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Frauenfußball-WM : Ein Blick in die Zukunft

Elegant wie einst Netzer und Overath: Dzsenifer Marozsan besticht bei der WM durch Technik Bild: USA Today Sports

Sieben Millionen Fernsehzuschauer bei der WM sind Hinweis auf die Möglichkeiten des Frauenfußballs. Der Alltag sieht noch deutlich schlechter aus. Aber es gibt Indizien für ein weiteres Wachstum.

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          Christoph Schickhardt hat einen Traum. „Ich will dabei sein, wenn der erste Millionentransfer im Frauenfußball abgewickelt wird.“ Das sind bemerkenswerte Worte eines Rechtsanwalts, der im Männerfußball Vereine, Spieler und Trainer bis hin zu Joachim Löw juristisch berät. Im vergangenen Jahr ist der „Fußball-Anwalt“ bei einer Vertragsstreitigkeit zwischen dem 1. FFC Frankfurt, Dzsenifer Marozsan und Paris Saint-Germain mit dem Frauenfußball in Berührung gekommen. Dabei fühlte er sich an seine Anfangsjahre im Männergeschäft vor drei Jahrzehnten erinnert. „Die Spielerwechsel laufen mit all ihren vertraglichen Schwierigkeiten und den Dimensionen der Geldbeträge ähnlich ab wie damals im Männerfußball“, sagt Schickhardt. Er glaubt auch deshalb an ein ähnliches wirtschaftliches Wachstum, obgleich Transfersummen im Frauenfußball bislang eine Ausnahme sind und höchstens im fünfstelligen Bereich liegen.

          Schickhardts Prognose klingt gar nicht so unrealistisch, wenn man auf die TV-Quoten der Spiele der Frauenfußball-Weltmeisterschaft in Kanada schaut: Sieben Millionen schalteten am Donnerstagabend um 22 Uhr bei der ARD ein, als Deutschland gegen Norwegen 1:1 spielte und vor dem abschließenden Vorrundenspiel gegen Thailand (Montag/22 Uhr) den Weg zum Sieg in der Gruppe B ebnete.

          Zeit für Entwicklung

          Auch Eurosport jubiliert. „Der Aufwärtstrend im Frauenfußball ist ungebrochen“, sagen sie beim Spartensender. „Er braucht nur noch etwas Zeit, sich zu entwickeln.“ Denn das ist die andere Seite des Frauenfußballs: Im Alltag zwischen den großen Turnieren des Nationalteams fristen die Frauen noch immer ein Schattendasein. Die zwölf Erstligaklubs kamen in der vergangenen Saison bei ihren Heimspielen gerade mal auf etwas mehr als 1000 Zuschauer im Durchschnitt.

          Die Fernsehpräsenz ließ zu wünschen übrig, zumal Eurosport von seinem Recht auf eine Live-Übertragung von jedem Bundesligaspieltag meist nur in seinem kaum empfangbaren zweiten Programm Gebrauch machte. „Spiele auf Eurosport 2 waren aber keine Abschiebung des Frauenfußballs“, sagt Susanne Aigner-Drews von Eurosport. „Das war die Folge von vielen Wintersport-Weltmeisterschaften, die terminlich kollidierten.“ Der Sender sei aber hochzufrieden mit den Einschaltquoten, wenn beispielsweise Champions-League-Spiele von durchschnittlich 233.000 Zuschauern gesehen würden.

          Engagement der Männerklubs

          Es bleibt aber ein Aufmerksamkeitsdefizit. Wachstum im Frauenfußball ist deshalb derzeit vornehmlich durch das verstärkte Engagement von Klubs mit einer finanzstarken Männer-Profiabteilung möglich. Berater wie Dietmar Ness stellen seit Jahren stetig steigende Verdienstmöglichkeiten für die Spielerinnen fest, die bislang nur in sehr seltenen Fällen sechsstellig im Jahr verdienen können. „Der Wettbewerb zwischen den Klubs in Europa nimmt zu, die besten Spielerinnen können unter mehr Angeboten auswählen“, sagt er.

          Allein während der WM-Partie Nigeria gegen Schweden habe sein Telefon viermal geklingelt - Anfragen zu zwei von sieben beteiligten Spielerinnen, die er berät. Verantwortlich für die gestiegene Nachfrage sind neben Olympique Lyon und dem VfL Wolfsburg, die bereits je zwei Champions-League-Titel errungen haben, nun auch Bayern München, Paris Saint-Germain, Chelsea oder Liverpool, die nun gleichfalls nach der Krone des weiblichen Fußballs streben.

          Wie einst Overath und Netzer

          In Wolfsburg berichtet der für den Frauenfußball verantwortliche Geschäftsführer Thomas Röttgermann gerne von dem enormen Wert des Frauenfußballs für den Volkswagenkonzern, der deshalb seinen Fußballfrauen einen Etat von angeblich drei Millionen Euro überlässt. Der Werbewert des Spitzenteams liege jedoch weit über dem finanziellen Einsatz, obendrein sei der Frauenfußball ein wichtiger Standortfaktor für die VW-Mitarbeiter. Solche weichen Faktoren schätzt auch der Versicherungskonzern Allianz, der sich für anderthalb Millionen Euro jährlich die Namensrechte der Frauenfußball-Bundesliga gesichert hat und sich mit weiteren Millionen als Partner des Nationalteams engagiert.

          „Frauenfußball ist durchweg positiv besetzt. Er ist für uns ein wunderbares Element, um mit unseren Kunden, also auch vielen Frauen, ins Gespräch zu kommen“, sagt Manfred Boschatzke, der bei der Allianz für das Sponsoring zuständig ist. Vor allem über soziale Medien nutzt die Versicherung den Frauenfußball als Kommunikationsmittel. „Wir wollen ihn im Dialog mit dem DFB voranbringen“, sagt Boschatzke.

          Bei all den Entwicklungserwartungen hofft Anwalt Schickhardt aber auch auf eine Stagnation in einem Punkt - aus Liebhabergründen. „Meines Erachtens dürfen die Frauen nicht zu sehr den Männern nacheifern, was die Athletik betrifft. Bei ihnen läuft der Ball wie früher bei Netzer und Overath. Das ist für viele schöner anzuschauen als der Pressing-Fußball bei den Männern.“

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