https://www.faz.net/-gtl-9lsbi

Frauenfußball : Das Los der Torfrau

Hat nicht ihren besten Tag erwischt: Torhüterin Almuth Schult Bild: EPA

Bei der Heimpremiere von Bundestrainerin Voss-Tecklenburg verpassen die deutschen Fußballfrauen gegen Japan einen Sieg. Torfrau Schult ist daran nicht unbeteiligt.

          4 Min.

          Almuth Schult schlich nach dem Abpfiff des 2:2 zwischen den Frauenfußballteams aus Deutschland und Japan nachdenklich vom Feld des Paderborner Stadions. Die Torhüterin des deutschen Teams hatte gerade ein Spiel des Grauens beendet, in dem sie mit zwei Fehlpässen gleich beide Gegentreffer des asiatischen Gegners durch Yui Hasegawa (35.) und Kumi Yokoyama (69.) ermöglicht. „Heute können alle auf mich sauer sein, ich bin auch sauer auf mich“, sagte Schult nach dem Spiel, in dem ihren Teamkolleginnen Alexandra Popp (53.) und Svenja Huth (73.) immerhin zweimal der Ausgleich gelang. „Das ist das Los des Torwarts. Wenn man einen Fehlpass spielt, geht es direkt auf mein Tor. Wenn ich dem Druck nicht standhalten würde, würde ich nicht seit Jahren im Tor des Nationalteams stehen. Ich habe keine Angst vor weiteren Fehlern.“ Selbstkritisch fügte sie hinzu: „Ich spiele weiter gerne für Deutschland, aber letztlich entscheidet die Trainerin, wer im Tor steht.“

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zwei Monate vor der Weltmeisterschaft schloss Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg freilich einen möglichen Wechsel im Tor aus. „Almuth ist noch nicht bei hundert Prozent“, sagte Voss-Tecklenburg mit Verweis auf eine Masernerkrankung, die die Torhüterin von Januar bis Mitte März außer Gefecht gesetzt hatte. „Wir werden ihr die Sicherheit zurückgeben. Und sie muss lernen, dass sie auch einmal die einfache Lösung findet.“ Bei beiden Fehlpässen nahe des eigenen Strafraums hatte Schult den Ball nach Rückpässen jeweils unbedrängt einer Japanerin in den Fuß gespielt. Yui Hasegawa lupfte den Ball aus gut 25 Metern direkt ins Tor. Kumi Yokoyamas Treffer zum zwischenzeitlichen 2:1 gelang auch in mittelbarer Folge von Schults Fehlpass. „Ich bin mir sicher, dass Almuth die nötige Fehlerminimierung mit dem Fuß hinbekommt“, sagte Voss-Tecklenburg. „Alles andere ist in Ordnung.“

          Schult, die seit dem Abgang ihrer Vorgängerin Nadine Angerer im Jahr 2015 die unumstrittene Nummer eins im deutschen Team war und bei den Olympischen Spielen wie auch der insgesamt missratenen Europameisterschaft 2017 einen sicheren Rückhalt darstellte, ist ähnliches Ungemach aus ihrer eigenen Vergangenheit gewohnt. Vor der EM war ihr im letzten Testspiel gegen Brasilien ein ähnlicher Fehler unterlaufen, trotzdem spielte sie in gutes Turnier. Vor zwei Wochen erst hatte sie das Viertelfinal-Aus des VfL Wolfsburg in der Champions League eingeleitet, als sie bei einem Freistoß der für Lyon spielenden Nationalteamkameradin Dzsenifer Marozsan zu sehr auf eine Flanke spekuliert hatte und deshalb den direkt geschossenen Ball erst  hinter der Linie zu fassen bekam. Schult wird dabei immer mal wieder zum Verhängnis, dass sie zu Perfektionismus neigt und eher einen Schrit zu weit im voraus denkt als die simple Lösung einer Situation zu wählen.

          Trainerin Martina Voss-Tecklenburg: „Mit schweren Momenten umgehen zu können, das wird ein Erfolgsfaktor sein bei der WM.“
          Trainerin Martina Voss-Tecklenburg: „Mit schweren Momenten umgehen zu können, das wird ein Erfolgsfaktor sein bei der WM.“ : Bild: dpa

          Bemerkenswert war in der Vergangenheit freilich stets, wie sie sich im weiteren Verlauf solch unglücklich begonnener Spiele fing und zu ihrer gewohnten Sicherheit zurückfand. Auf diesen Effekt setzt offenbar auch die Bundestrainerin, wenngleich sie mit der Freiburgerin Merle Frohms eine Alternative hätte, die zuletzt bei zwei Länderspieleinsätzen gegen Spanien und Frankreich starke Leistungen zeigte und ohne Gegentor blieb.

          Schult sah es immerhin als schwachen Trost an, dass ihre Teamkolleginnen vor 4800 Zuschauern im vorletzten Testspiel vor der Weltmeisterschaft in Frankreich, die für Deutschland am 8. Juni mit dem Vorrundenspiel gegen China in Rennes beginnt, wenigstens ein Unentschieden retteten. „Ich bin der Mannschaft dankbar, dass wir noch zwei Tore geschossen haben. Fußball ist ein Mannschaftssport und heute hat die Mannschaft meine Fehler ausgebügelt“, sagte die 28 Jahre alte Schlussfrau.

          Spielplan, Ergebnisse, Termine der Frauenfußball-WM 2019

          Schults Fehler lenkten den Blick vom restlichen Geschehen auf dem Platz ab, das Erkenntnisse bringen sollte nicht nur für die Kadernominierung am 14. Mai für die WM. Das Spiel gegen Japan sollte bei der Heimpremiere der neuen Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg unter den Augen ihres Vorgängers Horst Hrubesch und des Nationalmannschaften-Direktors Oliver Bierhoff ein Probelauf für das zweite WM-Spiel darstellen. Spanien ist von der Spielanlage ähnlich auf Kurzpassspiel ausgerichtet wie die Japanerinnen. Die Deutschen hatten freilich drei Tage nach der überzeugenden Leistung beim 2:1-Testspielsieg in Schweden vor allem im Spielaufbau gegen die gut organisierten Japanerinnen große Schwierigkeiten. Nur selten gelang es ihnen mit großem Risiko, sich durch die beiden Pressingreihen der Gegnerinnen hindurch zu spielen. Wenn dies einmal gelang, eröffneten sich Räume, die freilich zu keiner nennenswerten Torchance führten. Viel öfter freilich verhedderte sich das deutsche Kombinationsspiel im dichten japanischen Netz, so dass sich für den Weltmeister von 2011 immer wieder Ballgewinne schon tief in der deutschen Hälfte ergaben.

          Viererkette: Deutsche Spielerinnen freuen sich über das 2:2.
          Viererkette: Deutsche Spielerinnen freuen sich über das 2:2. : Bild: dpa

          In der zweiten Halbzeit traten die Spielerinnen von Martina Voss-Tecklenburg deutlich entschlossener und mit mehr körperlichem Einsatz auf. Zudem nahm die Trainerin ein paar personelle Veränderungen vor. Sie zog Marina Hegering aus der hintersten Abwehrreihe ins Mittelfeld und brachte Lena Goeßling als passsichere Innenverteidigerin mit dem Auftrag in die Partie, den Spielaufbau zu vereinfachen, indem sie die attackierenden Japanerinnen mit langen Bällen überspielen sollte. Auch die Hereinnahme der Offensivspielerin Turid Knaak wirkte belebend.

          Umgehend ergaben sich zahlreiche Torchancen: Magull scheiterte zunächst noch mit einem Volleyschuss (52.), dann aber nutzte Spielführerin Alexandra Popp  eine ihrer größten Qualitäten. Nach einer Flanke von Dzsenifer Marozsan köpfte sie den Ball aus sechs Metern zum Ausgleich ein. Knaak hätte nur drei  Minuten später die Führung erzielen können, scheiterte aber an der japanischen Schlussfrau.

          Weitere 60 Sekunden später hätte Lina Magull die Führung erzielen müssen. Sie lupfte den Ball freistehend zwar über die japanische Schlussfrau hinweg, setzte den Ball aber neben das Tor. Alexandra Popp hatte derweil etwas Pech, dass ein weiterer Kopfball knapp über die Latte hinwegflog (64.). Nach dem zweiten dicken Fehler von Schult leistete sich schließlich auch die japanische Schlussfrau Chika Hirao einen genauso folgenschweren Fehler. Sie ließ den Ball nach einer Flanke von Marozsan fallen, sodass Svenja Huth den Ball aus einem Meter einköpfen konnte.

          „Wir haben zweimal eine gute Reaktion gezeigt“, sagte Spielmacherin Dzsenifer Marozsan, die sich wie schon in Schweden in bester Spiellaune und körperlich topfit präsentierte. „Wir haben uns viele Chancen erarbeitet, sie aber leider nicht genutzt.“ Marozsan selbst hätte ihrem Team in der Nachspielzeit sogar beinahe noch den Siegtreffer beschert, scheiterte aber an Chika Hirao. Kurz zuvor hatte das deutsche Team Glück, als Pauline Bremer auf der Linie für ihre bereits geschlagene Torhüterin rettete. Deutschland bleibt somit auch im elften Spiel in Serie ungeschlagen.

          Das dürfte sich im letzten Test vor WM-Beginn am 30. Mai in Regensburg gegen das international drittklassige Team aus Chile nicht ändern. Die Wahrheit liegt dann freilich erst nach nicht einmal drei Wochen Vorbereitungszeit im Juni auf dem Platz, wenn in Frankreich der Ernstfall beginnt. Und dafür sah die Bundestrainerin die kuriosen Umstände beim Spiel in Paderborn durchaus als wertvoll an: „Mit schweren Momenten umgehen zu können, das wird ein Erfolgsfaktor sein bei der WM.“ Almuth Schult könnte ihrem Team womöglich also unfreiwillig einen Dienst erwiesen haben.

          Weitere Themen

          Totales Debakel für Inter Mailand

          Champions League : Totales Debakel für Inter Mailand

          Gegen Real Madrid verliert der italienische Spitzenklub nicht nur das Spiel und Profi Arturo Vidal nach einem Platzverweis – auch die Chance auf das Achtelfinale ist in der Gladbach-Gruppe fast dahin. Liverpool ist ebenfalls bedient.

          Topmeldungen

          Zum Tod von Diego Maradona : In den Händen Gottes

          Bei der WM 1986 wurde er in Argentinien zum Heiligen. Er war einer, der es nach ganz oben schaffte. Nun muss die Fußball-Welt sich von einem ihrer größten Spieler verabschieden: Im Alter von nur 60 Jahren ist Diego Armando Maradona gestorben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.