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WM 2015 in Kanada : Warum Frauenfußball nur jetzt ein Hingucker ist

Wenn es um den WM- oder EM-Titel geht, wollen viele die deutschen Fußballfrauen sehen Bild: dpa

Wenn die deutschen Fußballfrauen gegen Schweden um den Einzug ins WM-Viertelfinale spielen, schauen vor dem TV wieder Millionen Fans zu. Die Partien der Bundesliga aber will kaum jemand sehen. Das hat Gründe.

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          Auch an diesem Samstag wird sich in der kanadischen Hauptstadt Ottawa das Spielchen wiederholen: Vor dem Achtelfinalspiel der Frauenfußball-Weltmeisterschaft zwischen Deutschland und Schweden (22.00 Uhr / Live in der ARD und im WM-Ticker bei FAZ.NET) und in der Halbzeitpause wird ein Trupp von 50 Freiwilligen auf den Platz im Lansdowne Park marschieren.

          Auf den Schultern tragen je 25 von ihnen Schläuche, zwei Männer spritzen dann Wasser auf das Spielfeld. Der Untergrund besteht erstmals bei Frauenfußball-Weltmeisterschaften aus Kunstrasen, das Wasser wird also nicht fürs Wachstum benötigt, sondern dient dazu, den synthetischen Halmen etwas von ihrer Stumpfheit zu nehmen. „Es ist schade um das Wasser. Wenn man den Kunstrasen gesprengt hat, ist er in fünf Minuten wieder trocken“, sagt Bundestrainerin Silvia Neid. Sie schüttelt den Kopf.

          Die viel zu spärlichen Tropfen auf den heißen Kunstrasen passen in das Bild des Frauenfußballs: Wo nichts wachsen kann, da bringt auch Wasser nichts. Das gilt im übertragenen Sinn für viele Teilnehmerländer des Turniers. In Süd- und Mittelamerika ist der Frauenfußball seit Jahren in seiner Entwicklung stehen geblieben.

          Nationen ohne Spiele

          Selbst in Brasilien, das mit der fünfmal zur Weltfußballerin gekürten Marta realistische Chancen auf den Titel hat, besteht kaum öffentliches Interesse. „Der südamerikanische Kontinentalverband ist sicher ein Sorgenkind, weil die Möglichkeiten im Frauenfußball nicht groß genug sind“, sagte Tatjana Haenni, Direktorin Frauenfußball bei der Fifa, der „Frankfurter Rundschau“. In Afrika sehe es nicht besser aus. Weltweit bestreiten nicht einmal 100 der 209 Nationalverbände des internationalen Verbandes (Fifa) ein Länderspiel pro Jahr.

          Den deutschen Spielerinnen in ihrem vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) geschaffenen Refugium geht es also sehr gut. Selbst beim sportlich eher uninteressanten letzten Vorrundenspiel gegen Thailand sahen am Montag 6,3 Millionen Menschen in Deutschland am Fernsehgerät zu, die U-21-Männer stießen bei ihrem EM-Auftakt gegen Serbien zwei Tage später auf ein geringeres Interesse von „nur“ 5,2 Millionen, obwohl dieses Spiel zu einer günstigeren Sendezeit angepfiffen wurde.

          Die fußballspielenden Frauen müssen sogar nicht einmal den Vergleich mit den knapp zehn Millionen Zuschauern der A-Nationalmannschaft beim jüngsten EM-Qualifikationsspiel gegen Gibraltar scheuen. Während der Frauenfußball früher allein dank der Marktmacht des DFB und groß angelegter Werbefeldzüge vor der Heim-WM im Jahr 2011 zu seinen Fernsehzeiten kam, hat er sich mittlerweile emanzipiert. All das ermöglicht den besten deutschen Spielerinnen ein Jahresverdienst allein durch ihren Sport im hohen fünfstelligen Bereich.

          Kein Interesse an Frauenliga

          Zu wenig, um sich nach der Karriere auf einem finanziellen Polster ausruhen zu können. Aber genug, um für ein paar Jahre die akademische Ausbildung oder die berufliche Laufbahn hintanzustellen zugunsten einer vollen Konzentration auf den Sport mit bis zu sechs Trainingseinheiten in der Woche.

          Nur alle Jahre wieder ein Hingucker: Das WM-Spiel der Frauen-Nationalmannschaft am späten Montagabend gegen Thailand schauen 6,3 Millionen Zuschauer im deutschen Fernsehen.

          Ist also alles gut im deutschen Frauenfußball? Nein. Im starken Kontrast zu den bemerkenswerten Einschaltquoten steht das weiterhin geringe Interesse am Liga-Alltag: Nach jedem der zwei WM- und drei EM-Erfolge der vergangenen zwölf Jahre hatten die deutschen Bundesliga-Klubs auf den großen Schub gehofft, die Heim-Weltmeisterschaft 2011 sollte gar zum ganz großen Durchbruch verhelfen.

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