https://www.faz.net/-gtl-6l507

Weltmeister Vettel : Der frühreife Überflieger

Weltmeister: Vettel 2010 in Abu Dhabi Bild: REUTERS

Noch am Samstag hieß es, Sebastian Vettel sei nicht reif genug für den Weltmeistertitel. Jetzt ist er der jüngste Champion überhaupt. Tatsächlich hat er nach Fehlern und Pannen seine Reife bewiesen - auf die ihm eigene, sympathische Art.

          2 Min.

          Nicht reif? Wie konnte sich Sir Jackie Stewart nur so täuschen? Der Mann ist dreimaliger Weltmeister, einer der cleversten Geschäftsmänner in der Formel 1, seit vierzig Jahren in der Branche unterwegs. Und ließ sich doch von seiner Neigung für den Australier Mark Webber leiten, als er noch am Samstag für einen gestanden Mann als neuen Weltmeister warb. Warum? Weil Webber sich in die erste Reihe gekämpft habe, von den Härten eines Sportlerlebens gezeichnet sei und die Formel 1 deshalb besser repräsentieren könne.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Nur hat der ehrenwerte Sir Jackie dabei vollkommen die Vita Vettels ausgeblendet. Der junge Hesse – der jüngste Weltmeister der Geschichte – musste ebenso Klinken putzen wie Webber. Vater Norbert Vettel, ein Zimmermann, hätte sich bei aller Unterstützung die teure Ausbildung nie leisten können, wenn der Sohn nicht sein Talent mit Beharrlichkeit verfolgt hätte.

          Man muss im Motorsport nicht nur Mut haben, Vollgaskurven anzugreifen. Vettel wagte es sogar, als Pennäler den Motorsportchef von BMW, Mario Theissen, am Ärmel zu zupfen, um dem Ingenieur des großen Konzerns eine Botschaft mit auf den Weg zu geben: „Nächstes Jahr fahre ich für sie.“ Vettel war also früh reif. Er hat sich die Förderung von Red Bull hart erarbeitet, die Ausbildung in den Nachwuchsklassen etwa des ADAC optimal genutzt und ist trotz seines Talentes auf Widerstände gestoßen. Es war wohl sein Glück, dass er als Testfahrer von BMW zwar Theissens Rückendeckung genoss, aber nicht die volle Achtung des Teams.

          Lokal-Held: Freude über Vettels Sieg beim „Public Viewing” in Heppenheim
          Lokal-Held: Freude über Vettels Sieg beim „Public Viewing” in Heppenheim : Bild: dapd

          Man ließ Vettel nach seinem Formel-1-Debüt in Indianapolis 2007 (8.) – er war Ersatzmann für Robert Kubica – zu Toro Rosso abwandern. Mit diesem Team begann sein Aufstieg, mit ihm gewann er 2008 in Monza unter schwierigen Bedingungen seinen ersten Grand Prix. Gegensätzlicher hätte sich die Karriere von BMW und Vettel in der Formel 1 kaum entwickeln können. Die einen sind nicht mehr im Rennen, der andere ist Weltmeister.

          Schnell war Vettel über die gesamte Saison. Er hätte sein Ziel eher erreichen können, wenn ihn nicht Fehleinschätzungen und Fahrfehler zurückgeworfen hätten. Missgeschicke sind den erfahrenen Rivalen aber auch passiert, Mark Webber ebenso wie Lewis Hamilton und selbst dem zweimaligen Champion Fernando Alonso. Aber keiner musste so viele technische Pannen hinnehmen. Vettel hat sich nie beirren lassen.

          Vettel gibt der Formel 1 ein neues Gesicht

          Der 23 Jahre alte Heppenheimer, inzwischen in der Schweiz zuhause, hat sich in den vergangenen fünf Rennen trotz der stetig steigenden Anspannung, trotz der Annäherung von Ferrari an das Niveau des Red Bull keinen Fehler geleistet. Er hätte ohne den kapitalen Motorschaden in Südkorea nicht drei, sondern sogar vier Grand Prix in der Schlussphase gewonnen. Kann man seine Reife besser beweisen?

          Stewart lag nicht nur knapp daneben mit seiner Voraussage, seine Einschätzung ist auch unverständlich kurzsichtig. Denn der Weltmeister Vettel gibt der Formel 1 ein neues Gesicht. Eines, das viel lacht, auf den ersten Blick sympathisch wirkt. Darin unterscheidet er sich vom ehrenwerten Einzelkämpfer Webber, vom gestylten Lewis Hamilton, vom verbissenen Fernando Alonso. Vettel lässt kaum erkennen, wie diszipliniert man für den Erfolg arbeiten muss, welche Härte sein Beruf verlangt. Es ist kein Wunder, dass sein natürlicher, leichtfüßiger Auftritt weit über das deutsche Lager hinaus ankommt. Sein Witz ist so ansteckend, dass selbst bei der Arbeit während des freien Trainings in Brasilien Mitglieder seiner Crew in schallendes Gelächter ausbrachen. Das wiederum trieb Vettel Tränen in die Augen. Stewart mag solche Gaudi für albern halten. Der Formel 1 tun diese Bilder gut.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Besucher auf der Pekinger Automesse probieren den neuen Mercedes V260 L SPV.

          Pekinger Automesse : Autobauer hoffen auf China

          Erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie kommt die Autowelt wieder in China zu einer großen Messe zusammen. Die Aussichten für den größten Automarkt sind gut - aber auch die Abhängigkeit von China wächst.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.