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Deutsches Frauen-Nationalteam : Generation Neid

Zwei Anführerinnen: Trainerin Silvia Neid (l.) und Kapitänin Nadine Angerer Bild: dpa

Seit mehr als einem Jahrzehnt kann sich die Trainerin der Frauenfußball-Nationalelf auf ein ganz besonderes Sextett verlassen. Auch bei der Weltmeisterschaft in Kanada vertraut Silvia Neid gerade den Spielerinnen, die kein Genie am Ball sind.

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          Im Trainingslager im schweizerischen Ort Feusisberg leuchteten auf den Tablets der deutschen Frauenfußball-Nationalspielerinnen immer mal wieder alte Bilder auf. Besonders beliebt war der Link zu einem Siegerfoto aus dem Jahr 2004. Die Jüngsten im Kader wie Lena Lotzen kicherten beim Anblick manch einer mittlerweile aus der Zeit gefallenen Frisur und fanden die Bilder „sehr lustig“. Die Älteren schwelgten in Erinnerungen. „Wir haben uns Anekdoten erzählt aus einer wirklich schönen Zeit, die so irrsinnig lange her scheint“, sagt Melanie Behringer.

          Damals erreichten sechs Spielerinnen, die sich am vergangenen Sonntag per Flugzeug auf den Weg zur Weltmeisterschaft in Kanada machten, gemeinsam schon mal jenes Ziel, das sie sich nun wieder gesetzt haben. Sie gewannen in Thailand die Weltmeisterschaft. Es war zwar „nur“ der Triumph bei den U-19-Juniorinnen, aber die Spielerinnen zeigen auf dem Bild nebeneinander das herzhafte Lachen von Talenten, die das Fußballleben noch vor sich haben.

          Fast die gesamte Karriere begleitet

          Diese sechs Damen von der Abwehrspielerin Annike Krahn über die Mittelfeldstrateginnen Lena Goeßling und Behringer bis hin zu den Offensivkräften Simone Laudehr, Anja Mittag und Celia Sasic könnten bei der WM im dritten Vorrundenspiel gegen Thailand abermals gemeinsam auf dem Feld stehen, wie sie es 2004 gegen denselben Gegner schon einmal beim Juniorinnen-Turnier getan und dabei alle sechs Treffer beim 6:0-Sieg unter sich aufgeteilt haben.

          Das Turnier vor elf Jahren war jenes, das der zuvor selbstzweiflerischen Silvia Neid das Selbstvertrauen für größere Aufgaben gegeben hat – als Nachfolgerin der 2005 aus dem Amt geschiedenen ersten deutschen Weltmeistertrainerin Tina Theune. „Das waren schon besondere Mädels und ein besonderes Team damals. Mit diesen Spielerinnen hatte ich den ersten richtig großen Erfolg“, sagt Silvia Neid. „Einige haben mich fast meine gesamte Trainerkarriere begleitet.“

          Bereit für den ganz großen Coup: Simone Laudehr und Anja Mittag (r.)

          Gemeinsam mit der Trainerin streben die bald durchgängig 30 Jahre alten Frauen nun womöglich ihrer Blüte entgegen. Ergänzt durch die beiden einzigen älteren Mitspielerinnen Nadine Angerer im Tor und Abwehrchefin Saskia Bartusiak, bilden sie den Kern des Teams, das in Kanada den dritten WM-Titel erringen will – und dabei am besten gleich mit einem Sieg im ersten Spiel gegen die Elfenbeinküste am Sonntag (22 Uhr / Live im ZDF und im WM-Ticker bei FAZ.NET) starten möchte.

          Damit ist die WM-Elf 2015 so stark von Silvia Neid geprägt wie kein anderes deutsches Frauenfußballteam zuvor von einer einzigen Trainerin. Alle sechs „Neid-Spielerinnen“ des Jahrgangs 2004 zeichnen Tugenden aus, für die auch ihre Vorgesetzte einst als Spielmacherin der Nationalelf stand: Wenn sie gebraucht werden, sind sie da. In allen fünf großen Finals bei Europa- oder Weltmeisterschaften, bei denen Silvia Neid als Trainerin einen Titel gewonnen hat, hat mindestens eine aus dem Sextett ein Tor geschossen.

          Die „Generation Neid“ besticht nicht unbedingt durch Genius am Ball, aber durch Beharrlichkeit, Willensstärke, Zielstrebigkeit, Solidität. Das Leichte und Verrückte bringen andere Spielerinnen ein wie Dzsenifer Marozsan oder Leonie Maier oder auf ihre Weise auch Torhüterin Angerer, die auch andere fußballerische Sozialisationen durchlaufen haben als alleine die Neid-Schule. „Silvia Neid hat uns alle quasi unser ganzes Fußballerinnenleben hindurch begleitet. Da ist es klar, dass ich geprägt bin von ihr“, sagt Melanie Behringer, die als eine von vier „frühreifen“ Neid-Schülerinnen 2007 auch die „richtige“ WM schon einmal gewonnen hat.

          Und Simone Laudehr sagt frank und frei, dass sie sich ein Fußballerinnenleben ohne diese Trainerin kaum vorstellen könne. „Es ist Wahnsinn, dass wir mit so vielen von damals diesen Weg zusammen gegangen sind mit allen Höhen und Tiefen. Das schweißt zusammen“, sagt die Mittelfeldspielerin des FFC Frankfurt. Die Höhen waren reichlich, alle profitierten zudem vom ersten WM-Titel ihrer Vorgängergeneration von 2003, der dem deutschen Frauenfußball einen Schub und ihnen neben besserer sportlicher Förderung auch neue Geldquellen erschloss wie beispielsweise ordentliche Titelprämien im höheren fünfstelligen Bereich.

          Bilderstrecke

          Für die Nationaltrainerin sind ihre ehemaligen U-19-Spielerinnen derweil auch etwas Besonderes. „Mensch, waren wir alle noch jung“, sagt die heute 51 Jahre alte ehemalige Nationalspielerin beim Blick aufs Siegerfoto von 2004. Mit diesem Satz sind ein paar Gedankenspiele möglich. Denn Neid wirkt auch 2015 wieder jung, wenn man sie mit dem Jahr 2011 vergleicht. Damals verlor sie im Hype und unter dem Erwartungsdruck der Heim-WM in Deutschland ihre Frische und Jugendlichkeit und wirkte bisweilen im Gegenwind der beispielsweise von Spielführerin Birgit Prinz formulierten harten Kritik an ihrem Führungsstil gar verbittert, in jedem Fall nach dem Viertelfinal-Aus gegen Japan aber nicht mehr wirklich zeitgemäß.

          Doch dann kam die EM 2013, das erste Turnier nach der Enttäuschung im eigenen Land. Und es dürfte kein Zufall gewesen sein, dass das Turnier in Schweden geprägt wurde von der Generation Neid. Annike Krahn verteidigte wie ein Berserker, Simone Laudehr trotzte mangelnder Fitness nach einer langwierigen Verletzung und wurde zum kämpferischen Vorbild, Lena Goeßling wuchs an der Seite ihrer Wolfsburger Teamkollegin Nadine Keßler zu einer Führungsfigur heran, Celia Sasic opferte sich mit immer anderen kleinen Wehwehchen auf, und die nun offiziell zu Paris Saint-Germain gewechselte Anja Mittag erzielte das entscheidende Tor im Finale. Sie alle gingen letztlich auch für ihre während der schwachen Vorrunde abermals in die Kritik geratene Trainerin durchs Feuer.

          Kanada soll nun der vorletzte Höhepunkt werden, ehe die Bundestrainerin im kommenden Jahr nach den Olympischen Spielen den Job der Bundestrainerin aufgibt und sich in die zweite Reihe in der DFB-Akademie zurückziehen will. Es würde nicht wundern, wenn dann auch die Generation Neid vom Feld ginge.

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