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Abby Wambach im Gespräch : „Ohne Titel würde mein Herz brechen“

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Positive Erscheinung: Mary Abigail, genannt Abby, Wambach Bild: dapd

Abby Wambach ist noch nicht in Höchstform. Im F.A.Z.-Interview spricht die Amerikanerin vor dem Viertelfinale gegen Brasilien (17.30 Uhr) über Revanchegedanken gegenüber den Deutschen, das Vorbild Europa und die Arbeit von Steffi Jones.

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          Sie haben im Fußball alles gewonnen - bis auf den WM-Titel. Fehlt Ihnen diese Trophäe sehr oder beruhigen Sie sich mit Ihren Erfolgen wie den beiden Olympiasiegen?

          Dieser Titel ist meine große Sehnsucht. Olympia ist schön und gut. Aber im Fußball ist nun einmal die Weltmeisterschaft das Größte, was man gewinnen kann.

          Sie sind 2003 im eigenen Land auf dem Weg zum Titel an Deutschland gescheitert. Sinnen Sie auf Revanche?

          Natürlich. Deutschland kam 2003 und hat uns in Amerika den Titel gestohlen. Ich erinnere mich sehr genau an das Halbfinale damals mit der überragenden Torhüterin Silke Rottenberg. Ich fürchtete mich beinahe zu Tode vor ihr, weil sie jede Riesenchance von mir und meinen Kameradinnen mit sensationellen Paraden zunichtegemacht hat. Garefrekes schoss dieses 1:0 gegen uns. Wenn ich nun nicht Weltmeisterin werden würde, würde mein Herz brechen. Der Weltmeistertitel ist eine Sehnsucht, für die wir alle im Team unser ganzes Leben lang gearbeitet haben.

          Ist Deutschland für Sie noch immer der Topfavorit?

          Sie sind schwer ins Turnier gestartet, aber das hat nichts zu bedeuten. Sie werden noch in Schwung kommen. Wir haben aber trotzdem keine Furcht vor Deutschland. Sie sind natürlich einer der heißesten Anwärter.

          Sie gehören zu den etablierten Stars. Sehen Sie schon nachwachsende Talente, die Ihnen und Ihrer Generation den Platz streitig machen?

          Mir hat Genoveva Anonma aus Äquatorial-Guinea im ersten Spiel imponiert, auch wenn sie vor dem Tor Nerven zeigte. Es wird im Turnierverlauf aber noch einige Ausrufezeichen geben von Spielerinnen, die man bislang nicht so kannte. Wir haben Alex Morgan, die sehr jung ist, aber auch schon wichtige Tore für uns erzielt hat. Ich denke, dass sie auch bei der WM noch ihre Einsatzzeiten bekommen und gut spielen wird. Aber vergesst mir mich und die anderen Veteraninnen nicht. Marta und Birgit Prinz und andere erfahrene Spielerinnen werden schon noch herausragend spielen, auch wenn sie von manchen schon fast abgeschrieben wurden.

          Birgit Prinz hat immer wieder Kritik an der Wahl zur Weltfußballerin des Jahres geübt, weil viele herausragende Spielerinnen nicht zum Zug gekommen seien. Sie erwähnte auch Ihren Namen. Ehrt Sie das?

          Birgit Prinz ist nicht nur eine dominante und herausragende Spielerin, sondern auch ein toller Mensch, der höfliche Sachen sagt. Und sie hat sicher Recht, dass diese Jury Spielerinnen wie beispielsweise Kelly Smith übersieht, die bei uns in den Staaten herausragend in der Liga spielt und für ihr englisches Nationalteam überragende Leistungen bringt. Aber ich glaube, dass diese Einzelehrungen einen erst stolz machen, wenn man eine alte Frau ist und auf die Vitrine im Wohnzimmer schaut. Als aktive Fußballspielerin willst du Titel mit deiner Mannschaft gewinnen. Das ist alles, was zählt. Auch Marta würde sicher ihre ganzen Spieler-Ehrungen herschenken für nur einen großen Titel.

          Ihre Nationaltrainerin Pia Sundhage ist Europäerin und bemängelt am amerikanischen Fußball den Mangel an Bewusstsein für eine eigene Fußballkultur und einen eigenen Spielstil. Fühlen Sie sich dadurch ein wenig beleidigt?

          Nein. Mir geht es tatsächlich so, dass ich Europa beneide. Wenn wir hier drüben sind, läuft im Fernsehen immer Fußball, Fußball, Fußball. Die Kinder können ständig große Spieler im Fernsehen sehen. Das ist toll. In den Staaten muss man immer lange suchen, um Spiele sehen zu können. Hier in Europa ist Fußball so populär. Ich wünschte, wir könnten uns viel mehr selbst beibringen durch Fernsehfußball.

          Muss sich Amerika an Europa anpassen?

          Absolut. Wir müssen uns spielerisch weiterentwickeln. Bisher haben wir unsere Titel über unsere Athletik gewonnen und unsere Mentalität und unsere Teamqualität. Das wollen wir behalten. Aber wir wollen lernen, unsere Spiele auch mit dem Kopf zu gewinnen. Wir wollen lernen, strategisch zu spielen wie die Spanier bei den Männern. Und dafür ist Pia als Europäerin genau die Richtige.

          Wirkt sich das auch auf Ihr persönliches Spiel aus?

          Natürlich! Es war so, dass ich schon 27 war bei Pias Ankunft, und ich musste trotzdem das Spiel noch einmal ganz neu lernen. Das war auch frustrierend. Ich musste mich umstellen und auch Geduld lernen. Ich musste akzeptieren, dass wir plötzlich einen anderen Rhythmus spielten und nicht nur immer den Ball zu mir nach vorne jagten. Ich habe da sicher oft verzweifelt geschrien: ,Gebt mir den Ball!' Aber ich wusste, dass die Umstellung notwendig war. Früher war ich ständig im Spiel, hatte 30 Torchancen, war aber oft viel zu müde vor dem Tor, um einen konzentrierten Abschluss zu suchen. Heute bin ich viel weniger am Ball, habe nur zehn Chancen, kann mich aber dann für die entscheidenden Szenen etwas ausruhen. Dann muss ich natürlich effizienter sein.

          Wächst damit der Druck für eine Torjägerin?

          Nein, nicht unbedingt. Durch unseren neuen Stil haben ja viel mehr Spielerinnen die Chance, das Tor zu machen. Da wir uns nun als Mannschaft spielerisch dem Tor nähern, kommen auch unsere Mittelfeldspielerinnen zu aussichtsreichen Chancen. Dadurch verteilt sich die Last.

          Ihr Team qualifizierte sich erst als letztes über zwei enge Relegationsspiele gegen Italien. Manche haben schon das Ende der amerikanischen Vorrangstellung ausgerufen. Wo steht Ihr Team?

          Wir hatten einen harten Weg zur WM, das ist richtig. Diese unfreiwillige Strafrunde in der Relegation hat uns aber stärker gemacht. Wir haben als Team eine Grenzsituation überstanden.

          Gefällt Ihnen die Atmosphäre des Turniers?

          O Mann, viel mehr als das. Bitte lassen Sie mich an dieser Stelle meiner guten Freundin Steffi Jones ein ganz großes Dankeschön sagen. Ich hoffe, dass sie dieses Interview liest: Steffi, tausend Dank! Du hast diese Weltmeisterschaft schon jetzt zu einem Riesenerfolg gemacht. Das ist das größte Frauensportereignis aller Zeiten. Für uns hoffe ich jetzt nur, dass wir das mit dem Pokal krönen können.

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