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Weltmeister Fernando Alonso : Schumi in blau

  • -Aktualisiert am

Fernando Alsonso: Die neue Nummer eins Bild: dpa/dpaweb

Nach fünf Jahren Schumacher-Herrschaft wird man sich an ein neues Gesicht gewöhnen müssen, wenn vom Weltmeister die Rede ist. Doch dieses Gesicht trägt altbekannte Züge.

          3 Min.

          War das ein Satz. Fernando Alonso nimmt mit ein paar Schritten Anlauf und springt über die Balustrade in die Arme seiner Mechaniker. Champagner spritzt, Kußhände fliegen, man drückt und packt sich vor Freude über den Triumph in der Formel 1. Während der Spanier nach dem Gewinn seines ersten WM-Titels im Fahrerlager von Brasilien von seinem Team auf Händen getragen wird, lehnt Flavio Briatore lässig am Eingang der Renault-Box. „Was für eine Reife hat dieser Junge!“, sagt der Teamchef und schaut unnachsichtig in die Runde.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Er duldet ohnehin keinen Widerspruch, schon gar nicht in historischen Augenblicken. Es geht schließlich um mehr als um den mit 24 Jahren und 58 Tagen jüngsten Weltmeister der Formel-1-Geschichte. Es geht, das hat Briatore zuvor an anderer Stelle schon erklärt, um die Zukunft, das Wohl aller, die Formel 1: „Kimi (Räikkönen) und Fernando haben die Leute dieses Jahr wieder dazu gebracht, den Fernseher einzuschalten“, sagt der Italiener, „Fernando hat die Formel 1 erneuert.“

          „Fernando hat die Formel 1 erneuert“

          Nach fünf Jahren ununterbrochener Schumacher-Herrschaft wird man sich in Deutschland an ein neues Gesicht gewöhnen müssen, wenn vom Weltmeister die Rede ist. Ob wegen des charmanten Jungstars aus Asturien deshalb gleich die gesunkene Einschaltquote im Rheinland wieder steigt, ist zwar fraglich. Allerdings scheint sich nicht viel geändert zu haben. Alonso wirkt bei der Arbeit in seinem Overall auf die Insider vorerst wie die zwölf Jahre jüngere, Renault-blaue Version des feuerroten Ferrari-Chefpiloten.

          Fernando Alsonso: Die neue Nummer eins Bilderstrecke
          Weltmeister Fernando Alonso : Schumi in blau

          Am Verlauf des drittletzten Rennwochenendes der Saison läßt sich das exemplarisch ablesen. Erst gelingt Alonso beim durchaus heiklen Sprintwettbewerb um die beste Startposition ein Coup - auch weil sich Rivale Kimi Räikkönen mit dem überlegenen McLaren-Mercedes verbremst. Dann weicht er bei einem Durchschnittstempo von 204 Kilometern pro Stunde über 71 Runden geschickt jeder Gefährdung seines für den WM-Sieg entscheidenden dritten Ranges aus. „Er ist sehr intelligent“, sagt der Technische Direktor von Renault, Pat Symonds, „er versteht jede Taktik gut und weiß, was er im Rennen zu tun hat. Wie Michael.“ Symonds fällt der Vergleich leicht. 1994 arbeitete er als Ingenieur für Benetton, an der Seite von Schumacher auf dessen Weg zum ersten Titel: „Fernando redet wie damals Michael viel über Funk mit uns, selbst beim Qualifying. Das zeigt, daß er Kapazitäten hat.“

          Ein Meister der Selbstkontrolle - wie Schumacher

          Erste Pressekonferenz als Weltmeister: Als Dritter des Großen Preises von Brasilien hat der neue Champion brav zu warten. Er läßt die Hände unter dem Tisch, sitzt aufrecht, bewegt sich kaum, schaut geradeaus. Drinnen muß es brodeln vor Freude. Als ihm das Wort erteilt wird, hat er nicht viel zu sagen: „Das (Gefühl) kann man nicht beschreiben. Vermutlich werde ich in zwei, drei Tagen begreifen, was ich geschafft habe.“ Die sparsamen Gesten und die vorsichtigen Formulierungen kommen langjährigen Beobachtern bekannt vor; als stammten sie von der Endlosschleife, nur statt auf Englisch mit leichtem rheinischem nun mit spanischem Akzent.

          Alonso hat am Sonntag nicht nur klug sein Tempo variiert, sondern anschließend in der Stunde des „maximalen“ Erfolges auch seine Gefühle im Zaum gehalten. Er ist, von Freunden als lebenslustiger Typ beschrieben, offenbar ein Meister der Selbstkontrolle. Wie Schumacher. Das demonstrierte Alonso bei seinem wegweisenden Rennen in Imola. Im langsameren Renault hielt er den drängenden Deutschen über 13 Runden bis ins Ziel hinter sich. Im größten Streß ließ sich Alonso nicht zu einem Fehler verleiten. Im Gegenteil. Er spielte alle Verteidigungstricks eines geschulten Kartfahrers aus, um dem Ferrari-Mann jeden Schwung für ein Überholmanöver zu nehmen. „Das war eine hervorragende Leistung über das ganze Jahr“, sagt Schumacher über seinen Nachfolger, „er ist ein würdiger Weltmeister.“

          Charmant und kompromißlos

          Spätestens in der ungeliebten Position des Hintermannes dürfte der Deutsche in Imola erkannt haben, welch Potential in dem Südländer steckt. Denn nicht der Fahrstil macht letztlich den Unterschied zwischen guten und sehr guten Piloten aus. Schnell sind sie fast alle. Es ist vielmehr die Fähigkeit, sich den ständig ändernden Bedingungen ohne Verzögerung anzupassen. Reifen- und Bremsenverschleiß, Benzinverbrauch, wechselndes Wetter, Renn-Verkehr, unvorhersehbare Zwischenfälle erfordern eine ständige Neujustierung bei Höchstgeschwindigkeit: „Fernando kann die Rennen gut lesen“, erklärt Symonds, „und er geht schonend mit seinem Material um.“ Der Bolide von Alonso kam bislang ohne technische Probleme über die Runden.

          Zur Anpassung gehört in der Formel 1 auch die Bereitschaft, die Konkurrenz nach den Regeln der Kunst zu verdrängen. Daß der charmante Spanier dabei kompromißlos zur Sache geht, erfuhr David Coulthard 2003 am eigenen Leib. Auf dem Weg zur Veedol-Schikane auf dem Nürburgring stieg Alonso etwas früher aufs Bremspedal. Der direkt folgende Schotte vermied mit einem blitzschnellen Ausweichmanöver zwar einen heftigen Auffahrunfall. Aber er flog mit seinem McLaren-Mercedes ins Kiesbett.

          Das neue Gesicht trägt altbekannte Züge

          Ähnlich wie Schumacher läßt der Grenzgänger Alonso seinen Kollegen kaum Spielraum. Und wie den Deutschen verlockt ihn der Wettbewerb um die Führungsposition in allen Lebenslagen: „Ich will Erster sein“, sagt der leidenschaftliche Fußballspieler Alonso, „auch auf dem Weg zum Parkplatz.“ Das neue Gesicht trägt also altbekannte Züge. Mancher erkennt darin schon das Format eines künftigen Seriensiegers. Briatore spricht jedenfalls gerne vom „Star der Zukunft“. Ob ein spanischer Schumacher dann ein Segen für die Formel 1 sein wird? Zweifellos würde er dem Teamchef von Renault Gutes tun. Briatore ist Alonsos Manager.

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