https://www.faz.net/-gtl-9o3tj

Fußball-WM der Frauen : Brasilien ist in die Jahre gekommen

Noch brüllt sie wie ein Löwe: Brasilien hofft weiter auf Marta (links) . Bild: EPA

Der großen Marta und den Brasilianerinnen droht der frühe Abschied von der ganz großen Bühne. Das Team ist das älteste der WM. Gegen Italien droht ein weiterer Rückschlag.

          Die persönliche Bestleistung war Marta dann doch wichtig. „Wie konntet ihr das vergessen? Ich habe jetzt auch 16 Tore geschossen wie euer Klose“, blaffte die sechsmalige Weltfußballerin einen ZDF-Reporter nach der 2:3-Niederlage ihres brasilianischen Nationalteams gegen Australien im zweiten Gruppenspiel der Fußball-WM der Frauen an. Tatsächlich hatte Marta mit ihrem verwandelten Elfmeter zum zwischenzeitlichen 2:0 die Bestmarke des deutschen WM-Rekordtorschützen Miroslav Klose eingestellt. So höflich sich der Reporter für sein Versehen auch entschuldigte, so sehr passte Marta auch dieses Ärgernis in ihre Schimpftirade.

          Frauenfussball-WM 2019

          Zuvor hatte sich der 33 Jahre alte Superstar des Frauenfußballs bereits erregt ausgelassen über den im Frauenfußball bei dieser WM erstmals eingesetzten Videoassistenten, von dem sich Brasilien um ein Unentschieden oder gar einen Sieg gebracht fühlte. „Schafft diesen Videobeweis wieder ab, wenn er nicht richtig entscheidet“, sagte sie. Vermutlich war ihr in diesem Moment noch gar nicht bewusst, dass der Videoassistent an jenem Tag auch noch ein Landsmann von Klose war, und sie beim ZDF an der vermeintlich richtigen Stelle, um Bastian Dankert ihren Ärger übermitteln zu können. Der hatte nämlich als Videoassistent den Anstoß gegeben, dass die Schweizer Schiedsrichterin Esther Staubli das Eigentor von Monica zur australischen Führung doch anerkannte, nachdem sie es zuvor wegen einer Abseitsstellung der Australierin Sam Kerr noch annulliert hatte. Marta war bedient.

          Wenn es ganz schlecht läuft, könnte nun bereits das dritte Vorrundenspiel an diesem Dienstag gegen Italien (21 Uhr) der Abschied der großen Marta von der ganz großen Bühne werden. Im all einer Niederlage gegen Italien müsste Brasilien wohl auf ein Weiterkommen über die Tordifferenz als einer der vier besten Gruppendritten hoffen. Eine hohe Niederlage gegen die bislang in Gruppe C am meisten überzeugenden Italienerinnen würde die Gefahr eines Ausscheidens, das maßgeblich von den folgenden Ergebnissen in den an den kommenden Tagen spielenden Gruppen D, E unf F abhängt, vergrößern.

          Verband vernachlässigt seine Frauen

          Marta vermag ihr Team nun nicht mehr wie in früheren Jahren allein zu retten: Die Spielerin, die in ihren besten Jahren vor gut einem Jahrzehnt ihre Gegnerinnen mit ihren Dribblings schwindlig spielen und mit ihren Pässen und Schüssen mit dem linken Zauberfuß Begegnungen bei nun fünf Weltmeisterschaften im Alleingang entscheiden konnte, ist nämlich in die Jahre gekommen. So bitter der frühe Abschied jener Spielerin wäre, die Ende des vergangenen Jahres sogar noch einmal etwas überraschend und für Experten auch unverständlich die Fifa-Wahl zur Weltfußballerin gewonnen hatte und noch immer bezaubern kann mit ihrer Technik, so gerecht wäre das frühe Ausscheiden für den brasilianischen Fußballverband.

          Gleichauf mit Klose: MArta erzielt ihren 16. WM-Treffer.

          Die CBF vernachlässigt nämlich nach wie vor die Frauen und ruht sich darauf aus, dass sie mit Marta immerhin das Aushängeschild des Sports in ihren Reihen hat und die Spielerin mit ihren Teams immerhin olympische Silbermedaillen und einen zweiten Platz bei der WM 2007 einspielte. Der aktuelle WM-Kader aber ist mit einem Durchschnittsalter von gut 30 Jahren der älteste des Turniers.

          Die Säulen des Teams sind mit Marta, ihrer Sturmpartnerin Cristiane und der 41 Jahre alten Formiga, die bei ihrer sechsten WM-Teilnahme nun auch die älteste WM-Spielerin in der Geschichte des Frauenfußballs ist, noch immer dieselben drei Spielerinnen wie im Finale der WM 2007, als Brasilien auch deshalb an Deutschland gescheitert war, weil Marta mit bei einem Elfmeter in Torhüterin Nadine Angerer ihre Meisterin fand. Und so könnte die Aufgabe gegen die im Turnierverlauf bislang so überzeugenden Italienerinnen für Brasilien zu schwer werden. Italien ist mit zwei Siegen gegen Australien und Jamaika ins Turnier gestartet und bereits fürs Achtelfinale qualifiziert.

          Gegen die Videotechnik

          Die „Squadra Azzurra“ erlebt gerade ein Hoch, weil sich in Italien Männer-Profiklubs wie Juventus Turin und der AC Florenz neuerdings besser um ihre Fußballerinnen kümmern. Bei der WM sind die TV-Einschaltquoten so hoch wie nie zuvor. Barbara Bonansea, die gegen Australien beide Tore erzielte, und die gegen Jamaika dreimal erfolgreiche Cristiana Girelli avancierten zu zwei der Überraschungen des Turniers und wollen nun weitere Werbung in eigener Sache betreiben. „Italien gegen Brasilien hört sich in den Ohren unserer Landsleute nach ganz großem Fußball an“, sagte Barbara Bonansea. „Bei so einem Spiel schauen noch mehr Menschen zu.“

          Sie werden freilich auch alsbald erkennen, dass die Gegnerinnen derzeit nicht allzu viel mit Weltklassefußball zu tun haben. Und so müsste Marta, die gegen Australien vorsichtshalber zur Pause ausgewechselt wurde, weil eine Muskelverletzung noch nicht ganz ausgeheilt war, noch einmal über sich hinauswachsen. Da ihr die Spitzengeschwindigkeit früherer Jahre mittlerweile abhandenkam, ist sie mehr denn je auf ihren Spielwitz angewiesen. Und auf die Technik. Auf ihre eigene am Ball, aber womöglich auch jene Videotechnik, über die sich zuletzt so sehr aufgeregt hatte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die aufgewendete Energie ist enorm, der Ertrag mager: Geförderte Humboldt-Universität in Berlin.

          Exzellenz-Förderung : Noch so ein Sieg

          Ein Wettbewerb, in dem es nur Sieger gibt, ist eigentlich keiner: Welche Universitäten über die Exzellenzinitiative gefördert werden und welche nicht, sagt so gut wie nichts aus.

          Persischer Golf : Vermisst irgendjemand eine Drohne?

          Ein weiterer Zwischenfall im Golf schafft Verwirrung. Iran dementiert amerikanische Angaben über einen Drohnenabschuss. Zugleich macht Teheran ein neues Gesprächsangebot.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.