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Sieg bei Formel 1 in Belgien : Vettels Kraftquelle

  • -Aktualisiert am

Sebastian Vettel feiert nach dem Rennen mit seinen Ferrari-Kollegen. Bild: AFP

Der Deutsche gewinnt den Großen Preis von Belgien vor Konkurrent Hamilton. Der Sieg in Spa zeigt Ferraris Stärke – und in der ersten Kurve zeigt sich bei einem spektakulären Unfall, wie wertvoll der „Halo“-Bügel ist.

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          Ob Sebastian Vettel seiner Siegertrophäe einen besonderen Platz einräumt? Sie zeigt einen Herrn im Frack, mit Zylinder und Stock. Er grüßt freundlich und lädt zum guten Schluck ein: Prost. Der Sieger des Großen Preises von Belgien am Sonntag reckte den weltberühmten Whiskybotschafter in die Höhe. Im Namen des Internationalen Automobil-Verbandes, der überall seine Sicherheitskampagne im Straßenverkehr promotet, mussten die drei schnellsten Formel-1-Rennfahrer in Spa-Francorchamps nolens volens Reklame für Hochprozentiges machen. Grid-Girls sind nicht mehr erwünscht. Im Moment des Triumphes war es dem Deutschen wohl einerlei. Er ließ Lewis Hamilton im Mercedes hinter sich und den Niederländer Max Verstappen (Red Bull). Vettel reduzierte seinen Rückstand in der Fahrerweltmeisterschaft hinter Hamilton mit seinem fünften Saisonsieg auf 17 Punkte.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Spa ist eine Reise wert für Freunde des gepflegten Chaos. Kurz nachdem sich die Formel 1 in Reih und Glied aufgestellt hat, alle Details für das Rennen von Spezialisten durchgerechnet, jede Handlung vorbesprochen ist, kommt im Hohen Venn die erste Kurve als Klippe ins Spiel. Bezeichnenderweise heißt sie La Source, „die Quelle“. Für Vettel kam das Rennen hier in Schwung. Er saß Hamilton, dem Schnellsten im Qualifying, im Nacken und bereitete das Überholmanöver durch die Eau-Rouge-Senke vor. „Es ist alles nach Plan gelaufen. Das Timing ist wesentlich. Ich wusste, dass ich meine Chance bekomme.“

          Auf der Kemmel-Geraden zog der Hesse auf gleiche Höhe, vor der Schikane Les Combes übernahm er die Führung. Und musste vom Gas gehen. Denn „La Source“ war auch die Quelle einer heftigen Kaltverformung, eines Verschrottungsprozesses in Sekundenschnelle. „Ich weiß auch nicht, wie man sich so heftig verbremsen kann“, sagte Fernando Alonso. Eigentlich will der Spanier erst zum Ende der Saison die Formel 1 verlassen. Am Sonntag sah es so aus, als sollte sein Abflug beschleunigt werden.

          Schon in der ersten Kurve kommt es zu einem schweren Unfall auf der Rennstrecke in Spa.

          Nico Hülkenberg schob den McLaren des zweimaligen Weltmeisters mit Gewalt auf das Heck von Charles Leclerc im Sauber. Der Bolide rasierte den hinteren Flügel ab und sauste über das ansteigende Heck wie auf einem Abschlusskatapult in die Luft, ehe er kurz vor dem Cockpit des Franzosen wieder zur Erdung ansetze, als Wrack. Alle Beteiligten blieben unverletzt. Der sogenannte „Halo“, ein Ring um das halbe Cockpit oberhalb des Helms, hat Leclerc geschützt. Große Kratzspuren deuten an, was hätte passieren können, wenn der Bügel den McLaren nicht abgelenkt hätte.

          „Über den Sinn des Halo brauchen wir nicht mehr zu diskutieren“, sagte Alonso. Hülkenbergs Fauxpas wurde dagegen noch verhandelt. Reumütig bat er um Nachsicht: „Wer drauffährt, hat Schuld.“ Neben ihm mussten Alonso und Leclerc direkt aufgeben, Kimi Räikkönen im zweiten Ferrari und Daniel Ricciardo (Red Bull) wurden durch Kollateralschäden zurückgeworfen und gaben später auf. Die Streckenkommissare verurteilten Hülkenberg zu einer Strafversetzung um zehn Plätze in der Startaufstellung von Monza am kommenden Sonntag.

          Renault-Pilot Fernando Alonso bleibt beim Unfall glücklicherweise unverletzt.

          An der Spitze des Feldes entwickelte sich der Kampf um den Sieg schnell zu einem Duell zwischen Vettel und Hamilton. Der Heppenheimer kontrollierte das Rennen nach dem „fliegenden“ Neustart, bis Mercedes einen „Undercut“ versuchte. Hamilton wurde vor Vettel zum Reifenwechsel zur Box gelotst. Mit einer letzten schnellen Runde, einem schnellen Boxenstopp und einer Tour auf frischen Reifen wollte die deutsch-englische Fahrgemeinschaft die Scuderia aus der Reserve locken. Ferrari reagierte sofort, rief Vettel in der folgenden Runde zum Service. 1,9 Sekunden kam der viermalige Weltmeister vor seinem stärksten Rivalen auf die Piste zurück. Das reichte, erstaunte aber gleichzeitig.

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          Hamilton hatte 1,6 Sekunden aufgeholt. Die neue Nähe deutete auf eine Attacke hin. Wenn der Abstand nur noch eine Sekunde beträgt, darf der Hintermann in bestimmten Zonen den Heckflügel flach stellen. Der geringere Luftwiderstand reicht dann häufig für einen Positionskampf. Aber Vettel ließ es nicht so weit kommen. Auf der langen Kemmel-Gerade setzte er sich von Hamilton ab. „Lewis hat schon Druck gemacht. Aber im zweiten Abschnitt habe ich das Rennen kontrolliert.“ Der Ferrari-Pilot gab damit eine Antwort auf die Frage des Wochenendes: Hat Mercedes mit der letzten Ausbaustufe des Hybrid-Antriebes Ferraris Kraft-Vorsprung ausgeglichen? Offenbar nicht.

          „Er ist auf der Geraden einfach vorbeigefahren“, schilderte Hamilton etwas indigniert. Auch die Italiener fuhren in Spa erstmals mit der dritten Spezifikation. Wenn Mercedes ein Fortschritt gelungen ist, dann wohl auch der Scuderia. Der Ferrari ist auf den Geraden schneller. Mercedes baute vier Jahre das Topmodell der Szene. Intern wird die Ferrari-Stärke kein Vergnügen verbreiten. Aber Mercedes nutzt die Situation für seine sportpolitische Position in der Diskussion um den Erhalt des Systems: Seht her, unser Vorsprung war nicht betoniert auf ewig.

          Aber außer Ferrari kommt niemand mit. Valtteri Bottas fegte durch das Feld im zweiten Silberpfeil. Wegen eines Antriebwechsels über das erlaubte Kontingent hinaus hatte der Finne von Rang 17 aus starten müssen. Er wurde noch Vierter. Deshalb will Red Bull die Motoren-Formel aufweichen und abrüsten. Mit dem Renault im Heck hatte Max Verstappen als Dritter 31 Sekunden Rückstand im Ziel. „Wir haben den Speed, alles läuft nach Plan“, sagte Vettel mit Blick auf die nächsten Rennen. Die Ferraristi werden diese Worte mit Genugtuung und Vorfreude zur Kenntnis nehmen. Denn bei der Heimfahrt am nächsten Wochenende in Monza spielt die Antriebsstärke eine noch größere Rolle. Im Umkehrschluss heißt das: Ferrari kann viel verlieren.

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