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Deutsches Frauenfußballteam : „Nicht mehr zeitgemäß“

Kritisiert den Auftritt des deutschen Teams: FFC-Trainer Colin Bell Bild: Frank Röth

Mit dem Auftritt des deutschen Teams bei der Frauenfußball-WM in Kanada ist Colin Bell ganz und gar nicht zufrieden. Der Trainer des Bundesligaklubs FFC Frankfurt fordert ein Ende des statischen Spiels. Spielführerin Angerer weist die Kritik zurück.

          Noch vor dem Spiel um Platz drei bei der Frauenfußball-Weltmeisterschaft gegen England am Samstag (22 Uhr / Live in der ARD und im WM-Ticker auf FAZ.NET) üben die ersten Bundesligatrainer Kritik am Auftreten des deutschen Teams bei der Halbfinal-Niederlage gegen die Vereinigten Staaten geübt. „Das Potential ist höher als das Gezeigte, wenn wir unser Personal anschauen. Das haben die Spielerinnen in den vergangenen Jahren in ihren Vereinen bewiesen“, sagt Colin Bell.

          Der Trainer des Champions-League-Siegers FFC Frankfurt hat sich die deutschen Spiele im Viertel- und Halbfinale vor Ort angeschaut und ist vor allem enttäuscht, dass es offenbar keinen „Plan B“ gegeben habe für schwierige Situationen in beiden Begegnungen. So habe die Bundestrainerin nach dem 0:1 gegen die Vereinigten Staaten zu lange mit der Einwechslung der spielstärksten Akteurin, Dzsenifer Marozsan, gewartet und zudem zwei Wechseloptionen erst gar nicht genutzt, mit denen sie noch Impulse hätte geben können.

          „Zahlenspielereien müssen ein Ende haben“

          Zudem kritisiert Bell die fehlende taktische Flexibilität und das Beharren an der seit über einem Jahrzehnt unverrückbar genutzten 4-2-3-1-Grundordnung. „Die Zahlenspielereien müssen ein Ende haben. Die statische Spielweise mit der immer selben Grundordnung fast ohne personelle Wechsel ist nicht mehr zeitgemäß. Der Fußball entwickelt sich in eine ganz andere Richtung“, sagt Bell. „Spielerinnen wie Leonie Maier oder Lena Goeßling könnten dann auch andere Positionen einnehmen und ihre Qualitäten je nach Gegner dort besser einbringen. Die Teams, die diesen Weg gehen, sind derzeit im Vorteil.“ Vereinsmannschaften wie Bayern München, VfL Wolfsburg oder auch sein Frankfurter Team seien taktisch flexibler und die Spielerinnen entsprechend geschult.

          Nadine Angerer, Spielführerin des Nationalteams, erwiderte die Kritik am Donnerstag in Edmonton mit giftigen Worten. „Das macht mich richtig sauer. Weil es immer leicht ist, Sachen von außen zu beurteilen“, sagte die 36-Jährige. „Wenn man keine Ahnung hat, muss man erst mal die Hintergründe kennen. Aber das Schöne ist, dass er ja auch Trainer ist und es in seinem eigenen Verein besser machen kann“, sagte sie vor ihrem 146. und letzten Länderspiel süffisant.   „Ich bin enttäuscht, dass nach einer Niederlage alles infrage gestellt wird, dass man dann am lautesten schreit. Das sehe ich, ehrlich gesagt, als Schwäche“, giftete Angerer gegen den englischen Coach ihres ehemaligen Clubs. Man habe nach guten Leistungen im Halbfinale letztlich gegen ein sehr starkes US-Team verloren

          Kellermann steht Bell zur Seite

          Bell bekam jedoch Unterstützung aus dem Kreis der Trainerkollegen: Der Wolfsburger Kollege Ralf Kellermann, der in Kanada gemeinsam mit seiner Assistentin Britta Carlson insgesamt 14 Spiele eingehend analysiert hat, sieht das deutsche Team zwar ebenfalls noch immer nah an der Weltspitze, hinterfragt aber die Tagesform bei den entscheidenden Spielen. „Generell bewegen sich die besten vier bis fünf Teams der Welt von ihrem Potential her auf Augenhöhe. Die Spiele zwischen diesen Teams werden am Spieltag entschieden, von der Tagesform“, sagt Kellermann. „Und da hat Deutschland im Viertelfinale gegen Frankreich und im Halbfinale gegen die Vereinigten Staaten nicht das komplette Potential abgerufen. Die Spielerinnen, wohlgemerkt meine vom VfL genauso wie die anderen, haben nicht zur Bestleistung gefunden.“

          Nach Ansicht Kellermanns könnte das auch daran liegen, dass Deutschland die Spielerinnen von Weltklasseformat fehlen. „Bei dieser WM hat keine deutsche Spielerin den Sprung in die Weltklasse geschafft hat, zu der alleine Nadine Angerer unter den Torhüterinnen gehört. Wir haben keine Typen, die herausstechen. Vielleicht müssen wir alle uns Gedanken machen, wie wir mehr Persönlichkeit entwickeln“, sagt Kellermann. Auch wegen dieser personellen Situation will er seine Worte als konstruktive Kritik verstanden wissen. Er attestiert der Bundestrainerin grundsätzlich eine gute Arbeit, die Kooperation mit den Bundesligatrainern funktioniere ohnehin seit Jahren reibungslos. „Man muss auch ganz deutlich sagen, dass die DFB-Frauen ihr WM-Ziel mit der Qualifikation für die Olympischen Spiele und dem Erreichen des Halbfinals voll erreicht haben.“

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