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Vettels Sieg in Malaysia : Der Reifenflüsterer aus Heppenheim

  • -Aktualisiert am

Gefühlvoll: Nicht nur die Reifen seines Rennwagens behandelt Sebastian Vettel sachgemäß Bild: dpa

Zweiter Sieg im zweiten Rennen: Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel kann in die unberechenbaren Pneus hineinhören wie kein anderer. Es war das Meisterstück eines jungen Gesellen in einem neuen Kreisverkehr.

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          Es ist die alte Frage: Mensch oder Maschine? Teamchefs in der Formel 1 neigen dazu, ihr sogenanntes „Gesamtpaket“ in den Mittelpunkt zu stellen, am liebsten eine Vermischung von Rennwagen und Fahrer. Der Cyborg „Redvettel“ aber blieb diesmal in der Garage. Kurz nach dem Großen Preis von Malaysia am Sonntag in Sepang sprach Red-Bulls Chefstratege Christian Horner spontan vom kleinen, entscheidenden Unterschied auf dem Weg zum zweiten Saisonsieg seines Rennstalls, dem zweiten Triumph von Sebastian Vettel im Cockpit anno 2011: „Sebastian war der coolste da draußen. Seine Art, wie er das Rennen kontrolliert hat, wie er nach den Reifen schaute“, sagte Horner und schwärmte: „Wir hatten die Möglichkeit, drei oder vier Stopps zu fahren, er gab uns diese Chance, es war eine großartige Fahrt.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Es war das Meisterstück eines jungen Gesellen in einem neuen Kreisverkehr. „Das ist eine andere Formel 1“, schilderte Vettel die komplizierte Renngeschichte. In der ersten Reifenschlacht des Jahres bewies der Heppenheimer vor Jenson Button (McLaren) und dem überraschenden Dritten, Landsmann Nick Heidfeld (Renault), ein besonderes Feingefühl für den von der Formel 1 gewollt schnellen Haftungsverlust der Pneus. „Man muss mal Tempo machen, mal Gas herausnehmen“, erklärte Vettel den Balance-Akt über gut 300 Kilometer. „Das ist sehr schwierig“, fügte Button hinzu, „wenn du zu lange wartest, zu aggressiv bist, kann es schnell vorbei sein.“ Mit der guten Hoffnung.

          Buttons Teamkollege Lewis Hamilton hatte beim Start Rang zwei an den Sprinter Heidfeld verloren. „Plötzlich“, schilderte Vettel, „tauchte da etwas Schwarzes in meinem Rückspiegel auf.“ Das war nicht nur der geschätzte Mönchengladbacher im Renault, von Position sechs über die Außenbahn eingeflogen, sondern gleichzeitig auch ein willkommener Schutzschirm auf Rädern. Vettel konnte sich absetzen, Hamilton blieb hinter dem langsameren Renault hängen. Erst nach dem ersten Reifenwechsel rückte der Engländer, weil Heidfeld in der Box aufgehalten wurde, wieder in die beste Verfolgerrolle. Dem Duell von Melbourne, so sah es aus, würde ein zweites folgen. Aber Hamilton verlor die Bodenhaftung. „Der letzte Reifensatz war schlecht“, behauptete der Weltmeister von 2008. Vielleicht. Er musste ein viertes Mal abbiegen und sechs Kollegen fahren lassen: Vorerst Siebter.

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          „Reifenflüsterer“ werden sie nun Vettel hinterherrufen. Weil der Hesse schon am Samstag gefühlvoll die Voraussetzung für seinen Sieg geschaffen hatte: Mit der Pole-Position als Ergebnis einer Extraportion Fahrklasse und dank eines besonderen Reifen-Sparprogramms. Von den schnellsten Fünf beim Startplatzrennen setzte er sein begrenztes Pneu-Reservoir am wenigsten ein (zwölf Runden). Das war der erste Vorteil für die durchaus anstrengende Sonntagsfahrt: „Das große Geheimnis ist die richtige Behandlung der Reifen“, erzählte Vettel: „Als Rennfahrer will man ja von Natur aus so schnell wie möglich sein. Aber man muss vorhersehen können, was passiert. Da kommt viel Taktik ins Spiel.“

          Und Spannung? Der britische Fernsehsender BBC jubelte noch während des Grand Prix über ein neues Spektakel: „Jede Menge Überholmanöver!“ Stimmt. Was aber ist eine Vorbeifahrt mit frischen Reifen an einem Kollegen mit alten? „Meistens kein großes Problem“, sagt Button zu den Folgen unterschiedlicher Strategien. Und so gab es nicht viele Manöver von besonderer Spannung. Der Zweikampf zwischen Fernando Alonso und Hamilton aber hatte es in sich. Bis der Ferrari-Star, immerhin zweimal Weltmeister, ein Stück seines Frontflügels an Hamiltons rechtem Hinterrad abbrach. Deshalb wurde der Spanier nur Sechster statt Dritter, behielt diesen Rang aber trotz einer zusätzlichen Zeitstrafe von zwanzig Sekunden. Hamilton, dem Experten am Sonntag nachsagten, er habe sein Reifenproblem selbst kreiert, verlor seinen siebten Rang noch an den Japaner Kamui Kobayashi im Sauber – wegen Zick-Zack-Fahrens vor Alonso.

          Schon in China gibt es Neuteile für Red Bull und McLaren

          Die größte Reife auch bei den Reifen bewies also der jüngste Weltmeister im Feld. Nach zwei Rennen führt er die Fahrerwertung mit 50 Punkten vor Button (26) an. „Und wir vergessen dabei, dass er erst 23 Jahre alt ist“, fiel Horner noch zu Vettel ein: „Er kriegt ja gerade mal einen Mietwagen. Er wird noch viel mehr Erfahrung bekommen und besser werden.“ Einen größeren Reifeprozess hat Michael Schumacher (9.) wohl nicht mehr nötig. Aber sein Dienstwagen. Seit Sonntag steht fest, dass der Mercedes W02 im Renntrimm noch mehr Rückstand hinter dem Topmodell von Red Bull hat (rund 1,5 Sekunden) als im Qualifikationstraining (1). Schumacher und Teamkollege Nico Rosberg (12.) setzen tapfer auf ein Entwicklungsprogramm, das aber größere Operationen und eine Bereitstellung von angemessenen Ressourcen nötig macht, wenn man denn mit den Großen um die Wette fahren will.

          Red Bull und McLaren werden am nächsten Wochenende in China jedenfalls wieder einige Kisten und Pakete mit neuen Teilen anschleppen, geschickt aus den unermüdlichen Produktionsstätten. „Wir müssen weiter Druck machen“, forderte Vettel. Der Hinweis wäre nicht nötig gewesen, weil sein Red Bull-Konstrukteur schon am vergangenen Freitag am liebsten ganze Container bestellt hätte. Adrian Newey, hieß es im Fahrerlager, habe schon nach dem ersten Training den Kopf geschüttelt und gesagt: „Wir brauchen neue Teile.“ Recht hat er. Zumindest ein rundherum funktionierendes Kers. Das Energie-Rückgewinnungssystem versagte im Auto von Mark Webber (4.). Vettel durfte es zwischenzeitlich nicht benutzen. Dass er trotzdem seinen Vorsprung in dieser heiklen Phase noch vergrößerte, bestaunten selbst alte Hasen im Fahrerlager. Der Pilot aber huldigte der Technik. „Wenn ich Kers am Start nicht gehabt hätte, dann wäre es sicher ein ganz anderes Rennen geworden. Das war der Unterschied heute.“

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