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Formel 1 : Vettel will den Druck genießen

  • -Aktualisiert am

Der Blick nach vorne gerichtet, abr leicht gestört: Sebastian Vettel kämpft mit Ferrari um die WM -Chance Bild: AFP

In der Formel 1 geht es um Maschinen. Und darum, wer sich unter psychischer Belastung stärker steigern kann. Hamilton versucht in Belgien, den Stress auf Vettel umzuleiten.

          Die Tonlage und das Mienenspiel passen nicht zu den Worten von Lewis Hamilton. Gelassen steht der viermalige Formel-1-Weltmeister im Motorhome von Mercedes und spricht über die psychische Belastung in seinem Sport. Sein Gesicht spiegelt dabei sein Leben in den vergangenen drei Wochen: Freizeit, Urlaub, Entspannung, tun, was einem in den Sinn kommt. Zum Beispiel das Smartphone tagelang im Hotelsafe lassen. Hamilton, der Social-Media-Star der Szene, sagt, er habe diese selbstgewählte Isolation von seinem Netzwerk genossen. Im Fahrerlager von Spa-Francorchamps findet er am Donnerstag zurück in seine Spur: „Ich verspüre großen Druck“, sagt der Mercedes-Pilot vor dem Großen Preis von Belgien an diesem Sonntag (15.10 Uhr/F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1).

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Man sieht ihn Hamilton nicht an. Aus der Statistik der Saison lässt er sich nicht herauslesen. Der Engländer führt nach zwölf von 21 Grand Prix mit 24 Punkten vor Sebastian Vettel die Fahrerwertung an. Er hat die vergangenen beiden Rennen gewonnen, er steuert auf den fünften Titel zu. Der Druck scheint ihm willkommen: „Ich möchte das auch gar nicht anders.“ Also lieber annehmen, verarbeiten und vielleicht etwas weiterreichen. „Wir wollen uns weiterentwickeln wie nie zuvor“, fügt Hamilton hinzu und spricht Vettel wie Ferrari so an, als spekulierte er auf eine Druckumlenkung: „Sie haben seit einiger Zeit keinen Titel mehr geholt.“

          Zehn Jahre ohne Titel

          Das tut weh. Die Finger beider Hände reichen den Ferraristi so gerade, in Jahresschritten zurück zu zählen bis zur jüngsten Meisterschaft: 2008. Eine Dekade später sind die Italiener mit ihrem deutschen Chefpiloten so nahe dran wie seit 2010 nicht mehr. Der Ferrari war zuletzt deutlich schneller als der Silberpfeil auf den Geraden. Mercedes’ Teamchef Toto Wolff wird kaum müde, darauf zu verweisen, auf die Leistung der Menschen in der und um die Maschine. Gleichzeitig wächst mit dieser Botschaft die Erwartung an Vettel. Wenn der doch das bessere Auto fährt. Zumindest stimmt die einfache Rechnung. Vettel läge in der Fahrerwertung vorn, wäre er beim Heim-Grand-Prix in Hockenheim nicht als Führender auf nasser Piste ins Abseits gerutscht.

          Der große Rivale: Lewis Hamilton verbreitet Zuversicht

          Der Heppenheimer leistete sich in dieser Saison bislang zwei erkennbare wie schmerzhafte Fehler. Vettel zuckt mit den Schultern. „Ich würde gerne noch einmal bremsen in Hockenheim“, sagt er leicht gequält. Dann nimmt er verbal Fahrt auf, schaltet hoch bis zum letzten Gang, mit dem Gaspedal im Anschlag. „Es hat in der Vergangenheit schon mal viel schlechter ausgesehen“, sagt er. „Dennoch ist es uns gelungen, mit gutem Speed zurückzuschlagen. Mein Plan ist es, Rennen zu gewinnen. Am besten fangen wir am Sonntag an.“

          Formel-1-Pilot, kommst du nach Spa: Da lacht das Herz der Rennfahrer. Der Kurs ist einer der letzten traditionellen im Kalender der Formel 1, mit Ecken und Kanten. Gut gesichert, aber noch immer ein Abenteuer unter Piloten mit einem Faible für Grenzerfahrungen. „Pouhon“, sagt Hamilton, „wird spannend. Sie geht vielleicht mit Vollgas.“ Eine Doppel-Linkskurve nach einer kurzen, steilen Talfahrt über 56 Höhenmeter. Hamilton beantwortete seine Frage am Freitag. Sie geht voll. 290 Kilometer pro Stunde zeigte die Messung an. Und bestätigte, warum die Fahrer in Spa ihre Freude haben an der neuen Boliden-Generation, mit viel Abtrieb, Haftung und im besten Fall fast 1000 PS im Rücken. „Das macht Spaß, es zieht schon gewaltig am Körper in den schnellen Ecken“, erzähl Vettel.

          Ob der Generalstabsplan während der Berg- und-Talfahrt im hohen Venn leidet, die WM-Strategie unter der Leidenschaft der jungen Männer in ihren fliegenden Kisten? „Ich habe keinen Plan“, behauptet Hamilton und verrät ihn: „Ich plane ohnehin nicht so viel. Meine Herangehensweise hat sich in den vergangenen Rennen nicht groß verändert. Ich will einfach nur so weitermachen wie zuletzt.“ Mit Siegen auf fremden Terrain.

          In Hockenheim profitierte Hamilton vom Fahrfehler seines Rivalen. In Ungarn von einem Regenguss zur rechten Zeit. Es war Glück im Spiel. Aber Hamilton griff jedes Mal zu. Er fährt 2018 soweit erkennbar fehlerlos, teils auf höchstem Niveau. In Spa scheint ihm die Laune der Natur den Weg wieder zu erleichtern. Nach der Sommerpause hat der Sommer eine Pause genommen für das Wochenende. Um zehn auf 18 Grad Celsius fiel die Temperatur am Freitag. Mercedes-Wetter, weil der Silberpfeil in der Frühherbstfrische die Reifen leichter ins beste Haftungsfeld bringt als der unter Hitze dahinrauschende Ferrari. Zudem fühlt der Engländer eine neue Kraft hinter sich. Die letzte Ausbaustufe des Hybrid-Antriebs in dieser Saison. Ein Versuch, Ferrari auf diesem Gebiet näher zu kommen.

          Mercedes spricht von einer Steigerung. Aber Vettels neues Modell, zuletzt von den Kundenteams in Ungarn getestet, soll auch nicht schwächer geworden sein. „Alles wie erwartet“, sagt Vettel nach dem Training am Freitag mit Rang eins und fünf. Dann bliebe das Kräfteverhältnis unverändert. Ferrari hätte auf den langen Geraden einen Vorteil, erst in Spa, dann in der nächsten Woche auf dem Hochgeschwindigkeitskurs von Monza. Vettel vertraut auf seine Chance, das Blatt peu à peu aus eigener Kraft zu wenden. Aber der Spielraum ist schon neun Rennen vor Ende der Saison eng geworden: „Wir müssen alle Gelegenheiten nutzen“, sagt Vettel. In der Vergangenheit beherrschte er dieses Spiel, bewies besondere Stärke unter extremem Druck. Hamilton scheint dieses Duell jenseits von Motorenstärke und Reifenhaftung zu motivieren: „Wenn wir gefordert werden, dann können wir Menschen Herausragendes leisten. Wir sind zu mehr fähig als sonst. Das macht diesen Zweikampf so spannend.“

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