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Deutsches Frauenfußballteam : Stabil wie nie

Dem Gegner wird keine Chance gelassen: Saskia Bartusiak hält die Schwedin Jakobsson auf Abstand Bild: AFP

Mechanische Störungen? Fehlanzeige! Vor dem vorgezogenen Endspiel gegen die starken Französinnen präsentiert sich das deutsche Team als die modernste Elf der Frauenfußball-WM. Den Stürmerinnen wird gar das Verteidigen gelehrt.

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          Wenn die Fußballfrauen aus Deutschland und Frankreich an diesem Freitag (22 Uhr / Live im ZDF und im WM-Ticker auf FAZ.NET) in Montreal zum Viertelfinale antreten, dann beginnt für die deutsche Elf eine Hallenfußball-Saison mit hoffentlich zwei Spielen. Denn das für das Viertel- wie auch Halbfinale vorgesehene Olympiastadion von Montreal hat ein Dach, das die Betreiber nicht mehr zu öffnen wagen. Die Sportstätte, die für die Sommerspiele von 1976 mit einem gewissen architektonischen Wagemut errichtet worden war, ist in die Jahre gekommen. Wenn das Dach einmal geöffnet würde, wäre es aus technischen Gründen vermutlich nicht mehr zu schließen.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Solche mechanischen Störungen sind dem deutschen Spiel in diesen Tagen fremd. Die Auswahl des Europameisters wirkt im Jahr elf der Ära von Bundestrainerin Silvia Neid taktisch so modern und stabil wie nie. Der Bundestrainerin ist es offenbar gelungen, ihr Langzeitprojekt der Schulung ihres Teams im Pressing und Gegenpressing rechtzeitig zu ihrer letzten Weltmeisterschaft im Traineramt abzuschließen. „Wir können uns derzeit einfach aufeinander verlassen“, sagt Melanie Leupolz, die zuletzt beim 4:1-Achtelfinalsieg gegen Schweden gemeinsam mit Lena Goeßling im Zentrum des deutschen Spiels sowohl Angriffe initiiert als auch das mutige Vowärtsverteidigen organisiert hat.

          Überzeugt von der eigenen Strategie

          Bei nahezu jedem gegnerischen Versuch eines Spielaufbaus sprintete eine der beiden zentralen defensiven Mittelfeldspielerinnen in Richtung der ballführenden Spielerin, um diese im Zusammenspiel mit einer Sturmkollegin und der jeweiligen Außenbahnspielerin in Bedrängnis zu bringen. Solch ein Spiel ist nur möglich, wenn ein gesamtes Team überzeugt ist von der Strategie und die Abläufe sicher kennt.

          Gegen Frankreich werden die Deutschen nun abermals versuchen, das Spiel der Gegnerinnen im Keim zu ersticken. Beim bislang letzten Aufeinandertreffen mit Frankreich im vergangenen Herbst in Offenbach war das überhaupt nicht gelungen. 0:2 endete die Partie, erstmals hatten die Französinnen auf deutschem Boden gewonnen. Lena Goeßling verweist erleichtert darauf, wegen einer Verletzung damals gar nicht erst dabei gewesen zu sein, die zur Pause eingewechselte Melanie Leupolz kann sich „gar nicht mehr so gut erinnern“. Celia Sasic, die wegen ihrer französischen Mutter enge Verbindungen ins Land der Gegnerinnen hat, betont wiederum, dass das anstehende Duell ein ganz anderes Spiel werde.

          Das deutsche Team wird bei der Revanche in Montreal tatsächlich ein neues Gesicht haben: Höchstens sechs der damals in der Startelf eingesetzten Spielerinnen werden abermals auflaufen, vor allem aber ist die deutsche Auswahl konditionell und mental in viel besserer Verfassung, spielerisch hat sich das Team zudem der Leichtigkeit der technisch versierten Französinnen angenähert.

          Bei den „Les Bleues“ hat sich freilich seit dem Sieg in Offenbach ebenfalls eine Niveausteigerung ergeben, da sich Amandine Henry endgültig zur wichtigsten zentralen Spielerin in der „Equipe tricolore“ entwickelt hat. Die 25 Jahre alte Mittelfeldspielerin war bei den jüngsten Siegen gegen Mexiko (5:0) und Südkorea (3:0) aus ihrer Position im defensiven Mittelfeld heraus an nahezu jedem Angriff beteiligt dank ihrer dynamischen Antritte und des sicheren Passspiels. Die Deutschen müssen deshalb vor allem auch mittels der defensiven Qualitäten der Torjägerinnen Anja Mittag und Celia Sasic die Kreise Henrys so effektiv stören, dass das gegnerische Kombinationsspiel erst gar keine Fahrt aufnimmt.

          Stürmerinnen als erste Verteidigerinnen: Anja Mittag (l.) und Célia Sasic
          Stürmerinnen als erste Verteidigerinnen: Anja Mittag (l.) und Célia Sasic : Bild: AP

          „Da kommt eine Aufgabe auf Celia und mich zu, die sehr zentral sein wird für unser Spiel“, sagt Anja Mittag. Auch Tabea Kemme hat einen Sonderauftrag zu erfüllen. Die Linksverteidigerin muss versuchen, die wieselflinke Elodie Thomis auf der rechten Außenbahn der Französinnen zu bremsen. Thomis war bis zu ihrem 15. Lebensjahr Sprinterin, ehe sie zum Fußball wechselte. Dort hat sie nach einem Jahrzehnt, in dem sie mit ihren schnellen Sprints, aber eben auch einer gewissen Orientierungslosigkeit im letzten Drittel des Feldes und manchem Sturmlauf bis hinter die Auslinie auffiel, nun gelernt, „ihre fußballerischen Fähigkeiten meiner Schnelligkeit anzupassen“, wie sie selbstironisch sagt. Thomis hat sich bei der WM mit neuer Kaltschnäuzigkeit und drei Treffern zur Torjägerin gemausert.

          Für die mentale Stärke der Deutschen, die von den Französinnen gefürchtet wird, gibt es schließlich bei aller Skepsis gegenüber der wohl ungemütlichsten Spielstätte dieser WM doch noch positive Aspekte: Vor einem Jahr hat die U-20-Auswahl des DFB in jenem Stadion nicht nur Frankreich im Halbfinale geschlagen, sondern zudem im Endspiel an gleicher Stätte gegen Nigeria auch den Weltmeistertitel errungen.

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