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DFB-Kommentar : Neids Neuerfindung

  • -Aktualisiert am

Nun wartet das Viertelfinale aus Bundestrainerin Silvia Neid und ihr Team Bild: dpa

Auch Bundestrainerin Silvia Neid wurde einst hart kritisiert. Die Leistung der Fußballfrauen bei der WM ist aber ein Beispiel dafür, wie Kontinuität nach heftigen Krisen die richtige Entscheidung sein kann.

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          Ignacio Quereda wähnte sich in der Pressekonferenz nach dem Ausscheiden des spanischen Frauen-Nationalteams offenbar noch sehr sicher in seiner Rolle als ewiger Trainer der Landesauswahl, die er seit sagenhaften 27 Jahren betreut. „Ich denke, dass wir trotz der Niederlage auf dem richtigen Weg sind“, hatte der 65 Jahre alte Quereda am vergangenen Mittwoch gesagt.

          Seine Spielerinnen sind offenbar anderer Ansicht und antworteten recht umgehend mit einem noch auf dem Rückflug in die Heimat formulierten „offenen Brief“. Sie fordern einen Wechsel auf dem Trainerstuhl und üben heftige Kritik an einer angeblich sehr mangelhaften, schlecht organisierten WM-Mission. Das Team ging ohne ein einziges Testspiel ins Turnier.

          Im schwedischen Team rumort es spätestens nach dem Ausscheiden gegen Deutschland, bei dem die Skandinavierinnen chancenlos wie nie zuvor gegen eine deutsche Auswahl waren. Die international hochangesehene Trainerin Pia Sundhage hatte sich schon vor dem Turnier heftige Kritik in den Medien, aber auch aus ihrem Kader gefallen lassen müssen. Ihr Team begehrte im Frühjahr gegen die Spielidee der Trainerin auf, die lange auf Ballbesitzfußball beharrte, ehe sie vermutlich zu spät wieder zum alten schwedischen Stil zurückkehrte.

          Die deutsche Bundestrainerin Silvia Neid kennt Kritik in dieser heftigen Form. Nach dem schwachen Auftreten des deutschen Teams bei der Heim-WM 2011 schien sie nicht mehr haltbar, zumal sie sich im Moment der Niederlage unsouverän präsentiert, eigene Fehler weitgehend ausgeschlossen und einzelnen, zumal jungen Spielerinnen Schuld am Desaster gegeben hatte. Silvia Neid dachte nach dem Ausscheiden gegen Japan sogar kurzzeitig an einen Rücktritt. Schließlich überredete sie der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger zum Weitermachen.

          Alte Schwedin: Anja Mittag (Mitte) trifft einmal, Celia Sasic (links) zweimal Bilderstrecke
          Alte Schwedin: Anja Mittag (Mitte) trifft einmal, Celia Sasic (links) zweimal :

          Was damals falsch anmutete, hat sich als richtig erwiesen. Silvia Neid hat aus der Niederlage gelernt. Sie hat es geschafft, ihrem Team mit viel Beharrungsvermögen eine neue Spielidee mit aggressivem Pressing zu vermitteln und sich selbst als nun zehn Jahre in der Verantwortung stehende Führungsfigur neu zu erfinden. Vor allem die durch eine Verletzungsmisere erzwungene Verjüngungskur vor der gewonnenen Europameisterschaft 2013 hat dazu beigetragen.

          Die unbelasteten Neulinge brachten einen neuen Geist mit ins Team, sie inspirierten mit ihrer Lockerheit zugleich die Bundestrainerin, die einmal sagte, dass sie „ziemlich verliebt“ sei in ihre Auswahl.

          Aus dieser Zuneigung ist Vertrauen gewachsen: So überlässt es Silvia Neid, die früher jederzeit die Zügel selbst in der Hand behalten wollte, nun in entsprechenden Situationen dem Team um Spielführerin Nadine Angerer und Abwehrchefin Saskia Bartusiak, Probleme im kleinen Kreis zu regeln – auch ohne Trainerin. Dadurch fördert sie die Mündigkeit ihrer Spielerinnen, die es mit eigenverantwortlichen Auftreten auf dem Platz danken.

          Die Leistung von Neids Team im Achtelfinale ist ein Beispiel dafür, wie Kontinuität auf dem Trainerposten auch nach heftigen Krisen die richtige Entscheidung sein kann. Vom deutschen Vorbild wirken Spanien und Schweden derzeit allerdings noch ziemlich weit entfernt.

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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