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WM 2015 in Kanada : Die Erfolgsformel der deutschen Fußballfrauen

Jetzt ist alles möglich für die deutschen Fußballfrauen Bild: dpa

Nach dem trostlosen Aus bei der Heim-WM hat Bundestrainerin Silvia Neid vier Jahre Entwicklungsarbeit geleistet. Die Früchte ernten die deutschen Fußballfrauen nun. Bei der WM in Kanada setzt das DFB-Team Maßstäbe.

          Seit einigen Tagen ist auf der Homepage des Internationalen Fußballverbands (Fifa) ein Video mit den lustigsten Szenen der bisherigen Frauen-Weltmeisterschaft in Kanada zu sehen. Unter den „Top 10“, die der Turnierveranstalter ausgesucht hat, landete auch ein Ausschnitt, der Zweifel aufkommen lassen konnte an einer guten Stimmung im deutschen Team. Spielführerin Nadine Angerer schien auf diesen Bildern ihre Teamkameradin Jennifer Cramer zu ignorieren beim Abklatschen nach dem Sieg im Gruppenspiel gegen Thailand.

          Spekulationen schossen ins Kraut, ob Angerer ihre Teamkameradin mit der Aktion womöglich für eine durchwachsene Leistung im vorangegangenen Spiel bestrafen wollte. Zwischenzeitlich verbreiteten Angerer und Cramer sogar ein Video, um die Zweifel an der Harmonie im Team zu beseitigen: Sie lösten die Szene auf und umarmten sich.

          Besser als diese spaßige Klarstellung taugte aber der Auftritt des deutschen Teams am Samstag beim 4:1-Sieg gegen Schweden, Zweifler vom Gemeinschaftssinn des Teams zu überzeugen. Ohne ein funktionierendes Kollektiv wäre eine Leistung wie in diesen 90 Minuten nicht möglich gewesen. Die deutsche Elf schoss mit einem ungemein aggressiven und mutigen Pressing sowie einer wilden Entschlossenheit beim gemeinsamen Umschalten auf Angriff die Schwedinnen mit Wucht aus dem Turnier - und setzte dabei vielleicht sogar neue Maßstäbe im Frauenfußball.

          „Bei uns kann sich jede auf jede andere zu hundert Prozent verlassen. Das ist die Grundlage für unser Spiel“, sagte Celia Sasic (zwei Treffer), die das Duell gemeinsam mit ihrer abermals überragenden Sturmkollegin Anja Mittag prägte - und das nur bedingt wegen der drei ersten Tore, die sich die beiden Angreiferinnen aufteilten, ehe Dzsenifer Marozsan nach Linda Sembrants Anschlusstor (82.) den Treffer zum Endstand erzielte (88.).

          Nun wartet das Viertelfinale aus Bundestrainerin Silvia Neid und ihr Team Bilderstrecke

          Bemerkenswerter als die teils sehr schönen Tore war das mutige Defensivverhalten, das im Deutsch der modernen Trainersprache „Nach-vorne-Verteidigen“ genannt wird. Eine solche Strategie war nur umsetzbar, weil das Team mit einem fast blinden Verständnis und mit absoluter Überzeugung seinen Plan umsetzte, den Schwedinnen wirklich jeden Spaß am Spiel zu rauben. „Das war heute hart, sehr hart“, sagte die 38 Jahre alte Schwedin Therese Sjögran, die bei vielen der nun schon neun Niederlagen auf dem Feld stand, die die Skandinavierinnen in den vergangenen zwei Jahrzehnten bei wichtigen Turnieren gegen Deutschland hinnehmen mussten.

          Wenn also beispielsweise die schwedische Innenverteidigerin Nilla Fischer einmal den Ball am Fuß hatte und eine Anspielstation suchte, dann stellte sich Celia Sasic vorzugsweise in den Passweg zur Innenverteidigerkollegin Amanda Ilestedt, zugleich drängte Anja Mittag die Schwedin mit ihrem Laufweg dazu, den Ball nach außen zu spielen, wo die unermüdliche Simone Laudehr und die aus dem Zentrum couragiert herausstechende Melanie Leupolz den Raum derart verengten, dass die Linksverteidigerin Jessica Samuelsson gar keine Möglichkeit mehr zu einem überlegten Pass hatte. Denn zwischenzeitlich verengte die defensive Viererkette der Deutschen den Raum ebenfalls immer mehr.

          So erzwang Deutschland Einwürfe oder eroberte gleich den Ball mit den Füßen. Dann bot sich ein kurzer Weg zum Tor der Schwedinnen, den das Team mit schnellen Kombinationen überbrückte. So eröffneten sich schnell viele Torchancen, die Mittag (24.), Sasic (36./Foulelfmeter und 78.) und Marozsan nutzten. „Mein Team hat heute 90 Minuten herausragend gegen den Ball gearbeitet“, sagte Bundestrainerin Silvia Neid.

          Sie trat dabei so bescheiden auf, als habe sie gar keinen Anteil am Spiel ihres Teams gehabt. Aber in Wahrheit war die Leistung von Ottawa die vorläufige Krönung einer vierjährigen Entwicklungsarbeit, die Neid nach dem trostlosen Ausscheiden im Viertelfinale der Heim-WM vor vier Jahren in Angriff genommen hat.

          Die Analyse des Scheiterns hatte bei der Bundestrainerin neben Defiziten in der psychologischen Vorbereitung ihrer damals von dem Erwartungsdruck der Öffentlichkeit gelähmten Spielerinnen in taktischer Hinsicht vor allem die Erkenntnis gebracht, dass ihr Team Pressing und schnelles Umschalten lernen müsse.

          Nur so, wenn der Gegner noch ungeordnet nach einem eigenen Ballverlust überrascht werden könne, ließen sich nach Ansicht von Neid mehr einfache Torchancen kreieren als noch im oft einfallslosen und vor allem ertraglosen Ballbesitzfußball alter Prägung.

          Also begaben sich Silvia Neid und ihr Team auf den langen Weg, modernen Fußball zu lernen. Es gab Rückschläge, trotz des Titelgewinns zum Beispiel bei der EM 2013, die Deutschland letztlich vor allem dank einer außergewöhnlichen Willensleistung und einer herausragenden Torhüterin Nadine Angerer gewann. Und es gab auch später noch eine bittere 0:2-Niederlage in einem Testspiel gegen Frankreich, das die deutschen Defizite beim kompakten Verteidigen gnadenlos ausnutzte.

          In Trainingseinheiten, wenn die vermeintlich zielführenden Übungen eher einen wilden Hühnerhaufen zur Folge hatten als eine geordnete Defensive, fragten sich Beobachter ebenfalls, ob das deutsche Team sich an der taktischen Aufgabe des modernen Defensivspiels nicht schlicht und ergreifend verhebe. Silvia Neid beharrte trotz der Rückschläge geduldig auf ihrem Weg und könnte nun vielleicht mit ihrem Team im weiteren Turnierverlauf den Lohn dafür bekommen. „Die Deutschen sind sehr, sehr stark“, sagte auch Schwedens Nationaltrainerin Pia Sundhage, deren Zukunft nach der bitteren Niederlage in den Sternen steht.

          „Sie haben neben ihrer defensiven Ordnung auch alle die Qualität am Ball, um in Eins-gegen-eins-Situationen oder durch Kombinationen ständig ein Übergewicht zu erzeugen.“ Es gibt aber auch Stimmen, die vor Überheblichkeit nach dem Sieg gegen die während der gesamten Weltmeisterschaft wenig überzeugenden Schwedinnen warnen. „Das war heute sicher das Beste, was wir hier in Kanada gezeigt haben. Wir haben sehr, sehr gut gespielt“, sagte Spielführerin Angerer: „Aber wir müssen auf dem Boden bleiben und auch im nächsten Spiel so hart arbeiten wie heute.“

          Dieses Viertelfinale steht am Freitag an (22.00 Uhr / Live im WM-Ticker bei FAZ.NET) - und damit die Gegnerinnen aus Frankreich nicht doch noch auf Unstimmigkeiten im deutschen Team hoffen, haben sich Nadine Angerer und Jennifer Cramer diesmal ganz bewusst besonders intensiv abgeklatscht.

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