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Deutsches Frauenfußballteam : „Silvia Neid macht einen fantastischen Job“

Englands Trainer Mark Sampson findet die Kritik an Silvia Neid sehr hart Bild: AFP

Vor dem Spiel um Platz drei bei der Frauenfußball-WM gegen England wird über Silvia Neid debattiert. Nun springt ausgerechnet der gegnerische Coach der Bundestrainerin zur Seite – mit deutlichen Worten.

          Nadine Angerer war bei der Frauenfußball-Weltmeisterschaft abermals in Topform. Deshalb hat Deutschland schließlich auch immerhin das Halbfinale erreicht. Die Torhüterin rettete ihr Team im Viertelfinale gegen Frankreich ins Elfmeterschießen und wehrte dort den entscheidenden Ball ab. Diese Leistungen haben ihr in die Vorauswahl der drei besten Torhüterinnen für die Kür mit dem „Goldenen Handschuh“ verholfen.

          Abwehrkraft wollte die 36 Jahre alte Torfrau nun auch am Donnerstag beweisen, als sie sich im Rahmen der Pressekonferenz vor dem Spiel um Platz drei gegen England am Samstag (22 Uhr / Live in der ARD und im WM-Ticker bei FAZ.NET) in Edmonton zur Kritik an Bundestrainerin Silvia Neid äußerte.

          “Das sehe ich als Schwäche“

          Die Bundesligatrainer Colin Bell vom Champions-League-Sieger FFC Frankfurt und sein Wolfsburger Kollege Ralf Kellermann, im Januar zum Welttrainer des Jahres gekürt, hatten nach ihrer Beobachtungsreise nach Kanada Kritik geübt unter anderem an der fehlenden taktischen Flexibilität des Teams und allzu passivem Coaching von Neid. Die Kritik war sachlich formuliert.

          Die Torverhinderungskünstlerin Angerer wehrte vor ihrem 146. und letzten Länderspiel die Aussagen insbesondere von Bell nun mit einer Art Faustabwehr ab: Sie glitt ins Persönliche ab. „Das macht mich richtig sauer. Weil es immer leicht ist, Sachen von außen zu beurteilen. Wenn man keine Ahnung hat, muss man erst mal die Hintergründe kennen. Aber das Schöne ist, dass er ja auch Trainer ist und es in seinem eigenen Verein besser machen kann“, sagte sie. „Ich bin enttäuscht, dass nach einer Niederlage alles infrage gestellt wird, dass man dann am lautesten schreit. Das sehe ich, ehrlich gesagt, als Schwäche.“

          Im DFB-Team hat man sich lieber festgelegt darauf, die WM als einen Erfolg bewerten zu wollen, der mit Rang drei gekrönt werden soll. Das Umfeld reagierte dem Vernehmen nach deshalb höchst pikiert und persönlich beleidigt auf die Kritik.

          Torhüterin und Trainerin: Nadine Angerer (links) neben Silvia Neid

          Generalsekretär Helmut Sandrock sprang seinen Damen schließlich in einem Interview auf der DFB-Homepage zur Seite. „Wir sind unter den besten vier Teams bei dieser WM, wollen den dritten Platz und damit beste europäische Nation werden. Ich bin schon sehr verwundert darüber, wie sich jetzt der eine oder andere Trainer aus der Bundesliga in der Öffentlichkeit gegenüber der Bundestrainerin und der Mannschaft geäußert hat“, sagte Sandrock. Der Funktionär sagte weiterhin, dass Neid weiter „das totale Vertrauen“ des DFB genieße. Dieses war freilich selbst von den Kritikern nie in Zweifel gezogen worden.

          Tatsächlich ist das Abschneiden der deutschen Elf beim Turnier der besten 24 Teams weit davon entfernt, ein sportlicher Reinfall gewesen zu sein. Beispielsweise zeigte das Team im Achtelfinale beim 4:1-Sieg gegen Schweden ein modernes Pressing- und Umschaltspiel, das es im Frauenfußball in dieser Konsequenz und Wucht noch nie zuvor gegeben hatte. Der Auftritt war Resultat der beharrlichen Arbeit von Bundestrainerin Neid, die mit ihrem Team seit 2011 an dieser Herangehensweise ans Spiel gearbeitet und mitten in der Lernphase die EM 2013 gewann.

          Das Potential ist vorhanden

          Ansatzweise kam diese Qualität auch im Spiel gegen die Vereinigten Staaten zur Geltung. Das deutsche Team wirkte indes hilflos, als es gegen Frankreich und in weiten Teilen des Duells mit den Vereinigten Staaten nicht in die gewünschte Pressingsituation kam. Zudem hatte es Schwierigkeiten, mit unerwarteten Maßnahmen des Gegners wie beispielsweise der neuen Rolle der überragenden Amerikanerin Carli Lloyd zurechtzukommen. Genau auf diese offensichtlichen Schwierigkeiten zielte die Kritik von Bell und Kellermann.

          Gute Miene, enttäuschte Torhüterin: Nadine Angerer springt ihrer Trainerin zur Seite

          Beide Trainer betonten aber auch, dass weiter das Potential vorhanden sei für große Turniererfolge beispielsweise schon im kommenden Jahr beim olympischen Fußballturnier in Brasilien, für das sich Deutschland dank der Halbfinalteilnahme bereits qualifiziert hat.

          Silvia Neid reagierte am Freitagabend in der Pressekonferenz auf die Aussagen.  „Ich bin eigentlich dankbar für jede Kritik“, sagte sie. Sie könne einiges auch nachvollziehen. „Ich hätte es nur einfach gut gefunden, wenn mich meine Bundesliga-Kollegen angerufen und mich gefragt hätten. Dann hätte ich es ihnen erklärt oder wir hätten darüber gesprochen.“ In Ottawa habe sie auch Besuch von einem Bundesliga Kollegen gehabt. „Wir haben uns sehr gut unterhalten. Ich denke, so muss es auch gehen. So ist es der richtige Weg unter Kollegen.“

          Eingespieltes Team: Der Kader bleibt zusammen

          Sehr erstaunt war Englands Coach Mark Sampson. „Silvia Neid ist eine der besten und erfolgreichsten Trainerinnen der Welt, sie macht einen fantastischen Job“, befand der Waliser. In der Spitze des internationalen Frauenfußballs seien die Unterschiede zwischen den Teams nur noch sehr gering. Neid habe dennoch ein Topteam. Deutschland stehe als zweimaliger Welt- und achtmaliger Europameister permanent unter Druck. „Wenn Neid nur für ihre Arbeit kritisiert wird von Colin, dann ist das schon sehr hart.“

          Vermutlich wird die aktuelle Mannschaft bis auf Angerer komplett zusammen bleiben, eventuell ergänzt durch die derzeit schwangere Lira Alushi. Eine rechtzeitige Rückkehr von Weltfußballerin Nadine Keßler, deren verletzungsbedingtes Fehlen bei der WM bemerkenswerterweise nie als Argument für Defizite im Mittelfeld angeführt wurde, ist angesichts des Gesundheitszustandes ihres Knies fraglich.

          Das Spiel um Platz drei gegen England wäre nun bei aller sportlichen Bedeutungslosigkeit geeignet als Aufgalopp für das olympische Abenteuer, das die letzte Mission von Bundestrainerin Silvia Neid vor der Stabübergabe an ihre Nachfolgerin Steffi Jones sein wird. Für jene Aufgabe sollte sich Silvia Neid indes noch ihres persönlichen olympischen Feuers versichern. Zuletzt deutete sie an, dass die Olympischen Spiele für den Frauenfußball an Faszination eingebüßt hätten und in der Bedeutsamkeit weit hinter einer Weltmeisterschaft rangierten.

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