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Formel 1 in Monaco : Zwei Jahrzehnte ohne Todesfall

  • -Aktualisiert am

Sicherheitsprobleme: Die Formel 1 und Nico Rosberg gastieren in Monaco Bild: dpa

Die Formel 1 ist seit zwei Jahrzehnten ohne tote Fahrer: Doch für diese Bilanz musste viel in Sachen Sicherheit getan werden. Wie der Tunnelblick die Formel-1-Piloten gerade vor dem gefährlichsten Grand Prix von Monaco steuert.

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          Ein Toter hat ihnen das Leben gerettet. Das sagt Max Mosley gerne, wenn er auf die jüngste Generation Formel-1-Rennfahrer schaut. Alles junge Kerle, zwischen 20 und 34 Jahre alt. Vor zwei Jahrzehnten waren sie gerade geboren oder noch halbe Kinder, als am 30.April in Imola der Tod die Grand-Prix-Szene wieder heimsuchte. Der Österreicher Roland Ratzenberger starb beim Qualifying zum Großen Preis von San Marino, der später zum Rennfahrergott verklärte Ayrton Senna verunglückte 24 Stunden später im Rennen tödlich. Die Weltmeister von heute, ob Sebastian Vettel oder Lewis Hamilton, haben von diesem Schrecken kaum Bilder vor Augen. Schon gar nicht von dem schweren Crash in Monaco keine zwei Wochen später.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Karl Wendlinger kann sich auch nicht mehr erinnern. „Da ist nichts“, sagt er. Obwohl ihn dieses Unglück beinahe alles gekostet hätte. Der Österreicher hatte im ersten freien Training beim Anbremsen der Hafenschikane, bei Tempo 280, die Kontrolle über seinen Sauber verloren und war gegen die Streckenbegrenzung geprallt: Sirenengeheul, Krankenwagen, Entsetzen in den Augen der Teammitglieder, seiner Freundin. Wendlinger erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma, fiel ins Koma, für 19 Tage. „Arrêt!“ titelte damals die einflussreiche französische Sportzeitung „L’Equipe“: „Aufhören!“

          Crash mit Folgen: Am 12. Mai 1994 verunglückte Karl Wendlinger in Monaco.

          Die Formel 1 drehte sich weiter, fuhr den Grand Prix, Michael Schumacher gewann. Aber hinter den Kulissen tobte ein Machtkampf. Erst Wendlingers Sturz in den Schwebezustand zwischen Leben und Tod eröffnete Mosley, damals Präsident des Internationalen Automobilverbandes, die Chance, ein radikales Sicherheitsprogramm durchzusetzen. Der Versuch von Benettons Teamchef Flavio Briatore, den Briten beim nächsten Grand Prix in Barcelona zu entmachten, schlug fehl. Seitdem ist der Sicherheitsstandard der Formel 1 Jahr für Jahr verbessert worden. Schwere Unfälle hat es viele gegeben, tote Fahrer seit zwanzig Jahren nicht mehr. Ohne Wendlingers Schicksal wäre die Formel 1 nicht so weit gekommen.

          Monaco mit neuen, noch effizienteren Barrieren

          Einen Tag vor dem ersten Training zum Großen Preis von Monaco an diesem Sonntag gibt es wieder gute Nachrichten. Der Veranstalter wirbt mit einer neuen, noch effizienteren Barriere. Die großen Fangzäune wenige Meter vor den Tribünen, der modernste Aufprallschutz an den neuralgischen Stellen und die Crashtests für die jüngste Bolidengeneration wiegen die Fahrer in Sicherheit. Mit im Schnitt rund 160 Kilometer pro Stunde durch die Stadt, mit 275 hoch zum Kasino, mit 280 durch den Tunnel hinunter zum Hafen: „Das ist ein Megaspaß“, sagt Nico Hülkenberg, „da hat man keine Zeit, sich zu erholen, da geht es Schlag auf Schlag, volles Hörnchen.“

          Der Rheinländer hat keine Bedenken, sein Force India könnte von den gewaltigen Hinterreifen eines vorausfahrenden Autos in die Luft, gar über den Zaun geschleudert werden: „Dann muss man sich halt von den Hinterrädern fernhalten.“ Oder der Technik vertrauen. Hülkenbergs Landsmann Adrian Sutil schildert strahlend seine unbändige Freude: „Schön, dass diese Strecke existiert“, sagt der Sauber-Pilot: „Die Autos sind sehr sicher.“

          So war die Stimmung im Fahrerlager von Imola 1994. Als sich Rubens Barrichello beim Training überschlug und doch nur seine Nase brach, frohlockte das Fahrerlager. „Wir glaubten, da passiert eh nichts“, erzählt Wendlinger. Aber selbst der fatale Trugschluss änderte nichts: „Ich habe die Unfälle weggeschoben, den Ratzenberger, den Senna, ich habe da nichts an mich rankommen lassen.“ Das Programm lief weiter nach dem tragischen Wochenende, fein programmiert im Oberstübchen. Wendlinger spricht von seiner Software, der Automatisierung des Rennfahrerlebens mit auf den Punkt organisierten Gewohnheiten: nach Imola Testfahrten in Le Castellet, die Beerdigung Ratzenbergers, Sponsortermine, Fitnesstraining, die Vorbereitung auf Monaco. „Mir ist das damals nicht aufgefallen, aber später wurde mir klar, dass es keine Ruhe für mich gab. Nach Imola hatte ich einen Tunnelblick. Vielleicht war das ein Selbstschutz, um nicht verletzt zu werden.“

          Enge Kurven: Sebastian Vettel im Vorjahresrennen Bilderstrecke

          Ob das der Grund für seinen Unfall gewesen ist? „Ich war nicht ausbalanciert vor Monaco, das hat die Chance erhöht.“ Wendlinger lacht. „Unfälle von anderen schützen also auch nicht unbedingt.“ Er mag den Stadtkurs. „Da zeigt sich, wie gut die Piloten sind.“ Seine letzte Erinnerung an eine Formel-1-Tour im Fürstentum ist gut. „1993 wurde ich Vierter im Qualifying. Deshalb freute ich mich auf die Rückkehr.“ Aber er erinnert sich auch an ein Gespräch über das bevorstehende Rennen an der Cote d’Azur kurz nach der Tragödie in Italien. Er saß mit einem Freund im Café. „Ich wundere mich“, habe ich ihm gesagt, „dass in Monaco noch keiner auf die Tribüne geflogen ist.“

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