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Franziska Hentke : Schmetterlingsflug zur Silbermedaille

  • -Aktualisiert am

Franziska Hentke nach ihrem Sieg in Budapest Bild: dpa

Franziska Hentke wird Zweite und kann ihr Glück kaum fassen. Ihren ersten großen Triumph auf internationaler Bühne hat sie lange herbeigesehnt. Philip Heintz und Marco Koch dagegen enttäuschen.

          3 Min.

          Überlebensgroß war es auf den Leinwänden in der WM-Arena zu sehen, dieses letzte, tiefe Durchatmen von Franziska Hentke, der Jahresweltbesten, der Halbfinalschnellsten über 200 Meter Schmetterling auf Bahn vier. Noch einmal tief durchatmen also. Die Halle tobte, waren in diesem Rennen doch zwei Ungarinnen am Start, darunter „Iron Lady“ Katinka Hosszu. „Ria, ria, Hungaria“ schallte es aus rund 10.000 Kehlen. Doch Franziska Hentke wusste das für sich zu nutzen. „Ich habe mir einfach vorgestellt, die schreien alle: Hier regiert der SCM“, sagte der Fan der Handballer des SC Magdeburg. Und mit 10.000 SCM-Fans im Rücken schmetterte Hentke also in 2:05,39 Minuten zu WM-Silber – vor Lokalmatadorin Hosszu (2:06,02). Gewonnen hatte dieses Rennen zwar die Spanierin Mireia Belmonte (2:05,26), die Freude schien dennoch größer bei Franziska Hentke.

          Die 28-Jährige hatte sich langsam von hinten herangepirscht an ihr erstes WM-Podium. Als fünfte nach der ersten Bahn wendete sie nach 100 Metern bereits als Dritte. Auf die vierte Bahn ging sie als Zweite – und ließ sich diese Plazierung nicht mehr nehmen. Tatsächlich war sie aus der Wand immer näher an Belmonte herangeschwommen. Wäre es ein 205-Meter-Rennen gewesen, es hätte gar für Gold gereicht. Das aber interessierte Hentke wenig. Es war ihr schlicht „scheißegal“.

          Denn Franziska Hentke, sie gehörte lange zu jener Schwimmergattung, denen trotz größtem Trainingsfleiß immer wieder der Kopf in die Quere kommt. Bei ihrer ersten WM 2013 verpasste die Magdeburgerin das angepeilte Finale, 2015 reiste sie bereits als Führende der Weltrangliste zur WM und als solche auch wieder ab – allerdings ohne die erhoffte Medaille im Gepäck. Auch in Rio enttäuschte sie sich selbst und die in sie gesetzten Erwartungen, verpasste als Halbfinal-Elfte gar den Sprung ins Olympia-Finale. Jetzt sagte sie: „Ich habe mich zuerst gar nicht getraut, auf die Anzeigetafel zu schauen.“ Zu groß die Angst, dass es wieder nicht gereicht haben könnte. „Ich wusste nach dem Halbfinale, dass ich noch schneller schwimmen kann“ – aber das hatten ihr gute Trainingswerte schon so häufig suggeriert, bevor sich der Kopf wieder eingeschaltet hatte.

          Zu ihrem dritten WM-Versuch reiste die Spätzünderin abermals als Jahresweltbeste an. Doch diesmal war etwas anders. Dass neben ihr Olympiasiegerin Belmonte schmetterte, die schon seit vielen Jahren dort angekommen ist, wo Hentke so gerne hinwollte, nutze diese als Ansporn: „Ich wusste, wenn Mireia neben mir schwimmt, dass es ein geiles Rennen wird“, sagte die Magdeburgerin auch Minuten nach dem Anschlag noch mit tränenerstickter Stimme, bevor sie die Gefühle gänzlich überrollten. „Ich bin einfach so froh, dass sich die lange Arbeit jetzt endlich ausgezahlt hat.“

          Die Miene sagt alles. Heintz verpasst sein Ziel

          Nach vier mehr als durchwachsenen WM-Tagen, an denen einzig Florian Wellbrock als Siebter über 800 Meter Freistil einen Finalauftritt hatte, kam es umso mehr auf den gestrigen Tag an. Doch der begann zunächst mit einer weiteren Enttäuschung. Philip Heintz, vor der WM noch als heißester Medaillenkandidat gehandelt, kam über Rang sieben nicht hinaus. Der Heidelberger hatte von Beginn an über 200 Meter Lagen hinten im Feld gelegen. Doch während das für die ersten 100 Meter im Plan war, gelang es dem 26-Jährigen nicht, wie üblich über eine starke Brustbahn und eine Freistil-Schlussoffensive nochmal aufzudrehen. So standen für ihn 1:57,43 Minuten und Rang sieben zu Buche. Gold schnappte auf den letzten Freistil-Metern Chase Kalisz (1:55,76) dem vom Startsprung an führenden Japaner Kosuke Hagino (1:56,01) vor der Nase weg. Dabei war der Amerikaner Kalisz zwei Zehntel Sekunden schneller als Heintz, als dieser bei der DM in Berlin überraschend an die Weltspitze schwamm.

          Heintz hing nach seinem Rennen noch lange an der Trennleine, den Blick starr auf die Anzeigetafel gerichtet. Als letzter hievte er seinen Körper aus dem Becken. Selbst in der Interviewzone musste er eine Antwort unterbrechen („Ich hol’ mal kurz Luft, okay?“) bevor er nach vorne gebeugt, die Hände auf den Oberschenkeln abgestützt, versuchte, Erklärungen für sein Rennen zu finden. „Ich habe alles gegeben. Die ersten 100 waren auch völlig im Rahmen, aber dann bin ich nach hinten raus sowas von gestorben. Das hatte ich selten bisher.“ Der Olympia-Sechste hatte schon vor der WM den Zeitraum von fünf Wochen zwischen DM und WM kritisiert. Nun sagte er: „Wir verfolgen das Höhenkonzept. Da legt man fünf Wochen nach der Höhe das Topevent.“ Und das war für Heintz in dieser Saison ob verschärfter Normzeiten die DM.

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          Den nächsten Dämpfer verpasste dem deutschen Team ausgerechnet Weltmeister Marco Koch, der über 200 Meter Brust in 2:09,61 nur Halbfinal-Elfter wurde. Kochs Innenhose war kurz vor dem Start gerissen, so dass bei jedem Beinschlag Wasser in die Hose lief. Der Darmstädter nahm es gelassen: „Ich bin nicht so enttäuscht, wie viele vielleicht denken.“ Es kam also alles noch viel mehr auf Franziska Hentke an. Für den DSV wegen der Enttäuschungen an den Tagen zuvor, für sie selbst wegen der Enttäuschungen in den Jahren zuvor. Und so sagte sie, vielleicht etwas mehr zu sich selbst als zu den Journalisten, nachdem sie ihre Glücksgefühle wieder eingefangen hatte: „Ich bin echt froh, das ich jetzt endlich diese blöde Medaille habe.“

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