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Die Krise des Sebastian Vettel : Der Verlierer

Startplatz vier in Singapur: „Es ist ein hartes Jahr für micht, aber mein Selbstbewusstsein ist noch immer groß“, sagt Sebastian Vettel. Bild: dpa

Sebastian Vettel tut sich schwer, mit seinen Niederlagen umzugehen. Öffentlich kritisiert der Formel-1-Weltmeister sein Team und sein Auto. Ist die Zeit reif für einen Wechsel? 

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          Seine Bühne ist ein schmales Band aus dunkelgrauem Asphalt. Etwa 310 Kilometer vom Start bis ins Ziel, 21 Gegner, Millionen Zuschauer an den Fernsehgeräten und Zehntausende auf den Tribünen an den Rennstrecken. Auftritte in neunzehn Ländern rund um den Globus, die besten Plätze im Flugzeug, die besten Hotels, dazu eine Millionengage. Ein Traumjob? Sebastian Vettel muss nicht lange überlegen bei dieser Frage, schon als kleiner Junge träumte er von einem Cockpit in der Formel 1. Doch nun hat dieser Mann ein Problem: Im Alter von 27 Jahren scheint er das Gewinnen verlernt zu haben, den WM-Titel machen die beiden Mercedes-Fahrer Nico Rosberg und Lewis Hamilton unter sich aus. Vor dem Großen Preis von Singapur an diesem Sonntag (Start: 14 Uhr MESZ/ / Live bei RTL und im Formel-1-Ticker bei FAZ.NET) sagt Vettel: „Es ist ein hartes Jahr für mich. Aber mein Selbstbewusstsein ist noch immer groß, genau wie mein Glaube an Erfolge.“

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vettel, das war der Seriensieger der vergangenen Jahre, der Rekordjäger: jüngster Fahrer auf der Pole Position, jüngster Grand-Prix-Sieger, jüngster Weltmeister, jüngster zweimaliger Weltmeister, jüngster dreimaliger Weltmeister, jüngster viermaliger Weltmeister. Grenzen schienen ihm keine gesetzt, Vettel setzte eigene Maßstäbe, er war der personifizierte Superlativ einer ganzen Sportart. Schon im Alter von 25 Jahren galt er deshalb als der legitime Nachfolger von Rekordchampion Michael Schumacher. Wie also geht einer damit um, dass die Hierarchie in seinem Revier auf den Kopf gestellt worden ist?

          Seit Monaten schon erleben die Zuschauer einen anderen Vettel. Der junge Kerl, der so lange mit seinen Gegnern spielte, ist verschwunden. Im Scheinwerferlicht steht nun ein Mann und ringt im Zwei-Wochen-Rhythmus um Fassung. Vettel kneift dann zumeist die Augenbrauen zusammen, starrt geradeaus ins Irgendwo, schnauft in Mikrofone und sagt Sätze wie diesen: „Man schickt mich an die Front, wo scharf geschossen wird, aber ich habe das Gefühl, einen Holzknüppel in der Hand zu haben.“

          Ein Mann ringt nach Fassung: Sebastian Vettel schrecht nicht mehr vor öffentlicher Kritik an seinem Team zurück.

          Es sind nur wenige Worte, aber sie brechen ein Tabu: die öffentliche Kritik am eigenen Team. Schumacher hat dies nie gewagt. Nach außen stellte er sich stets vor seine Mannschaft, so bewahrte er 1996 etwa Ferrari-Teamchef Jean Todt vor dem Rauswurf und feierte später Siege in Serie. Intern aber scheute Schumacher nie eine Auseinandersetzung, ließ nichts unausgesprochen und trieb Mechaniker und Ingenieure so zu außergewöhnlichen Leistungen. Weil er nicht verlieren wollte.

          Auch Vettel kann nicht verlieren, das war schon immer so. Jahrelang schien diese Eigenschaft so etwas wie der Treibstoff für seinen Erfolg zu sein. Nun aber sind Niederlagen zur Realität geworden - und sie hinterlassen Spuren. Die schlimmste Niederlage in der Formel 1 ist jene gegen den eigenen Teamkollegen. Kein Vergleich erscheint ehrlicher und zugleich so schonungslos, weil beide Fahrer mit dem gleichen Material an den Start gehen.

          Vettel und seine Gurke: Der Weltmeister bekommt mit seinem Red-Bull-Boliden in diesem Jahr einfach nicht die Kurve.

          Der Rennwagen der neuesten Generation von Red Bull trägt die Typennummer RB10. Daniel Ricciardo sagt, dass dies das beste Auto sei, das er jemals gefahren ist. Der Mann kommt vom Nachwuchsteam Toro Rosso, an der Seite von Vettel aber hat er sich mit drei Siegen längst emanzipiert. Der Deutsche hat den neuen Boliden „eine Gurke“ genannt, weil er und die Maschine einfach nicht miteinander harmonieren. Der Motor? Zu schwach. Der Abtrieb? Zu gering. Die Reifen? Zu hart. Und der Fahrer?

          Steckt in der ersten tiefen Krise seiner Formel-1-Karriere. Vettel vertraut diesem Renner nicht, deshalb hat er nun schon zum fünften Mal in dieser Saison das Chassis gewechselt. Das Pech aber blieb zunächst: Beim Training in Singapur musste Vettel mehr als eine Stunde zuschauen: Motorschaden. Im Qualifikationstraining kommt Vettel inzwischen immer besser mit seinem Boliden zurecht, im Rennen aber bleiben die Probleme. In der Gesamtwertung liegt er deshalb vor dem vierzehnten Lauf der Saison schon mit 106:166 Punkten hinter Ricciardo zurück.

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