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Andrei Markovits über Frauenfußball : „Die Leute kommen, weil es ein Event ist“

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Andrei Steven Markovits ist amerikanischer Politologe und Soziologe an der University of Michigan Bild:

Der amerikanische Professor Andrei Steven Markovits hat als einer der ersten Sozialwissenschaftler über den Fußball in den Vereinigten Staaten geforscht. Im Interview spricht er über die Grenzen des Frauenfußballs und die „Geschlechter-Apartheid“.

          4 Min.

          Frauenfußball ist in den Vereinigten Staaten ein Thema, Männerfußball kommt dagegen immer noch nicht gegen die „Big Four“-Sportarten American Football, Baseball, Basketball und Eishockey an. Warum?

          Das hat neben historischen Gründen auch damit zu tun, dass der Fußball in der afroamerikanischen Community weiterhin nur eine unbedeutende Rolle spielt. Das wird auch noch lange so bleiben. Wenn ich etwa aus der South Side Chicagos komme und ein großartiges Sporttalent bin, wäre ich verrückt, wenn ich in einen Sport ginge, in dem es nicht viel zu verdienen gibt. Die großen Talente gehen darum nicht in den Fußball. Das ist eines der strukturellen Probleme des Männerfußballs in den Vereinigten Staaten.

          Bei den Frauen ist das anders, da gehört Fußball zu den populärsten Sportarten...

          Das stimmt zum einen. Zum anderen würde ich bei den Frauen aber nicht von einer Top-Sportart sprechen, sondern nur von einer sehr beliebten Betätigung. Ich unterscheide zwischen „doing“ und „following“. Und viele Frauen spielen in den Vereinigten Staaten zwar Fußball, aber sie „verfolgen“ ihn kaum. In Deutschland ist das ähnlich, auch bei der Frauenfußballweltmeisterschaft: Die Leute, auch Frauen, kommen in die Stadien, weil es ein großer Event ist. Aber ist Frauenfußball den Menschen hier wirklich wichtig? Nein, absolut nicht. Zu einem gewöhnlichen Bundesligaspiel kommen im Schnitt nicht mal 1000 Zuschauer. Was bei Frauen im Sport aber schon stattgefunden hat, das ist eine Revolution auf der Betätigungsseite - und dabei hat der Mannschaftssport Fußball eine entscheidende Rolle gespielt.

          Markovits fiebert mit: „Natürlich drücke ich dem amerikanischen Team die Daumen, sonst niemandem”

          Kann die Weltmeisterschaft dem Frauenfußball Ihrer Meinung nach weltweit zum großen Durchbruch verhelfen?

          Nein. Lassen Sie uns darüber noch einmal an einem regnerischen Tag im kommenden Herbst reden. Fragen Sie mich dann, wie viele Zuschauer zum Spiel von Turbine Potsdam gekommen sind. Und trotzdem hat es eine unglaubliche Entwicklung gegeben. 1991, als die Vereinigten Staaten die erste Frauen-WM gewonnen hatten, hat das Team bei der Rückkehr kein einziger Journalist am Flughafen erwartet. Acht Jahre später, nach dem zweiten WM-Triumph, ist es durch volle Stadien getourt. Die amerikanische Frauenprofiliga ist heute wahrscheinlich die beste der Welt. Zugleich hat sie aber nur wenige Zuschauer und steht kurz vor dem Bankrott.

          Wird die WM denn im amerikanischen Fernsehen übertragen?

          ESPN zeigt alle Spiele. Wenn die Amerikanerinnen im Finale stehen sollten, wird es auch eine hohe Einschaltquote geben, weil es ein besonderer Event ist. Auch Nationalismus spielt da mit rein. Der große Komiker Jerry Seinfeld hat es für die Olympischen Spiele so ausgedrückt: „Essentially, we are rooting for laundry“ (Eigentlich drücken wir nur einer Wäscheaufschrift die Daumen). Da steht dann „Deutschland“ oder „USA“ auf dem Banner drauf, und wir rufen: „Go, go, go!“ Aber interessiert uns wirklich, ob es sich dabei zum Beispiel um Diskuswerfen oder Frauenfußball handelt? Natürlich nicht.

          Trotzdem sagen Sie, dass der Frauensport, und der Frauenfußball im Speziellen, in den letzten drei Dekaden eine gewaltige Entwicklung genommen habe...

          Das steht völlig außer Frage. In den frühen achtziger Jahren sprach man in Deutschland noch von „Damenfußball“, die Frauen mussten mit Kinderbällen spielen - und das auch nur 60 Minuten lang. Sie durften keine Stollen tragen und mussten sich gynäkologischen Untersuchungen unterziehen. Von dieser Warte aus hat es einen riesigen Fortschritt gegeben - auch qualitativ. Auf der anderen Seite sage ich immer: Für eine hegemoniale Sportart sind nicht allein die 90 Minuten des Spiels wichtig, sondern mehr noch das Vor- und Nachspiel, zum Beispiel wochenlange Diskussionen darüber, wer im Mittelfeld spielen soll, oder warum der Trainer ein Idiot ist. Das gibt es im Frauenfußball nicht.

          Und was halten Sie dann davon, wenn der Fifa-Präsident Joseph Blatter meint, die Zukunft des Fußballs sei weiblich?

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