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WM 2015 in Kanada : Die Erfolgsformel der deutschen Fußballfrauen

So erzwang Deutschland Einwürfe oder eroberte gleich den Ball mit den Füßen. Dann bot sich ein kurzer Weg zum Tor der Schwedinnen, den das Team mit schnellen Kombinationen überbrückte. So eröffneten sich schnell viele Torchancen, die Mittag (24.), Sasic (36./Foulelfmeter und 78.) und Marozsan nutzten. „Mein Team hat heute 90 Minuten herausragend gegen den Ball gearbeitet“, sagte Bundestrainerin Silvia Neid.

Sie trat dabei so bescheiden auf, als habe sie gar keinen Anteil am Spiel ihres Teams gehabt. Aber in Wahrheit war die Leistung von Ottawa die vorläufige Krönung einer vierjährigen Entwicklungsarbeit, die Neid nach dem trostlosen Ausscheiden im Viertelfinale der Heim-WM vor vier Jahren in Angriff genommen hat.

Die Analyse des Scheiterns hatte bei der Bundestrainerin neben Defiziten in der psychologischen Vorbereitung ihrer damals von dem Erwartungsdruck der Öffentlichkeit gelähmten Spielerinnen in taktischer Hinsicht vor allem die Erkenntnis gebracht, dass ihr Team Pressing und schnelles Umschalten lernen müsse.

Nur so, wenn der Gegner noch ungeordnet nach einem eigenen Ballverlust überrascht werden könne, ließen sich nach Ansicht von Neid mehr einfache Torchancen kreieren als noch im oft einfallslosen und vor allem ertraglosen Ballbesitzfußball alter Prägung.

Also begaben sich Silvia Neid und ihr Team auf den langen Weg, modernen Fußball zu lernen. Es gab Rückschläge, trotz des Titelgewinns zum Beispiel bei der EM 2013, die Deutschland letztlich vor allem dank einer außergewöhnlichen Willensleistung und einer herausragenden Torhüterin Nadine Angerer gewann. Und es gab auch später noch eine bittere 0:2-Niederlage in einem Testspiel gegen Frankreich, das die deutschen Defizite beim kompakten Verteidigen gnadenlos ausnutzte.

In Trainingseinheiten, wenn die vermeintlich zielführenden Übungen eher einen wilden Hühnerhaufen zur Folge hatten als eine geordnete Defensive, fragten sich Beobachter ebenfalls, ob das deutsche Team sich an der taktischen Aufgabe des modernen Defensivspiels nicht schlicht und ergreifend verhebe. Silvia Neid beharrte trotz der Rückschläge geduldig auf ihrem Weg und könnte nun vielleicht mit ihrem Team im weiteren Turnierverlauf den Lohn dafür bekommen. „Die Deutschen sind sehr, sehr stark“, sagte auch Schwedens Nationaltrainerin Pia Sundhage, deren Zukunft nach der bitteren Niederlage in den Sternen steht.

„Sie haben neben ihrer defensiven Ordnung auch alle die Qualität am Ball, um in Eins-gegen-eins-Situationen oder durch Kombinationen ständig ein Übergewicht zu erzeugen.“ Es gibt aber auch Stimmen, die vor Überheblichkeit nach dem Sieg gegen die während der gesamten Weltmeisterschaft wenig überzeugenden Schwedinnen warnen. „Das war heute sicher das Beste, was wir hier in Kanada gezeigt haben. Wir haben sehr, sehr gut gespielt“, sagte Spielführerin Angerer: „Aber wir müssen auf dem Boden bleiben und auch im nächsten Spiel so hart arbeiten wie heute.“

Dieses Viertelfinale steht am Freitag an (22.00 Uhr / Live im WM-Ticker bei FAZ.NET) - und damit die Gegnerinnen aus Frankreich nicht doch noch auf Unstimmigkeiten im deutschen Team hoffen, haben sich Nadine Angerer und Jennifer Cramer diesmal ganz bewusst besonders intensiv abgeklatscht.

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