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Fifa-Präsident Joseph Blatter : Kein Termin für kritische Fragen

  • -Aktualisiert am

Wenn es um die Probleme der Fifa geht, schweigt Joseph Blatter in Berlin Bild: dpa

Fifa-Präsident Blatter hatte zum Beginn der Frauen-WM die Gelegenheit, über Fortschritte im Kampf gegen Korruption zu reden. Aber das tat er nicht. Als es unangenehm zu werden drohte, sprangen ihm zwei starke Frauen zur Seite.

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          Als es unangenehm zu werden drohte, sprangen ihm zwei starke Frauen zur Seite. Zunächst verhalf Steffi Jones, Präsidentin des deutschen Organisationskomitees, Joseph Blatter zu einer Denkpause, als sie für den Präsidenten des Internationalen Fußballverbandes (Fifa) die Antwort übernahm. Ob er bei der Eröffnungsfeier der Frauenfußball-WM in Berlin mit Pfiffen rechne, war der 75 Jahre alte Schweizer gefragt worden - die Replik der 38 Jahre alten Frankfurterin ging so: „Ich gehe davon aus, dass der Fifa-Präsident nicht ausgepfiffen wird, dafür werde ich alles tun. Ich hoffe, dass wir uns als guter Gastgeber zeigen.“

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Pfiffe gegen Blatter, das hat in Deutschland Tradition. Bei der Weltmeisterschaft 2006 erinnerten sich die Fußballfans sehr gut daran, dass der Zuschlag gegen den Willen des Fifa-Präsidenten erfolgt war, der schon damals, und nicht erst 2010, Südafrika bedenken wollte.

          2011 ist die deutsche Fußballgemeinde schlecht auf den mittlerweile 75 Jahre alten Blatter zu sprechen, weil er einer Organisation vorsteht, der sie alles Schlechte zutraut: Mauschelei, Vetternwirtschaft, Korruption und Bestechlichkeit. Vielerlei Vorwürfe sind erhoben worden, bewiesen wurde wenig, aber der Ruf ist ruiniert. Der Rücktritt von Fifa-Vizepräsident Jack Warner vor wenigen Tagen trug nicht zur Beruhigung bei, sondern wurde eher als Bestätigung für finstere Machenschaften angesehen.

          „Wir haben das Recht darauf, dass es nur um die Frauen-WM geht“

          Blatter hätte am Samstag die Gelegenheit gehabt, auf einer Pressekonferenz zur Eröffnung der Frauen-WM zu den Fortschritten im Kampf gegen Korruption und für mehr Demokratie und Transparenz in seinem Verband zu reden. Aber das mochte er wohl nicht. Denn gegen seinen Willen wird Steffi Jones sicher nicht zu den Journalisten gesagt haben: „Wenn es um Themen geht, die nicht mit der WM zusammenhängen, würde ich darum bitten, dass Sie das zu einem späteren Zeitpunkt machen. Wir haben drei Jahre darauf hingearbeitet, und wir haben das Recht darauf, dass es nur um die Frauen-WM geht.“

          Immerhin äußerte sich der Fifa-Präsident dann selbst zu der Gefahr, bei der Eröffnungsfeier ausgepfiffen zu werden: „Ich bin vieles gewohnt. Das wäre ein Affront mehr gegen den Bundespräsidenten als gegen meine Person. Das ist das Leben.“ Aber das trat nicht ein. Blatter wurde nicht ausgepfiffen bei der Eröffnung, sondern nicht bemerkt, da er auch keine Rede hielt.

          Zum zum Stand der Ermittlungen wegen des Bestechungsverdachts gegen Fifa-Vizepräsident Mohamed bin Hammam sowie gegen Jack Warner teilte er kurz mit: „Die Ethikkommission arbeitet und arbeitet und wird im Laufe des Monats Juli zu Entscheidungen kommen, was dieser Fall, den sie aufgerollt haben, bringt. Sie wissen, dass einer ausgeschert ist, zurückgetreten ist von allen seinen Ämtern, und deshalb nicht mehr von der Kommission belangt wird.“

          Es geht um eine möglichst unauffällige Verwaltung der Krise

          Danach sorgte die resolute Fifa-Pressesprecherin Segolene Valentin dafür, dass Blatter ohne weitere Behelligungen das Podium verlassen konnte. Als dann dem für den Frauenfußball zuständigen Mitglied des Exekutivkomitees, Worawi Makudi, eine kritische Frage gestellt wurde, erklärte Segolene Valentin die Pressekonferenz für beendet, bevor der Satz ausformuliert war.

          Somit hatte die Fifa wieder mal ein Bild abgegeben, das den Vorurteilen der Öffentlichkeit entspricht: dass es ihr weniger um Offenheit und Aufklärung geht als um eine möglichst unauffällige Verwaltung der Krise. Denn vieles wäre noch zu sagen gewesen. Dass mit dem Rücktritt Warners das Böse nicht aus der Fifa verschwunden ist, ist offensichtlich.

          Die Konföderation, der er jahrzehntelang vorstand, die der nord- und mittelamerikanischen Fußballverbände (Concacaf), steht offensichtlich noch unter dem Einfluss ihres früheren Kopfes und Versorgers. So wurde Concacaf-Generalsekretär Chuck Blazer zwei Tage nachdem er den Bestechungsversuch von bin Hammam und Warner gegen 25 Funktionäre des karibischen Fußballverbandes öffentlich gemacht hatte, von seinem Posten entbunden.

          Blazers Verhalten „eine schwere Pflichtverletzung“

          Zu dem Zeitpunkt war Warner zwar schon suspendiert. Aber für Concacaf-Vizepräsident Lisle Austin war Blazers Verhalten „unentschuldbar und eine schwere Pflichtverletzung“. So begründete er Blazers Beurlaubung. Doch der Amerikaner wehrte sich. Als langjähriges Mitglied des Exekutivkomitees, der Fifa-Regierung, hatte er genug mächtige Freunde. Sie sprachen ihm das Vertrauen aus. Austin wurde als Warner-Ersatz abgesetzt, nun vertritt der Honduraner Alfredo Hawit Nord- und Mittelamerika.

          Aber auch unter seiner Führung schießt die Concacaf gegen Blazer. Verschiedene Funktionäre unterstellen ihm Rassismus und sehen ihn als Speerspitze einer nordamerikanischen Intrige. Nicht nur das, vor zehn Tagen forderten elf Funktionäre karibischer Fußballverbände die Fifa-Ethikkommission auf, ein Verfahren gegen Blazer zu eröffnen. Er hätte gegen die persönlichen Rechte ihres Kollegen, des jamaikanischen Präsidenten Captain Horace Burrell, verstoßen, indem er verhinderte, dass Burrell Vizepräsident der Concacaf wurde.

          Zwanziger versucht, eine Vorreiterrolle einzunehmen

          Angesichts dieses Treibens erscheint das Bestreben der europäischen Verbände nach Reformen der internen Strukturen nur verständlich. Das frischgewählte Exekutivkomitee-Mitglied Theo Zwanziger versucht, dabei eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Am Sonntag stellte der DFB-Präsident Blatter einen Fünfpunkteplan vor, der mit der Europäischen Fußballunion abgestimmt ist. Ein Kernpunkt: die Besetzung aller wichtigen Komitees mit Experten.

          Dabei sollen die Gremien nicht mehr einfach vom Fifa-Präsidenten berufen, sondern über Vorschlagslisten gebildet werden. Vielleicht teilt Joseph Blatter ja Zwanziger mit, was er in Sachen Transparenz und Demokratie so auf den Weg bringen möchte. Das letzte deutsche Mitglied der Ethikkommission, der im Januar zurückgetretene Jurist Günter Hirsch, war jedenfalls niemandem aus der DFB-Führung bekannt.

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