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Frauenfußball : Mit neuer Gier

Mit Energie: Nationalspielerin Anna Blässe und der VfL Wolfsburg sind gut drauf Bild: Imago

Es geht auch anders als zuletzt im kriselnden Nationalteam: Lena Goeßling und Alexandra Popp präsentieren sich im Champions-League-Viertelfinale gegen Prag in Spiellaune. Der VfL Wolfsburg liefert Anschauungsunterricht für Interims-Bundestrainer Horst Hrubesch.

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          Ein aufmunterndes Klatschen, ein lautes „Auf geht’s!“ und die Körpersprache genügten. Lena Goeßling musste am Donnerstagabend beim überzeugenden 5:0-Sieg des VfL Wolfsburg gegen Slavia Prag Im Viertelfinal-Hinspiel der Frauenfußball-Champions-League nicht einmal einen Ball berühren, um schon vor dem Anpfiff zum Ausdruck zu bringen, welche Lena Goeßling da auf dem Platz stand. Es war jene Lena Goeßling, die als Innenverteidigerin des VfL Wolfsburg eine kluge Fußballspielerin mit strategischem Geschick ist. Vergessen war die andere Lena Goeßling, die in der Endphase der Ära von Bundestrainerin Steffi Jones zuletzt zum Symbol für den Kontrollverlust im Nationalteam wurde.

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im November wurde die 32 Jahre alte Defensivspielerin kurzzeitig aus dem Kader gestrichen, bei der jüngsten Amerikareise war sie die Protagonistin der letzten Amtshandlung von Steffi Jones: Kurz vor dem Schlusspfiff wechselte sie Lena Goeßling beim Stand von 0:3 gegen Frankreich in der Schlussminute ein, um ihr den 100. Länderspieleinsatz zu ermöglichen. Die gutgemeinte Geste wurde zum Eigentor, weil ein Jubiläum ohne Ballkontakt nach einem sportlichen Desaster eher unwürdig wirkte.

          „Hier in Wolfsburg funktionieren wir als Mannschaft auf und neben dem Platz, da fällt kein negatives Wort. Ich spüre Vertrauen. Ich werde hier unterstützt. Dann tritt man eben mit viel Selbstbewusstsein auf“, sagte Lena Goeßling und erklärte auch ohne direkte Bezugnahme zum Nationalteam, was ihr dort zuletzt gefehlt hatte. Stattdessen schleppte sie die Last von den Nationalteam-Ausflügen mit in den Vereinsalltag.

          Befreit von einer Last

          „Sicherlich hat die Nationalspielerinnen in den vergangenen Monaten beschäftigt, was da passiert, und sie haben das auch in den Verein mitgenommen“, sagte der Wolfsburger Trainer Stephan Lerch. In seinem Verein sagen einige, dass man die Erleichterung, dass beim DFB letztlich gehandelt worden sei, auf dem Trainingsplatz umgehend bemerkt habe. Die Nationalspielerinnen wie Lena Goeßling, Alexandra Popp, Anna Blässe oder auch Torfrau Almuth Schult hätten plötzlich befreit von einer Last agiert.

          Die neue Leichtigkeit dürfte zum Wolfsburger Auftritt gegen Prag beigetragen haben. Mit hoher Laufbereitschaft, wachem Pressingverhalten und klugem, flexiblem Spielaufbau mal mit Passkombinationen, mal mit dem langen Chipball hinter die gegnerische Abwehrkette zwang der VfL Wolfsburg die Tschechinnen zu Fehlern. Zudem agierten die Wolfsburgerinnen wie mittlerweile vom eingespielten Ensemble mit den skandinavischen Supertalenten Pernilla Harder und Carolin Hansen an der Spitze schon gewohnt äußerst variabel bezüglich Grundformation und Positionswechseln. Harder ließ sich immer wider aus der vordersten Reihe fallen, um dann mit Anlauf zu ihren kaum zu bremsenden Dribblings anzusetzen. Popp wiederum nahm dann jeweils Harders Position in der Spitze ein. „Man spürt bei den Spielerinnen, dass sie sich auf die heiße Phase der Saison mit entscheidenden Spielen in Meisterschaft, im Pokal-Halbfinale oder eben auch in der Champions League freuen“, sagte Lerch. Stürmerin Popp brachte die Gier des Champions-League-Siegers von 2013 und 2014 nach neuen Erfolgen zum Ausdruck, indem sie unverhohlen ansprach, „dass da schon der ein oder andere Titel für uns rausspringen könnte“.

          Vorarbeit für Hrubesch

          Allein die Torausbeute – die überragende Dänin Harder traf zweimal (12./58. Minute), Caroline Hansen (13.), Sara Gunnarsdottir (39.) und Ewa Pajor (85.) je einmal – war verbesserungswürdig, auch wenn der Vorsprung natürlich locker reichen wird, um am kommenden Mittwoch im Rückspiel in Prag den Einzug ins Halbfinale gegen Chelsea oder Montpellier sicherzustellen. Ein noch deutlicheres Ergebnis hatte vor allem Alexandra Popp mehrfach auf dem Fuß, die ein halbes Dutzend an Torgelegenheiten vergab. Dadurch verstärkte sich ein fürs Nationalteam besorgniserregender Eindruck: Das Team des in dieser Saison dominanten Bundesligatabellenführers wird immer stärker von ausländischen Spielerinnen geprägt. Nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Babett Peter stehen nur vier Deutsche in der Startelf.

          Die andere Lena Goeßling: Die Last der Nationalteam-Krise ist abgefallen
          Die andere Lena Goeßling: Die Last der Nationalteam-Krise ist abgefallen : Bild: AFP

          Horst Hrubesch dürfte das aus einer Loge des bei nur 1300 Zuschauern spärlich gefüllten Stadions ebenso mit großem Interesse zur Kenntnis genommen haben wie die Art und Weise, in der das VfL-Team agierte. Das Nationalteam hatte sich vor einem knappen halben Jahr noch extrem schwergetan mit nahezu dem selben Gegner, als das Hinspiel in der WM-Qualifikation in Tschechien nur dank eines Eigentors 1:0 gewonnen wurde.

          Slavia bildet mit acht Nationalspielerinnen den Kern jenes Teams, das damals in einer Abwehrschlacht die allerdings schon damals kriselnde deutsche Auswahl zur Verzweiflung gebracht hatte. Für Hrubesch lieferte das Champions-League-Spiel nun auf dem Präsentierteller Anschauungsunterricht für die Vorbereitung auf das Rückspiel in zwei Wochen in Halle, bei dem er sein Debüt als Frauenfußball-Bundestrainer gibt. Je höher das Tempo im zuletzt sehr lahmen und langatmigen deutschen Spiel dann ist, desto größer werden die Probleme der Tschechinnen sein. Um das zu erreichen, muss es Hrubesch auf seine Art gelingen, dass die Spielerinnen die Köpfe nach den zuletzt so düsteren Spielen im Nationaltrikot wieder frei bekommen. Die entsprechende Vorarbeit leistete der VfL Wolfsburg am Donnerstag.

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