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Vettel feiert den Titel : Strapazen, Sinatra und seltsame Frisuren

Seltsame Frisuren? Sebastian Vettel in Yokohama

Seltsame Frisuren? Sebastian Vettel in Yokohama Bild: REUTERS

Am Tag nach dem zweiten WM-Titel wirkt Sebastian Vettel nachdenklich. Sein Teamchef nimmt den Erfolg etwas leichter - und den Formel-1-Weltmeister auf die Schippe.

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          Es erinnerte beinahe an den Empfang eines Popstars. Hunderte Japaner warteten die ganze Nacht auf ihn, sie schliefen nicht und harrten geduldig aus vor dem Hauptquarttier von Red-Bull-Sponsor Nissan in Yokohama. Eine der jungen Frauen hatte eine Plakat mitgebracht: „Bleib der Beste – ich werde mein Leben lang dafür die Daumen drücken!“

          Michael Wittershagen
          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch der Weltmeister wirkte angeschlagen, er sprach mit belegter Stimme und musste zwischendurch immer wieder tief Luft holen, um ein wenig Energie nachzulegen. Und um zu begreifen, was um ihn herum passierte.

          Bis in den frühen Morgen hatte er in einem Irish Pub in der Nähe der Rennstrecke von Suzuka seinen zweiten Titel in der Formel 1 gefeiert und die Karaoke-Maschine angeschmissen. Vettel sang „I did it my way“ von Frank Sinatra. „Das Leben kann nicht viel besser sein, als es gerade ist“, sagte er. „So etwas muss man jeden Tag genießen. Aber manchmal müsste man die Zeit anhalten, um das alles  zu verkraften.“

          Vettel rast durch Raum und Zeit, und genau das macht ihn nachdenklich. Manchmal scheint er Angst zu haben, dass er sich selbst überholt: „Wenn du in den Spiegel schaust am Morgen, dann musst du dich selbst sehen. Und du musst glücklich sein dabei.“ Vettel will sich selbst nicht verlieren, er will sich treu bleiben, und daran erinnert er sich immer wieder.

          Rasen durch Raum und Zeit: Zwischenstopp Yokohama für Vettel, Horner, Newey (v.l.)
          Rasen durch Raum und Zeit: Zwischenstopp Yokohama für Vettel, Horner, Newey (v.l.) : Bild: dapd

          Denn die Welt um ihn herum wird immer herausfordernder. Auf der einen Seite stehen die Gegner, die nur auf seine Fehler warten. Und auf der anderen sein Team, das ihn immer wieder in den Himmel lobt. „Sebastian ist unglaublich“, sagte Chefdesigner Adrian Newey und wollte gar nicht mehr aufhören. Vettel wollte es am liebsten gar nicht hören, er schaute zu Boden, als wäre es ihm unangenehm. Danach sagte er: „Ich bin ein ganz normaler Mensch. Aber ich liebe einfach, was ich tue.“

          Da saß einer, der auf keinen Fall den Bodenkontakt verlieren möchte. Kurz nach dem Rennen am Sonntag zeigte ihm der britische Fernsehsender BBC einen Zusammenschnitt von allen Fahrern, die in der Geschichte der Formel 1 mindestens zweimal Weltmeister geworden sind. Unter anderem Juan Manuel Fangio, Ayrton Senna und Michael Schumacher. Als er die Bilder sah, lief Vettel eine Träne an der Wange herunter.

          Im Gegensatz zum Rekordweltmeister aus Kerpen interessiert er sich auch für die Historie seiner Sportart, und schlagartig wurde ihm bewusst, dass er nun zum Klub der Besten zählt. Erinnerungen stiegen in ihm auf, der Film der Kindheit lief vor seinem geistigen Auge ab. „Michael war früher auf der Kartbahn mein Held“, sagte Vettel. Nun stieß er mit Schumacher auf den eigenen Erfolg an. Zusammen haben beide sieben der letzten elf Weltmeisterschaften gewonnen. „Man müsste den Michael fragen, ob das Siegen irgendwann zur Routine wird.“

          Schon lange gilt Vettel als der Kronprinz, nun hat er auch noch die Jagd auf die Rekorde des Besten aufgenommen. „Es ist alles sehr verwirrend“, sagte er. „Ich brauche noch ein bisschen, um das alles zu verstehen.“ Dabei konnte sich seit Wochen niemand außer ihm mehr vorstellen, dass ein anderer diesen Titel gewinnt. Doch ihm ging es nur um die Rennen bis dahin. Einige seiner Gegner taten dies als irgendeine Masche ab, doch Vettel funktioniert wirklich so. Weil er in Japan lediglich als Dritter ins Ziel kam, wollte er unbedingt wissen, warum er diesen Grand Prix nicht gewonnen hatte. Zwei Stunden saß er mit den Verantwortlichen zusammen und diskutierte. Erst danach konnte die WM-Party beginnen.

          Vettel setzt Maßstäbe. Als kleiner Junge mit Zahnspange wollte er einmal den Titel gewinnen, inzwischen hat er diesen schon erfolgreich verteidigt. Beinahe alle Altersrekorde gehören längst ihm. Was soll diesen Kerl überhaupt noch motivieren? Vettel musste nicht lange überlegen und antwortete mit einem Bild. Auch Stunden nach dem Rennen waren die Tribünen in Suzuka noch voller Fans, die kreischten, als er sich ihnen zeigte und riefen seinen Namen. „Diese Momente geben mir so viel Energie. Man kann nicht beschreiben, was in einem vorgeht, man muss es erleben.“ Vettel ist süchtig nach solchen Erlebnissen. „Es gibt nichts anderes in meinem Leben, das mir so eine Genugtuung verschafft. Man will nicht, das es aufhört.“

          „Einige Haarschnitte waren seltsam“

          Deshalb macht er immer weiter, allen Strapazen zum Trotz. „Es wird sehr schwierig für ihn, das zu toppen, was er in diesem Jahr erreicht hat. Aber ich weiß, dass Sebastian nie zufrieden ist, er will immer besser werden“, sagte Teamchef Christian Horner. „Einige seiner Haarschnitte waren in diesem Jahr etwas seltsam, und er muss vielleicht noch ein bisschen an seinen englischen Witzen arbeiten.“

          Den Japanern hat er jedenfalls gefallen. Als er ihnen bewies, dass er in ihrer Sprache sogar bis zehn zählen kann, kreischten sie, als wäre er einer von ihnen. Und als er seine Jacke in die Menge warf, stellte er sogar das Sicherheitspersonal kurz vor eine Herausforderung. Das ist ungewöhnlich in Japan, wo die Menschen so diszipliniert sind wie kaum irgendwo anders. Doch Vettel gelang selbst das.

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