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Vettel gewinnt in Singapur : Zurück im Titelkampf

  • -Aktualisiert am

So schmeckt der Erfolg: Vettel gibt der Erleichterung ein Gesicht Bild: AFP

In der Hitze der Nacht von Singapur nutzt Vettel Hamiltons Ausfall und fährt sich wieder frei. Nach seinem Sieg liegt er auf Rang zwei der WM-Wertung. Schumacher rauscht in seinen Vordermann, fällt aus und wird bestraft.

          3 Min.

          Ob Sebastian Vettel Druck braucht? Immer, wenn es eng wird für den Formel-1-Piloten, dann befreit er sich mit einer großen Sause. Das war schon vor zwei Jahren auf dem Weg zum ersten Weltmeistertitel so. Am Sonntag gewann der Hesse in seinem Red Bull den Großen Preis von Singapur vor Jenson Button (McLaren) und Ferrari-Star Fernando Alonso. Sein Jubel im Bordfunk über den zweiten Saisonsieg beantwortete Teamchef Christian Horner mit der Nachricht des Abends: „Wunderschön gemacht. Du bist zurück im Rennen um den Titel.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Nach vierzehn von zwanzig Grand Prix liegt Vettel nun wieder auf Rang zwei der Fahrerwertung mit allerdings noch 29 Punkten Rückstand hinter Alonso (194). Dritter bleibt Lotus-Pilot Kimi Räikkönen (149). Bedauernswerter Verlierer des Tages wurde Lewis Hamilton. Er blieb in Führung liegend mit einem technischen Defekt liegen und fiel auf Rang vier im Titelkampf zurück (142). „Phantastisch“; sagte Vettel, „ohne Lewis‘ Problem wäre es wohl schwer geworden, zu gewinnen, aber nicht unmöglich.“

          In der Formel 1 geht es zurzeit hitziger zu als sonst. Im letzten Drittel der Saison bündeln die Rennställe noch einmal alle Kräfte. Jedes Überholmanöver in der Konstrukteurswertung verspricht einen zusätzlichen Millionen-Gewinn aus der Prämienkasse. Und so schwitzten die Strategen in den Schaltzentralen vor ihren Computern am Sonntagabend nach einem guten Drittel des Grand Prix bei 30 Grad Celsius. Denn es sah schnell nach einem kniffligen Strategiespiel und weniger nach packenden Rad-an-Rad-Duellen aus.

          Beim Start hatten Vettel und Button Pastor Maldonado im Williams überholt und sich auf Rang zwei und drei hinter dem Führenden Hamilton eingerichtet. So raste das Feld durch die Stadt, und doch bewegte sich wenig – aus Sicht der Zuschauer. Aber in den Hirnen der Taktiker liefen die Szenarien ab: drei Stopps oder doch nur zwei? Was wird Hamilton manchen, um dem näher kommenden Vettel zu entwischen? Bei McLaren rauchten die Köpfe, bis ein Wölkchen über dem Heck des Autos aufstieg in der 24. Runde und alle Kalkulationen überflüssig machte: Feierabend.

          Begossener Pudel: Lewis Hamiltons trauriger Abgang nach Getriebeschaden an seinem Mercedes Bilderstrecke
          Begossener Pudel: Lewis Hamiltons trauriger Abgang nach Getriebeschaden an seinem Mercedes :

          Aus Hamiltons Sicht fühlte sich der lähmende Moment so an: Beschleunigung auf der Geraden auf 250, 260, 267, brutales Runterbremsen auf 100, durch die Kurve und wieder rauf aufs Gaspedal, den gewaltigen Vortrieb des Motors spüren. Hamilton schaltet, doch der Schub im Scheinwerferlicht bleibt aus: Tempo 95, 70, 50, null, aus. Der Engländer, so sah es aus, wusste nicht recht, wie ihm geschah. Langsam ging er zum Sicherheitsausgang, die Hände auf dem Rücken verschränkt wie ein nachdenklicher Spaziergänger in der Nacht. Ob ihm eine Fehlschaltung in den Sinn kam? Am Samstag hatte sich ein Getriebeschaden angedeutet. Weil McLaren auf die mit einem Wechsel verbundene Rückstufung in der Startaufstellung um fünf Plätze verzichten wollte, spielte man mit dem Risiko.

          Schumacher wird strafversetzt

          Das Publikum dankte. Als nichts mehr ging, kam der Grand Prix richtig in Gang. Mit einem Unfall des überforderten Narain Karthikeyan, der nach einem seitlichen Aufprall in der 33. Runde gegen die Leitplanken zur eigenen Verblüffung feststellte: „Da muss etwas gebrochen sein.“ Sieh an. Weil der HRT im Weg stand, rückte das Sicherheitsfahrzeug aus und die Boliden ein zum eiligen Boxenstopp. Umgerüstet auf den nächsten Satz Reifen und wieder verdichtet auf Sekundenabstände zwischen dem Führenden Vettel, Button und den Folgenden bot die Formel 1 vor rund 60.000 Zuschauern nun die aufregendste Phase.

          Um Haaresbreite schoss der Brite kurz nach der Freigabe zum „fliegenden“ Neustart am Heck von Vettels Red Bull vorbei. Weil der Hesse das Gaspedal gelupft hatte? Button klagte über Funk. Doch ehe es zum Streit kommen konnte, flogen andernorts schon die Fetzen. Wie ein klassischer Auffahrer zerkleinerte Michael Schumacher mit seinem Silberpfeil das Heck des Toro Rosso von Jean-Eric Vergne in der 39. Runde. Der Franzose nahm die krasse Verkürzung gefasst hin – mit einem Klaps auf die Schulter des Unfallverursachers. Der rätselte noch verärgert: „Was passiert ist, muss ich analysieren. Ich habe definitiv nicht zu spät gebremst, sondern eher einen Ticken früher als ich das normalerweise tue. Aber es hat nicht verzögert. Ich muss rausfinden, was los ist. Vielleicht war der Reifendruck zu tief, oder das Auto hat aufgesetzt. Es tut mir leid für Jean-Eric.“ Schumacher wird wegen des Crashs beim nächsten Grand Prix in Japan um zehn Startplätze zurückversetzt. Die Strafe fiel deshalb so hart aus, weil es bereits Schumachers zweites Vergehen in dieser Saison war. In Barcelona war er im Mai zum Schuldigen für einen Unfall mit Williams-Fahrer Bruno Senna erklärt worden.

          Manche kämpfen um ihre Zukunft

          Auch nach der zweiten Safety-Car-Phase boten die Piloten ein Spektakel. Williams-Pilot Bruno Senna zwang Ferrari-Mann Felipe Massa (8.) so in die Enge, dass der Brasilianer nur mit artistischem Einsatz seinen ausbrechenden Boliden von der Mauer fernhalten und einfangen konnte. Dann verlor Sérgio Perez (11.) bei einem Scharmützel mit dem Force India von Nico Hülkenberg (14.) Teile seines Frontflügels. Der Japaner Kamui Kobayashi (Sauber/13.) demolierte schließlich den Dienstwagen von Vettels Teamkollegen Mark Webber (10.). „Die Teams“, kommentiert der frühere Grand-Prix-Pilot David Coulthard die Aggressivität, „schauen sich ihre Piloten jetzt noch mal genau an.“ Manche kämpfen um ihre Zukunft.

          Einer hielt sich fein raus – mit Ansage. Alonso sah das Schauspiel am Sonntag aus einer gewissen Distanz: „In Monza hat Lewis gewonnen und Sebastian ist ausgefallen. Hier war es umgekehrt. Solange das so bleibt und ich Punkte sammele, bin ich glücklich.“ Als Gewinner durfte sich auch Timo Glock fühlen. Er wurde erstmals in diesem Jahr Zwölfter. Damit kletterte sein Team Marussia erstmals vorbei an Caterham auf Rang zehn, in die Klasse der Prämienberechtigten. Bleibt es dabei bis zum Saisonende, dann wäre das Resultat Millionen Dollar wert.

          Großer Preis von Singapur

          Endstand nach 59 statt 61 Runden (Zeitlimit überschritten):
          1. Sebastian Vettel (Heppenheim) Red Bull 2:00:16,144 Std. (Schnitt: 149,250 km/h);
          2. Jenson Button (England) McLaren Mercedes + 8,959 Sek.;
          3. Fernando Alonso (Spanien) Ferrari + 15,227;
          4. Paul di Resta (Schottland) Force India + 19,063;
          5. Nico Rosberg (Wiesbaden) Mercedes + 34,784;
          6. Kimi Räikkönen (Finnland) Lotus + 35,759;
          7. Romain Grosjean (Frankreich) Lotus + 36,698;
          8. Felipe Massa (Brasilien) Ferrari + 42,829;
          9. Daniel Ricciardo (Australien) Toro Rosso + 45,820;
          10. Sergio Perez (Mexiko) Sauber + 50,619;
          11. Mark Webber (Australien) Red Bull + 1:07,175 Min.;
          12. Timo Glock (Wersau) Marussia + 1:31,918 Min.;
          13. Kamui Kobayashi (Japan) Sauber + 1:37,141;
          14. Nico Hülkenberg (Emmerich) Force India + 1:39,413;
          15. Heikki Kovalainen (Finnland) Caterham + 1:47,967;
          16. Charles Pic (Frankreich) Marussia + 2:12,925;
          17. Pedro de la Rosa (Spanien) HRT + 1 Runde;
          18. Bruno Senna (Brasilien) Williams + 2 Runden;
          19. Witali Petrow (Russland) Caterham + 2 Runden

          Ausfälle:
          - Lewis Hamilton (England) McLaren Mercedes (23. Runde/Getriebe);
          - Narain Karthikeyan (Indien) HRT (31. Runde/Unfall);
          - Pastor Maldonado (Venezuela) Williams (37. Runde/Hydraulik);
          - Michael Schumacher (Kerpen) Mercedes (39. Runde/Unfall);
          - Jean-Eric Vergne (Frankreich) Toro Rosso (39. Runde/Unfall)

          Schnellste Rennrunde: Nico Hülkenberg (Force India) 1:51,033 Min.
          Pole Position: Lewis Hamilton (McLaren Mercedes) 1:46,362 Min.

          Fahrer-Wertung nach 14 von 20 Rennen:
          1. Fernando Alonso 194
          2. Sebastian Vettel 165
          3. Kimi Räikkönen 149
          4. Lewis Hamilton 142
          5. Mark Webber 133
          6. Jenson Button 119
          7. Nico Rosberg 93
          8. Romain Grosjean 82
          9. Sergio Perez 65
          10. Felipe Massa 51
          11. Paul di Resta 44
          12. Michael Schumacher 43
          13. Kamui Kobayashi 35
          14. Nico Hülkenberg 31
          15. Pastor Maldonado 29
          16. Bruno Senna 25
          17. Jean-Eric Vergne 8
          18. Daniel Ricciardo 6

          Team-Wertung nach 14 von 20 Rennen:
          1. Red Bull 298
          2. McLaren Mercedes 261
          3. Ferrari 245
          4. Lotus 231
          5. Mercedes 136
          6. Sauber 100
          7. Force India 75
          8. Williams 54
          9. Toro Rosso 14

          Nächstes Rennen: Grand Prix von Japan am 7. Oktober in Suzuka

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