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EM-Aus für DFB-Frauen : Kontrollverlust der Supermacht

Nicht zu fassen: Deutschlands Anja Mittag Bild: dpa

Nach dem EM-Aus der deutschen Fußballfrauen herrscht Fassungslosigkeit. Die Spielerinnen stärken der Bundestrainerin den Rücken, doch DFB-Präsident Grindel hält sich bedeckt.

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          Steffi Jones blieb am Ende nichts anderes übrig, als sich als gute Verliererin zu präsentieren. Um halbwegs positive Körpersprache bemüht, marschierte die Bundestrainerin übers Spielfeld, gab ihren fassungslos auf dem Rasen sitzenden Nationalspielerinnen einen tröstenden Klaps auf die Schulter oder einen Handschlag und gratulierte auch den Gegnerinnen aus Dänemark zum Einzug ins Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft. Dann versammelte die 44 Jahre alte Trainernovizin ihr Team ein letztes Mal bei diesem Turnier auf dem Platz zum üblichen Kreis. Das alles aber genügte nicht, um das Geschehene vergessen zu machen: Nach einer frühen Führung durch Isabel Kerschowski (3. Minute) verlor das deutsche Team vor 5000 Zuschauern im Rotterdamer Stadion Het Kasteel 1:2 nach Gegentoren von Nadia Nadim (49.) und Theresa Nielsen (83.).

          „Wir haben trotz des frühen Tores nie so gespielt, als würden wir führen“, sagte Steffi Jones nach dem bitteren Ende ihres ersten Turniers als Cheftrainerin. „Wir hatten viele Unsicherheiten, Ballverluste. Wir bauen sie dadurch auf und schlafen auch noch in einer Situation vor dem 1:1, was gar nicht geht.“ So endete für ein Team, das vergangenes Jahr zum Abschluss der Dienstzeit von Silvia Neid noch den Olympiasieg errungen hatte, eine besondere Erfolgsstory bei Europameisterschaften: Seit 1993 und einer Niederlagegegen Dänemark im Spiel um Platz drei hatte keine deutsche Frauenfußball-Nationalelf mehr ein K.-o.-Spiel verloren. Die europäische Frauenfußball-Supermacht hatte alle sechs Turniere seit 1995 gewonnen.

          Nachdem das Duell mit dem nördlichen Nachbarn am Samstagabend wegen Unbespielbarkeit des Platzes verschoben worden war (siehe Text auf dieser Seite), herrschten am Sonntag trotz Regens zur Mittagszeit gute Bedingungen. Der Ball rollte wieder einmal nicht rund, weil sich die deutschen Spielerinnen viel zu viele leichte technische Fehler leisteten. „Ich merkte von hinten, dass was falsch läuft, aber ich konnte nichts machen“, sagte Torhüterin Almuth Schult. „Es ist mir unverständlich, dass wir nicht alles in die Waagschale geworfen haben.“ Stattdessen breitete sich Verunsicherung in der Defensive aus, in der Jones zum Mittel der Blockbildung griff, um Stabilität zu erzeugen. Inklusive Almuth Schult stellten sich fünf Wolfsburgerinnen ihrer gefürchteten dänischen Teamkameradin Pernille Harder entgegen. Das Personalkonzept funktionierte nur auf der anderen Spielfeldseite: Die neu ins Team gekommene Isabel Kerschowski erzielte mit einem Distanzschuss die Führung – stark begünstigt durch die Torhüterin Stina Petersen.

          Dänisches Dynamit: die Außenseiterinnen aus dem nördlichen Nachbarland schlagen die Europameisterinnen Bilderstrecke

          Die deutschen Frauen ließen es in der Folge an Gelassenheit vermissen. Entsprechend sah sich Bundestrainerin Jones genötigt, ihre Spielerinnen zu ermahnen. „Bleibt ruhig!“, schrie sie aufs Spielfeld. Vergeblich. Das Team offenbarte im wieder stärker werdenden Regen große Probleme mit dem nassen Spielgerät und baute die Däninnen mit Fehlpässen auf. Im sehr offensiv ausgerichteten deutschen Spielsystem mit nur einer defensiven Absicherung im Mittelfeld bieten diese Mängel große Räume für Konterangriffe. Der Ausgleich entstand allerdings ganz anders: Isabel Kerschowski und Spielführerin Dzsenifer Marozsan schalteten im Kampf um den Ball gegen die Dänin Stine Larsen an der Außenlinie ab, weil die Linienrichterin mit ihrer Fahne ein Foul Marozsans angezeigt hatte. Schiedsrichterin Katalin Kulcsar ließ jedoch Vorteil gelten, was die Dänin für eine unbedrängte Flanke nutzte. Nadia Nadim köpfte aus sieben Metern ein.

          „Ich kann mir auch nicht erklären, wieso ich da so geschlafen habe“, sagte Marozsan zur womöglich spielentscheidenden Szene. Das deutsche Team verlor nun endgültig die Kontrolle. Im Schlagabtausch kamen zwar auch die Deutschen zu Chancen, Linda Dallmann scheiterte zweimal an der Torhüterin, Anja Mittag verfehlte per Kopf das Ziel, Lina Magull mit einem Distanzschuss, weshalb das deutsche Team das Turnier ohne Treffer einer Offensivspielerin verlässt– ein gravierender Grund für das Aus. Stattdessen traf in der 83. Minute Theresa Nielsen aus sieben Metern per Kopf unbedrängt ins Netz. „Es ist unglaublich, Deutschland geschlagen zu haben“, sagte sie. Im Halbfinale trifft sie nun auf die Österreicherinnen, die sich nach torlosem Spiel gegen Spanien 5:3 im Elfmeterschießen durchsetzten.

          Bundestrainerin Jones will ein paar Tage für die Analyse ins Land ziehen lassen. „In erster Linie ist es so, dass wir uns sehr viel vorgenommen haben mit der Überzeugung, dass wir die Qualität haben und das Spielverständnis. Wir müssen jetzt analysieren und hinterfragen, ob meine Entscheidungen richtig waren, ob das vom System her passte, ob wir anders hätten entscheiden müssen“, sagte sie. „Derzeit meine ich aber, dass entscheidend war, dass Dänemark den größeren Siegeswillen hatte.“ DFB-Präsident Reinhard Grindel vermied in der Stunde der bitteren Niederlage ein Bekenntnis. „Wir werden nunmehr in aller Ruhe, unabhängig von der aktuellen Enttäuschung über das Ausscheiden, mit allen Beteiligten analysieren und überlegen, was zu tun ist, damit unsere Frauen-Nationalmannschaft wieder an frühere Erfolge anknüpfen kann“, ließ er wissen.

          Die Spielerinnen hingegen stärkten Steffi Jones den Rücken. „Es tut uns allen leid für Steffi, weil sie eine überragende Trainerin ist. Da darf kein Zweifel dran aufkommen, dass wir so weiterarbeiten sollten“, sagte Sara Däbritz. Linda Dallmann betonte, dass es „nicht an Steffi lag, sondern an uns“. Auch vom gegnerischen Trainer kam ein Plädoyer für den neuen deutschen Weg. „Wir wussten, dass sie anfällig sind, wenn wir sie in engen Räumen zu Fehlern zwingen und dann schnell umschalten, weil sie durch ihre vielen Neuerungen noch nicht wieder die Kompaktheit haben wie noch vor einem Jahr beim Olympiasieg“, sagte Nils Nielsen. „Aber wenn sie diesen Weg weitergehen, dann werden die Deutschen bei der WM 2019 umso stärker zurückkommen mit einem sehr modernen Fußball.“ Diese Worte dürften Steffi Jones vielleicht ein wenig Trost spenden.

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