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Vergabe von Formel-1-Cockpits : Panik und Paranoia

  • -Aktualisiert am

Kimi Räikkönen setzt sich seinen Helm auf: Seine Beliebtheit hilft ihm, in der Formel 1 zu bleiben. Bild: Reuters

Talent? Für ein Formel-1-Cockpit brauchen Piloten Geld – oder die richtige persönliche Verbindung. Einer deutschen Nachwuchshoffnung mit berühmten Papa könnte gerade das helfen.

          Irgendetwas stimmt nicht in der Königsklasse des Motorsports. Eigentlich sollten sich dort die besten Fahrer der Welt miteinander messen, die größten Nachwuchshoffnungen einen Landeplatz finden, so auch beim heutigen Rennen in Singapur (ab 14 Uhr im Liveticker auf FAZ.NET). Doch mit Fernando Alonso sagt der kompletteste Rennfahrer der Gegenwart der Formel 1 auf unbestimmte Zeit adios. Der Spanier findet keinen Platz bei einem Topteam, und er ist es leid, mit schlechtem Material hinterherzufahren. Alonso ist nicht mehr kompatibel für einen großen Rennstall mit Werksunterstützung. Zu rebellisch, zu egoistisch, zu unbequem. Aus Sicht der Zuschauer ist es ein Verlust. „Wir hätten Alonso gerne in unserem Zirkus behalten“, gibt Formel 1-Sportdirektor Ross Brawn zu. Der Versuch, den spanischen Bösewicht bei Red Bull zu installieren, schlug fehl. „Fernando hat überall Chaos angerichtet“, winkte Teamchef Christian Horner dankend ab.

          Esteban Ocon ist eines der größten Talente der Formel 1. Der Force-India-Pilot hat in 43 Rennen 132 Punkte gesammelt, fährt konstant am Limit seines Autos. Ocon ist Mitglied des Mercedes-Fahrerkaders und für 2020 im Werksteam eine mögliche Alternative zu Valtteri Bottas. „Er wird eines Tages für uns Rennen und Meisterschaften gewinnen“, ist Mercedes-Teamchef Toto Wolff überzeugt. Doch für 2019 ist der bald 22-jährige Franzose ohne Job. „Vor zwei Monaten standen mir noch alle Türen offen, jetzt stehe ich vor dem Nichts“, sagt Ocon. Er ist das Opfer politischer Interessen und persönlicher Befindlichkeiten.

          Normalerweise wäre Ocon bei Force India weitergefahren. Doch das Team ging pleite. Eine kanadische Investorengruppe um den Milliardär Lawrence Stroll holte den Rennstall aus der Insolvenz. Mit dem Ziel, Strolls Sohn Lance ein besseres Auto zu bieten, als es momentan der Williams ist. Lance Stroll ist durchschnittlich begabt und hätte ohne die väterliche Hilfe Schwierigkeiten einen Platz in dem Feld aus 20 Autos zu finden. Der Kanadier muss sich keine Sorgen machen: money talks. Das könnte Schule machen. Mit Dmitry Mazepin und Michael Latifi drängen zwei weitere Milliardäre mit rennfahrenden Söhnen in die Formel 1.

          Ein Wechsel – und das ganze Fahrerkarussell dreht sich

          Im Juli hätte Ocon immer noch bei zwei Teams landen können. McLaren hätte ihn mit Kusshand genommen, stand kurz vor einem Abschluss, als Renault von der Sache Wind bekam. Der französische Rennstall steckte selbst in der Klemme, das zweite Cockpit neben Nico Hülkenberg zu besetzen. Carlos Sainz hing immer noch an der Nabelschnur von Red Bull und war damit ein Wackelkandidat. Renault-Sportchef Cyril Abiteboul musste sich mit Ocon absichern und stach McLaren aus. Es gab eine unterschriftsreife Option, Zusagen, ein Handschlagabkommen. Bis plötzlich wie aus dem Nichts Daniel Ricciardo auf dem Markt auftauchte und mit seinem überraschenden Wechsel zu Renault das ganze Kartenhaus zum Einsturz brachte.

          Esteban Ocan: Viel Talent, wenig Lobby

          Der Ricciardo-Transfer schlug ein wie eine Bombe. In einer Panikreaktion sicherten sich die Teams mit dem ab, was schnell und einfach greifbar war. McLaren verpflichtete Sainz, Red Bull beförderte Pierre Gasly, Force India bestätigte Sergio Perez. An Ocon dachte niemand. Plötzlich wird die Mercedes-Connection zum Problem. Toro Rosso nimmt aber aus Prinzip keine Fahrer mit dem Mercedes-Stempel auf der Brust.

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