https://www.faz.net/-gtl-9rnb7
Bildbeschreibung einblenden

Ferrari-Zwist : Miteinander und gegeneinander

Äußerlich Teamkollegen, innerlich auch Konkurrenten: Sebastian Vettel (l.) und Charles Leclerc Bild: dpa

Einstweilen herrscht bei Ferrari wieder Ruhe. Doch das Duell zwischen den Teamkollegen Sebastian Vettel und Charles Leclerc ist toxisch. Zwischen den Zeilen hört man die Unzufriedenheit – beider.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Ferrari gewinnt wieder. Auf einer Strecke, auf der man bestenfalls mit einem Podiumsplatz rechnen durfte, war der Doppelsieg von Singapur ein Triumph richtiger Grundsatzentscheidungen und einer riskanten, aber logischen Rennstrategie. Und die sorgte für Gewitter im Rennstall der Herzen. Und für interne Aussprachen, nicht zum ersten Mal. Teamchef Mattia Binotto musste seine Fahrer in Australien, China, Spanien, Belgien und Italien die Taktik erklären. Einer ist immer unzufrieden. Seit Charles Leclerc zu Saisonbeginn zur Nummer zwei erklärt wurde, reagiert er empfindlich auf jeden Boxenbefehl, der diesen Eindruck erwecken könnte. Vor allem nachdem er begonnen hat, seinem berühmten Teamkollegen Sebastian Vettel den Rang abzulaufen. Nach den zwei Siegen in Spa und in Monza spekulierten nicht wenige damit, dass die Hackordnung auf den Kopf gestellt sei. Ein dritter Sieg in Folge hätte Leclercs Anspruch untermauert.

          Deshalb war Sebastian Vettels Sieg nach 392 Tagen ein Statement, dass er noch da ist. Dass er den Willen hat, diesen Ferrari SF90 seinem Fahrstil anzupassen, dass er sich von einem 21-jährigen Wunderkind nicht einfach wegnehmen lässt, was er vier Jahre lang aufgebaut hat. Doch Vettels 53. Grand-Prix-Sieg war für Ferrari kein Tag der Harmonie. Eine Regieanweisung verlangte nach Erklärungen. Nicht Spitzenreiter Leclerc bekam den ersten Boxenstopp, sondern der drittplazierte Vettel. Das geht im Normalfall gegen alle Regeln der Strategie. Der besser plazierte Fahrer bekommt die bessere Taktik. Davon wird nur in Ausnahmefällen abgewichen. Singapur war so eine Ausnahme. „Bei so viel Unsicherheitsfaktoren holst du nicht den Führenden an die Box. Charles hätte nur verlieren können. Sebastian hatte die Chance, Hamilton mit dem früheren Boxenstopp zu überholen. Und wir mussten ihn vor Verstappen schützen, von dem wir wussten, dass er mit uns an die Boxen kommen würde“, erklärte Binotto die Entscheidungsgrundlagen seines Chefstrategen Inaki Rueda.

          „Wir hatten nie die Absicht, intern Plätze zu tauschen“

          Man erwartete, dass Vettel 2,5 Sekunden gewinnt, Leclerc nach seinem Reifenwechsel vor Vettel bleibt. „Es waren aber 3,9 Sekunden. Wir hatten nie die Absicht, intern Plätze zu tauschen“, versicherte Binotto seinem meuternden Jungstar. Sogar Leclerc musste einsehen: Der Plan war aus Sicht des Teams richtig. Nur er garantierte einen Doppelsieg. Hätte Ferrari zuerst Leclerc an die Box geholt, hätte der zwar gewonnen, aber Vettel wäre nur Vierter geworden. Leclerc gab sich mit der Erklärung zufrieden, doch man sah, wie es in ihm arbeitete. Er hätte am liebsten selbst die Frage gestellt, die an Binotto herangetragen wurde. Warum hat Ferrari später nicht einen Platztausch angeordnet und den Fahrer belohnt, der das Auto zum dritten Mal in Folge auf die Pole Position stellte? Man habe darüber nachgedacht, antwortete Binotto, den Gedanken aber wieder verworfen.

          In Sotschi aber muss Vettel einen Rückschritt erleiden: Im Training ist sein Ferrari deutlich langsamer als der von Teamkollege Leclerc. Und im Qualifying?

          Gründe nannte er nicht. Man kann sie sich denken: noch mehr Unruhe im Team. Vettel hätte wohl weggehört, weil der Sieg zu wichtig für ihn war. Das wusste Binotto. Er hat nichts davon, wenn einem Fahrer alles gelingt und der andere frustriert ist. Vettel sollte für das Risiko belohnt werden. Ihm wurde in Spa ein dritter Platz geopfert, damit er Hamilton blockiert, um Leclerc genug Luft für seinen ersten Sieg zu verschaffen. Er bekam in der Qualifikation in Monza keinen Windschatten vom Teamkollegen, was ihn wohl die Pole Position gekostet hat.Vettel musste Schützenhilfe leisten, ohne etwas dafür zu bekommen. Er zog Leclerc zur Trainingsbestzeit, zum Grundstein für den Sieg. Leclerc war das in Singapur egal. Ayrton Senna, Michael Schumacher und Lewis Hamilton haben es in jungen Jahren genauso gemacht. Leclerc weiß, dass der Sieg den Teamkollegen aufbaut, in einer Phase, in der Vettel sich langsam mit seinem Ferrari anfreundet: „Die letzten Änderungen gingen in die richtige Richtung. Ich habe jetzt mehr Vertrauen ins Auto.“

          Fünf Tage später in Sotschi sagt Leclerc, das Team habe alles richtig gemacht, seine Reaktion am Funk sei „nicht so, wie sie sein sollte“, gewesen. „Das wird nicht wieder passieren.“ Abwarten. Binotto stehen heiße Wochen bevor. Wenn Vettel zu konstanter Form findet, stehen noch mehr heikle Entscheidungen an.

          Privat kommen Vettel und Leclerc ordentlich miteinander aus. Der eine lobt die Verdienste und Qualitäten des anderen. Noch nie kam es zu persönlichen Anfeindungen. Nur hin und wieder werden kleine Seitenhiebe eingestreut, ohne jedoch den Adressaten anzugeben. Man muss ihn sich denken. Als Leclerc nach seiner Trainingsbestzeit anmerkte, er hätte in die Runde noch zwei Beinahe-Unfälle eingebaut, wollte er Vettel sagen: Ich bin auch mit Fehlern schneller als du. Vettel revanchierte sich nach dem Rennen mit der Feststellung: „Niemand ist größer als dieses Team. Wer das glaubt, befindet sich auf dem Holzweg.“ Wer war damit wohl gemeint?

          Das Qualifying zum Großen Preis von Russland ab 15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker

          Formel 1

          Weitere Themen

          Ferrari flucht

          Formel 1 in Brasilien : Ferrari flucht

          Verrücktes Finale beim Formel-1-Rennen in São Paulo: Die beiden Ferrari-Piloten schießen sich gegenseitig ab und scheiden nach der Kollision aus. Der Zoff der Stallrivalen bei der Scuderia eskaliert endgültig.

          Emotionaler Abschied von Uli Hoeneß Video-Seite öffnen

          „Ich habe fertig“ : Emotionaler Abschied von Uli Hoeneß

          Seit 1970 war Hoeneß als Spieler, Manager oder Präsident beim FC Bayern tätig und wurde in dieser Zeit zu einer polarisierenden Persönlichkeit des deutschen und internationalen Fußballs. Am Freitag war es für den Weltmeister von 1974 an der Zeit, zu gehen.

          Topmeldungen

          Formel 1 in Brasilien : Ferrari flucht

          Verrücktes Finale beim Formel-1-Rennen in São Paulo: Die beiden Ferrari-Piloten schießen sich gegenseitig ab und scheiden nach der Kollision aus. Der Zoff der Stallrivalen bei der Scuderia eskaliert endgültig.
          Bleibt mehr Geld von der Betriebsrente?

          Betriebsrenten : Zusatzrente vom Chef

          Die Regierung macht Betriebsrenten attraktiver: Künftig werden weniger Krankenkassenbeiträge fällig. Vier Millionen Rentner dürfen sich freuen. Und was ist mit dem Rest?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.