet sie aus.“

          Darüber hinaus rechnet die 51-Jährige mit einer „engen und spannenden“ Partie. „Es wird ein Spiel auf Augenhöhe. Am Ende wird es davon abhängen, wer die wenigsten Fehler macht oder die Fehler des anderen ausnutzt. Und man braucht auch ein bisschen Spielglück.“

          Auch Innenverteidigerin Sara Doorsoun freut sich auf das Duell, das im Siegfall die Olympia-Qualifikation bedeuten könnte. „Wir haben schon vorher gesagt, dass das unser Ziel ist“, sagte die 27-Jährige. Auf verbale Scharmützel mit den Schwedinnen lässt sich die Innenverteidigerin erst gar nicht ein: „Es ist mir relativ egal, was die Schwedinnen sagen. Wir werden uns darüber nicht den Kopf zerbrechen und wissen um unsere Stärke.“

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