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Formel 1 : Warum die Finnen so schnell sind

Richtig schnell unterwegs derzeit: Valtteri Bottas in Silverstone. Bild: EPA

Vor der Saison zweifelten viele an seinen Fähigkeiten. Doch nun mischt Valtteri Bottas in der Formel 1 ganz vorne mit – wie zuvor schon viele andere Finnen. Wer nach den Gründen sucht, stößt auf ein Wort.

          Sein Gesichtsausdruck: beinahe gleichgültig. Seine Stimme: ohne hörbare Freude. Valtteri Bottas will keine große Sache aus seiner derzeitigen Leistung machen. Ob er der Mann der Stunde sei in der Formel 1? „Nun, ich habe definitiv ein gutes Momentum“, sagt er nur. 61 Punkte hat der Finne in den vergangenen drei Rennen gesammelt, zuletzt den Großen Preis von Österreich in Spielberg gewonnen. Keiner seiner Gegner ist seit Anfang Juni erfolgreicher gewesen.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So hat Bottas (136 Punkte) den Titelkampf in der Formel 1 zu einem Dreikampf zwischen ihm, seinem Mercedes-Teamkollegen Lewis Hamilton (151) und Sebastian Vettel (171, Ferrari) vor dem Großen Preis von Großbritannien an diesem Sonntag (14.00 Uhr MESZ / Live bei RTL, Sky und im Formel-1-Ticker bei FAZ.NET) werden lassen. Bottas ist nach Keke Rosberg, Mika Häkkinen und Kimi Räikkönen der vierte Finne, der Weltmeister werden kann. In Relation zu den Einwohnern ist keine andere Nation so erfolgreich in der Formel 1.

          Etwas mehr als fünf Millionen Menschen leben in Finnland, das mit vier WM-Titeln gemeinsam mit Österreich, Australien und Frankreich auf Platz fünf der Nationenwertung in der Formel 1 liegt. In der Geschichte dieser Rennserie haben nur Fahrer aus Großbritannien (16 Mal), Deutschland (12), Brasilien (8) und Argentinien (5) häufiger die Weltmeisterschaft gewonnen. Wer nach den Gründen für den finnischen Erfolg sucht, stößt unweigerlich auf ein Wort: sisu. Es ist eine Art Zauberwort im Finnischen, übersetzt bedeutet es so viel wie „Durchhaltevermögen“. Aber das greift zu kurz. Es steht für diese besondere Mentalität, die den Finnen nachgesagt wird, diese Fähigkeit stets an sich zu glauben – egal, wie groß die Aufgabe, wie übermächtig der Gegner erscheint. „Wir geben einfach nicht auf“, sagt Bottas.

          Der Finne will im Kampf um den WM-Titel mitreden.

          Vor der Saison zweifelten die Kritiker noch an seinen Fähigkeiten. Sein Wechsel von Williams zum Weltmeisterteam Mercedes, Nachfolger des zurückgetretenen Champions Nico Rosberg, fortan Seite an Seite mit Lewis Hamilton, dem womöglich härtesten Teamkollegen, den es in der Serie gibt – das schienen manch einem zu viele Herausforderungen für den Mann aus Nastola im Süden Finnlands. Bottas selbst zweifelte offenbar zu keinem Zeitpunkt daran, dass ihm dieser Schritt gelingen würde. Das jedenfalls sagen jene, die ihn nun seit Monaten bei seiner Arbeit begleitet haben.

          Im Gegenteil: Das Selbstvertrauen von Bottas ist durch seine jüngsten Erfolge weiter gewachsen. Genau wie das Interesse der Finnen an der Formel 1. Bei den Rennen schalten jeweils rund eine halbe Million Menschen ein, beim Europaauftakt in Barcelona waren es sogar 635.000 Zuschauer. „Es gibt definitiv einen Bottas-Effekt in Finnland. Die Leute lieben Siegertypen – und Valtteri ist einer“, sagt die Sportjournalistin Mervi Kallio vom TV-Sender MTV3.

          Schon in den sechziger Jahren hieß es: „If you want to win, hire a Finn.“ Bezogen war das vor allem auf den Rallyesport, der den Bedingungen des Lebens in Finnland nahe kommt. Mit langen und dunklen Wintern, Eis und Schnee, glatten Straßen. „Bei uns musst du ein guter Autofahrer sein, anders geht es nicht“, sagt Bottas. Etwa 5000 Rallyefahrer gibt es in Finnland, aber nur einige hundert, die sich bei Rundstreckenrennen versuchen.

          Bis heute haben es neun von ihnen in die Formel 1 geschafft: Leo Kinnunen war der Erste von ihnen – wenn auch nicht wirklich erfolgreich. In der Saison 1974 trat er in einem Surtees TS-16 Ford-Cosworth an, startete sechs Mal bei der Qualifikation – und scheiterte fünf Mal. Beim Großen Preis von Schweden blieb er dann jedoch nach zwölf Runden stehen. Es folgten Mikko Kozarowitzky, der für zwei Grand Prix gemeldet wurde, sich im Qualifikationstraining jedoch nicht durchsetzen konnte.  Beim Großen Preis von Großbritannien 1977 etwa fehlten ihm im March rund dreizehn Sekunden auf die Bestzeit von James Hunt. Dann kam Keke Rosberg, der eigentlich Zahnarzt werden wollte, allerdings beim Rennsport landete. 1978 debütierte er in der Formel 1, 1982 wurde er Weltmeister mit Williams. Es war der Beginn der finnischen Erfolgs-Saga. Kartbahnen entstanden überall im Land, und die Jungs wollten nicht mehr nur Eishockeyprofis, Skispringer oder Langläufer werden.

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          Bottas träumte schon als Kind davon, Rennfahrer zu werden. Nur mangelte es ihm an Unterstützern. Im Herbst 2007 bekam der heutige Mercedes-Teamchef Toto Wolff deshalb einen Anruf: „Es gibt einen ganz außergewöhnlichen Fahrer in der Formel Renault. Der fährt für ein finnisches Privatteam, man sieht, dass das Auto nicht geht – aber der fährt trotzdem immer vorne mit.“ Wolff war eine Zeitlang als Fahrermanager tätig, wollte zu dem Zeitpunkt damit aber eigentlich nichts mehr zu tun haben. Ein halbes Jahr später nahm er Bottas dennoch unter Vertrag. Zu groß war das Talent, waren die Hoffnungen, die mit dem Finnen verbunden waren. Als Bottas zu dieser Saison zu Mercedes wechselte, beendete Wolff die Management-Beziehung. Die Bewunderung für Bottas ist geblieben: „Es hat unfassbares Talent, und er hat so gut wie gar keine emotionalen Schwingungen. Das macht die Arbeit mit ihm sehr angenehm“, sagt Wolff.

          Nach der Saison enden die Verträge von Bottas und Räikkönen bei Mercedes und Ferrari. Während dies für den 37 Jahre alten Räikkönen tatsächlich das Karriereende bedeuten könnte, soll die Laufbahn von Bottas erst noch Fahrt aufnehmen. „Wir Finnen glauben fest daran, dass er ein künftiger Weltmeister ist“, sagt TV-Reporterin Mervi Kallio: „Man muss ihn sich doch nur ansehen – so ruhig, so selbstbewusst, so zielstrebig, er schaut überhaupt nicht, was die anderen machen, weil er weiß, was er selbst kann. Ein typischer Finne.“ Und die brauchen eben nicht viele Worte, sie lassen Taten sprechen. Auch Mercedes-Teamchef Toto Wolff ist davon überzeugt, er sagt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Die Wahrscheinlichkeit, dass wir den Vertrag mit Valtteri verlängern, liegt bei über 90 Prozent.“

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