https://www.faz.net/-gtl-9o77v

Videoassistenz bei Frauen-WM : Der nächste Ärger über die groteske Torwart-Regel

Erin Cuthbert (rechts) muss die schottische Torhüterin Lee Alexander trösten. Bild: Reuters

Wieder wird ein verschossener Elfmeter auf Hinweis des Videoassistenten wiederholt. Schottland scheidet deshalb in einem dramatischen Spiel aus. Die Fußball-WM der Frauen könnte zu einer irrwitzigen Veranstaltung werden.

          Es war wie bei jedem Elfmeter: Die schottische Schlussfrau Lee Alexander tippelte etwas auf der Torlinie im Prinzenpark-Stadion von Paris, ging in die Hocke, entschied sich für eine Ecke und bereitete sich auf ihren Sprung vor. Dann hielt sie in der Nachspielzeit den Strafstoß der Argentinierin Florencia Bonsegundo, sicherte somit scheinbar den 3:2-Sieg ihres Teams und wurde entsprechend von ihren Mitspielerinnen bejubelt.

          Frauenfussball-WM 2019

          Aber schon kurz darauf schwante den Schottinnen Böses: Der deutsche Videoassistent Bastian Dankert schaute sich pflichtgemäß den Strafstoß noch einmal an und entdeckte erwartungsgemäß einen kleinen Fehler der schottischen Schlussfrau. Ähnlich wie schon die Nigerianerin Chiamaka Nnadozie im Spiel gegen Frankreich am Montag oder die jamaikanische Torfrau Sydney Schneider im Duell mit Italien hatte sich auch Alexander einen Wimpernschlag vor dem Schuss der Argentinierin mit ihrem hinteren Bein von der Torlinie nach vorne bewegt.

          Zumindest dieses hintere Bein aber muss sich nach einer seit dem 1. Juni gültigen Regelneuformulierung durch die Regelkommission Ifab beim Schuss noch auf Höhe der Linie befinden. In einem Bewegungsablauf einer Torfrau ist das nicht zu verhindern, wie die deutsche Nationaltorhüterin Almuth Schult, aber auch alle Experten einmütig sagen. Dennoch entschieden Dankert und Schiedsrichterin Ri Hyang Ok aus Nordkorea auf Wiederholung des Strafstoßes und eine Gelbe Karte für die schottische Schlussfrau. Bonsegundo verwandelte anschließend gegen eine auf der Linie nun nahezu zur Bewegungslosigkeit erstarrte Schottin, der bei einer weiteren Parade mit Regelverstoß gar die Gelb-Rote Karte gedroht hätte.

          Schottland, das nach Toren von Little, Beattie und Cuthbert bereits 3:0 in Führung gelegen hatte und bei einem Sieg mit drei Punkten und einem guten Torverhältnis so gut wie sicher fürs Achtelfinale qualifiziert gewesen wäre, muss nach dem 3:3 nach Hause fahren. Argentinien bleibt nach einer fantastischen, am Ende aber erst durch den Strafstoß vollendeten Aufholjagd nach vorangegangenen Treffern von Menendez und einem unglücklichen Eigentor der schottischen Schlussfrau Alexander bei zwei Punkten nur noch eine minimale Resthoffnung auf ein Weiterkommen, wenn am Donnerstagabend die beiden Partien der Konkurrenz aus Neuseeland und Kamerun sowie Thailand und Chile jeweils remis enden sollten.

          „Es ist für mich schwer, das zu kommentieren. Die Offiziellen müssen den richtigen Weg finden, Entscheidungen zu treffen. Heute waren sicherlich einige gegen uns“, sagte die schottische Trainerin Shelley Kerr, die sich merklich aus Furcht vor einer Strafe durch den Fußball-Weltverband Fifa bremste, ihrem Ärger nicht freien Lauf zu lassen. Aber ihr leises „Ja“ auf die Nachfrage, ob die Fifa die Qualität der Schiedsrichter zu überprüfen habe, sagte mehr als jeder ausführlichere Protest.

          Die Fußball-WM der Frauen aber läuft nun endgültig Gefahr, zur Elfmetergroteske zu werden. Offenbar scheint es die Direktive der Fifa an ihre Unparteiischen zu sein, all das, was messbar ist, ohne jede Toleranz umzusetzen. Und die Schiedsrichter und Videoassistenten im Studio in Paris folgen den Vorgaben womöglich aus Furcht vor Konsequenzen für ihre Karriere offenbar ohne Mut zu Augenmaß und einer vernünftigen Regelauslegung. „Die Regeln sollten zusammen mit Schiedsrichtern gemacht werden und denen nicht einfach aufgedrückt werden“, sagt die deutsche Torhüterin Almuth Schult am Donnerstag gegenüber FAZ.NET. „Ich habe das Gefühl, dass sich auch die Schiedsrichterinnen unwohl fühlen mit manchen Neuerungen.“

          Was bei schon schwer nachvollziehbaren Abseitsentscheidungen im Zentimeterbereich als durch eine kalibrierte Linie nachzuweisendes Faktum noch verständlich sein mag, wird bei den Elfmetern indes absurd: Die Videoassistenten sanktionieren Torhüteraktionen, die in der Geschichte des Fußballs ohne dieses technische Hilfsmittel nie beanstandet worden sind. Nahezu jedem abgewehrten Strafstoß in der Vergangenheit ging eine minimal zu frühe Torhüterbewegung vor die Torlinie voraus, ohne dass dies als Regelverstoß empfunden worden war.

          Torhüter werden schließlich in ihrem Verhalten, anders als ein 100-Meter-Läufer, der den Schuss als Startsignal abwarten muss, vom Anlauf des Schützen, einer möglichen Verzögerung und der Ausholbewegung in einem instinktiven Verhalten beeinflusst. Dabei auch noch darauf achten zu müssen, dass sich ein Fuß noch auf oder im Lot über der Torlinie befindet, dürfte die Multitasking-Fähigkeiten selbst perfekt ausgebildeter Torhüter übersteigen. Die Videoassistenten erwarten also von den Schlussfrauen und Schlussmännern schier Übermenschliches, wenn sie Strafstöße fortan derart streng überwachen. Von diesem Samstag an im Achtelfinale sind Elfmeterschießen möglich. Man darf gespannt sein auf die nächsten Kapitel auf dem Videoassistenten-Irrweg.

          „Wir haben schon nach der Regelkunde diskutiert, wie wir als Torhüterinnen mit der Neuerung beim Elfmeter umgehen sollen“, sagte Almuth Schult. „Ein Fuß muss auf der Linie stehen oder im Lot der Linie. Nach Rückfrage dürfte ich also auch nicht hinter der Linie stehen, um ein wenig Anlauf zu nehmen.“ Das sei schon etwas weltfremd. „Wenn das dann auch noch über den Videobeweis überprüft wird und mit Gelb bestraft werden kann, dann wird es für uns Torhüterinnen schon sehr heikel.“ Zumal die zweite Gelbe Karte zum Platzverweis führen würde. Die Deutschen sollen auch für diesen Fall schon vorgesorgt haben. Alexandra Popp könnte im Fall der Fälle die Torwart-Handschuhe überstreifen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Boris Johnson und die EU : Trotz allem – Partner

          In Brüssel hat man Boris Johnson in unangenehmer Erinnerung behalten. Dennoch sollten die „Europäer“ ihm, wo immer möglich, die Hand reichen – nur zu einem nicht.
          Laut Sebastian Kurz habe es sich bei der Datenvernichtung um einen „normalen Vorgang“ gehandelt.

          Datenträger geschreddert : Kurz und der Reißwolf

          Der damalige österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz ließ nach dem Platzen der Koalition mit der rechten FPÖ durch einen Mitarbeiter inkognito Daten vernichten. Warum?
          Greta Thunberg fordert mehr als nur schöne Worte von Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron.

          Greta Thunberg in Paris : Macrons Worte sind ihr zu wenig

          Für ihre kurze Rede erhält die Klimaaktivistin in der französischen Nationalversammlung viel Applaus, besonders aus Macrons Partei – obwohl Thunberg den Präsidenten zuvor kritisiert hat.
          Aufhören, wenn’s am schönsten ist Nach dem Pokalsieg 2018 verließ Boateng die Eintracht.

          Eintracht Frankfurt : Chance und Risiko der Boateng-Rückkehr

          Nach den Abgängen von Luka Jovic und Sébastien Haller sucht Frankfurt einen neuen Stürmer. Kommt Kevin-Prince Boateng tatsächlich zurück zur Eintracht? Eine Neuauflage der alten Liebe wäre ein Wagnis.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.