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Deutscher WM-Gegner Frankreich : Warum die Freundschaft auch mal ruhen muss

Mit voller Kraft ins Viertelfinale: die Französin Marie Laure Delie (Mitte) lässt sich von ihren Teamkolleginnen feiern Bild: dpa

Durch gemeinsame Trainingslager sind Frankreichs Fußballfrauen ihrem Vorbild aus Deutschland spielerisch sehr nahe gekommen. Am Freitag treffen beide Teams im WM-Viertelfinale aufeinander. Nicht nur für die Französinnen ist es ein vorgezogenes Endspiel.

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          Philippe Bergeroo weiß aus schmerzlicher Erfahrung, dass große Fußball-Träume der Franzosen gerne einmal gegen deutsche Teams enden. Entsprechend warnt der Trainer des französischen Frauenfußball-Nationalteams vor dem WM-Viertelfinale in Kanada an diesem Freitag (22 Uhr / Live im ZDF und im WM-Ticker auf FAZ.NET) vor dem kleinsten Anflug von Überheblichkeit.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bergeroo hat 1986 als Ersatztorwart miterlebt, wie Frankreich im WM-Halbfinale in Mexiko an Deutschland scheiterte. „Wir haben damals nur ans Finale gedacht, weil wir zuvor im Viertelfinale Brasilien entzaubert hatten. Am Ende haben wir 0:2 verloren, und Deutschland stand im Endspiel“, sagt er. „Dieses Erlebnis war mir eine Lehre.“

          Aufgabe mit Leichtigkeit bewältigt

          Entsprechend zurückhaltend präsentierte sich der 60 Jahre alte Trainer am Montagabend nach dem 3:0-Sieg im Achtelfinale gegen Südkorea, der den Weg ebnete fürs deutsch-französische Duell in der Runde der letzten acht – und gewissermaßen zu einer Revanche für das Viertelfinal-Duell der Männer beider Nationen bei der WM vor einem Jahr in Brasilien, das 1:0 für den späteren Weltmeister endete.

          Der Aufgabe gegen die harmlosen Südkoreanerinnen entledigten sich seine Spielerinnen zuvor mit einer Leichtigkeit, die bei dieser WM bislang sonst nur das deutsche Team beim Achtelfinalsieg gegen Schweden an den Tag gelegt hatte. Schon nach acht Minuten stand es 2:0 nach Toren von Marie-Laure Delie und Elodie Thomis. Anschließend verwaltete die „Equipe tricolore“ den Vorsprung kraftsparend, sodass nur ein weiterer Treffer der Mittelstürmerin Delie hinzukam.

          Wie der Trainer, so wollten auch die Spielerinnen das Ergebnis vor 15.000 Zuschauern im Olympiastadion des frankophonen Montreal nicht überbewerten in Anbetracht der Tatsache, dass der echte Härtetest erst folgt. „Deutschland hat ein sehr starkes Team mit Historie, dort hat Frauenfußball eine große Bedeutung. Sie hatten immer einen großen Vorsprung, den wir in ganz harter Arbeit verkleinert haben“, sagt Elodie Thomis.

          Sie selbst weiß am besten um die beschwerliche Aufholarbeit. Sie gehörte jener Generation von Spielerinnen an, in der eine besondere grenzübergreifende Fußballfreundschaft ihre Blütezeit hatte. Das deutsch-französische Jugendwerk finanzierte von Ende der neunziger Jahre an einige Jahre lang gemeinsame Trainingslager der U-17-Nationalteams, in denen Talente wie Thomis mit den deutschen Nachwuchshoffnungen zusammenkamen. Die Französin erinnert sich an Gespräche mit Celia Sasic, die aufgrund ihrer französischen Mutter die Sprache beherrscht. „Mit Celia plaudere ich noch heute immer sehr gerne, wenn wir uns über den Weg laufen.“

          Will Deutschland diesmal schlagen: Frankreichs Trainer Bergeroo
          Will Deutschland diesmal schlagen: Frankreichs Trainer Bergeroo : Bild: AFP

          Mittlerweile seien diese Gespräche auch auf Augenhöhe, während Elodie Thomis und ihre Mitspielerinnen die Trainingslager damals als eine Art Entwicklungshilfe durch die Deutschen empfanden. „Diese Trainingslager haben uns sehr weitergebracht“, sagte sie. Auch wegen dieser Fortschritte hat Frankreich 2011, nach dem ersten Erreichen eines Halbfinals bei der WM in Deutschland, eine große Verbandsoffensive in die Wege geleitet. Frauenfußball genießt seither einen ähnlich hohen Stellenwert wie beim Vorbild DFB, die Krönung soll die WM 2019 im eigenen Land bringen.

          Wenngleich Frankreich also Deutschland in allen Belangen nahe gekommen ist und im Vorjahr gar erstmals ein Spiel auf deutschem Boden gewann, so ist der Respekt noch immer spürbar, wenn Elodie Thomis über ihre Gegnerinnen spricht, über die „famose“ Torhüterin Nadine Angerer, über Simone Laudehr und Torjägerin Anja Mittag oder liebevoll vom Talent des „grand bébé“ Dzsenifer Marozsan schwärmt.

          Unterschiede nur in der Erfahrung

          „Aber wir haben auch eine Louisa Necib, Laura Georges, Wendie Renard, Camille Abily oder Eugenie Le Sommer“, sagt Thomis. Der Unterschied sei nur noch die Erfahrung bei Spielen auf höchstem Niveau, die „Les Bleues“ fast ausschließlich verloren: Neben dem frühen Aus bei der EM vor zwei Jahren haben sie die Halbfinalniederlage bei der WM vor vier Jahren sowie das Halbfinal-Aus bei Olympia im Kopf, wo sie zudem jeweils noch die Spiele um Platz drei verloren haben.

          Als Konsequenz aus diesen Misserfolgen trennte sich der Verband vor zwei Jahren von Trainer Bruno Bini, dem großen Motor des französischen Frauenfußballs, und ersetzte ihn durch Bergeroo, der nach seiner Spielerkarriere mit 558 Erstliga-Einsätzen für Bordeaux, Lille und Toulouse als Trainer bei den Männern tätig war. Dort hat er aus nächster Nähe miterlebt, dass französische Nationalteams Turniere gewinnen können. 1984 war er als Ersatztorwart dabei, als Frankreich, angeführt von Michel Platini, die Heim-EM gewann, 1998 war er einer der Assistenten von Nationaltrainer Aimé Jaquet, als Zinedine Zidane und Co. Weltmeister wurden. Beide Turniere boten den Franzosen einen Vorteil: Sie mussten auf dem Weg zum Titel nicht gegen Deutschland spielen.

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